9.05.2016 06:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: sam, sal
SMP
«Mit Milchgipfel Lösungen suchen»
Kurt Nüesch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), sieht im Gespräch statt in der Konfrontation den Ausweg aus der Krise.

«Schweizer Bauer»: Alle auf dem Markt können die Kosten decken: Milchhändler, Verarbeiter, Detailhändler. Einzig die Molkereimilchproduzenten nicht. Warum hauen die SMP nicht mal auf den Putz?
Kurt Nüesch: Ja, das könnten wir und würden es manchmal auch gerne tun. Das würde vielleicht die Gemüter etwas beruhigen. Aber ich glaube nicht, dass es den Milchproduzenten nützt. Wir ziehen es vor, in Verhandlungen und Gesprächen wie zum Beispiel am Milchgipfel Lösungen zu suchen. Es ist aber eine Realität, dass die Milchproduzenten am Schluss der Kette stehen. Die nachgelagerten Stufen tragen kaum mit und wälzen auf sie ab. Gerade in Situationen wie jetzt, wo zu viel Milch auf dem Markt ist, wird das auch ausgenutzt. Wir wollen deshalb den nachgelagerten Marktakteuren erneut die äusserst angespannte Situation aufzeigen.

Das würde aber vor allem ein Bekenntnis zu mehr Wertschöpfung für den Bauern bedeuten?
Die Wertschöpfung sollte ausgewogen unter den drei Stufen verteilt sein. Da haben wir einiges auch in den eigenen Händen. Der Zusammenschluss Miba und Nordostmilch ist so ein kleiner, aber wichtiger Schritt, um die Position der Milchproduzenten zu stärken.

In der Westschweiz wird erneut die Forderung nach einer Milchmengensteuerung erhoben. Die SMP stehen dem heute skeptisch gegenüber. Früher sahen Sie das ja anders…
Es ist immer eine Frage der Umsetzbarkeit und nicht, ob wir das wollen oder nicht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine Regelung nur durchsetzbar ist, wenn sie von einer sehr grossen Mehrheit unterstützt wird. Und letztlich ginge eine Mengensteuerung nicht ohne den Flankenschutz des Staates. Wir haben keine Zwangsmitgliedschaft. Jeder, der nicht mitmachen will, könnte austreten.

Sie haben also Verständnis für die Forderung, sehen aber keine Möglichkeit, sie umzusetzen?
Genau. Wenn ich eine realisierbare Möglichkeit für eine Mengensteuerung sehen würde, wäre ich bei den Ersten, die das angehen würden. Wir prüfen immer alle Vorschläge und bearbeiten sie. Wenn man aber konkret wird, gehen die Vorstellungen weit auseinander. Bereits bei der Frage, was man als Referenz oder als Basis für die Menge nehmen soll, ist die Einigkeit auch unter den Befürwortern einer Mengensteuerung jeweils schnell vorbei.

Die Miba und mehrere kantonale Bauernverbände fordern, dass die fünf SMP-Vorstandsmitglieder, die auch im Verwaltungsrat von Molkereien sitzen, den Vorstand verlassen müssen. Denn es drohen Zielkonflikte zwischen der Rendite der Molkereien und der Wertschöpfung für die Milchbauern. Was sagen Sie dazu?
Die Molkerei-Verwaltungsräte sind nur eine Minderheit von einem Viertel im SMP-Vorstand. Ich bin schon lange dabei, kann mich aber nicht erinnern, dass diese Verwaltungsräte mit ihrem Stimmverhalten Entscheide zu Gunsten der Milchverarbeiter und zu Ungunsten der Produzenten beeinflusst hätten. Ich verstehe, dass es störend wirken kann, aber es sind alles auch praktizierende Milchbauern. Ich habe den ZMP- und den MPM-Präsidenten lieber bei uns eingebunden, damit sie Entscheide auch mittragen. Wir werden aber auch diese Forderung erneut seriös prüfen. 

Die Prolait hält ihre Beiträge an die SMP aus «Protest über Ihre Untätigkeit» zurück. Wie reagieren Sie darauf?
Ich war erstaunt und auch verärgert, wie das zustande kam. Denn wir sind permanent in Kontakt mit den Prolait-Vertretern, die auch bei uns im Vorstand sind und genau wissen, dass wir alles andere als untätig sind. Jetzt ist dieser Beschluss gefasst. Das nehmen wir entgegen und diskutieren im Vorstand das weitere Vorgehen. Unser Ziel ist nicht die Konfrontation, sondern eine Lösung. Dazu trägt sicher der Milchgipfel mit bei, an dem auch diese Anliegen auf den Tisch kommen.
 
Hinter dem Beschluss steckt sicher auch Verzweiflung.
Ja, die Prolait-Produzenten wollten damit offenbar ein Zeichen setzen. Die Situation vieler Milchbauern beschäftigt und berührt mich sehr. Dabei ist auch eine gewisse Ohnmacht, die es für uns alle so schwierig macht. Denn der grösste Teil des Problems ist verursacht durch die desolate Situation auf den internationalen Märkten und den extrem starken Franken, auf die wir null Einfluss haben. Um den Milchproduzenten Perspektiven zu geben, braucht es deshalb auch Korrekturen bei den politischen Rahmenbedingungen.

Kurt Nüesch zu aktuellen Fragen

Zu einer Wiederholung der grossen Sammelkleber-Aktion «Swiss Milk Inside» gegen den Einkaufstourismus:  Eine solche Aktion können wir nur in Zusammenarbeit mit den Verarbeitern und dem Detailhandel machen. Es laufen Verhandlungen, die sehr anspruchsvoll sind. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es wieder eine ähnliche Aktion geben, aber in kleinerem Umfang als letztes Jahr.

Zur aktuellen Lage auf dem Schweizer Milchmarkt: Bis Pfingsten gibt es noch viel Milch. Dann sollte bezüglich Menge der Höhepunkt überschritten sein. Aber eine nachhaltige Entspannung ist leider nicht in Sicht. Denn bei den gegenwärtigen Absatzmöglichkeiten wird die Milchmenge weiter zu hoch sein. Der Absatz läuft verhalten – im Inland und im Export. Und wir haben zu viel Butter an Lager.

Zur Nachfolgeregelung fürs Schoggigesetz: Wir wollen diese Absatzkanäle nicht einfach verlieren. Es geht um 250 Millionen kg Milch, also mehr als 7 Prozent der gesamten Milchmenge. Wir begrüssen es deshalb, dass das Volkswirtschaftsdepartement an einer Nachfolgeregelung für den Schoggigesetz-Mechanismus arbeitet, bei der die Branche eine zentrale Verantwortung haben wird. Dabei wollen wir, dass z.B. beim Milchpulver für Exportschokolade ein Swissness-Bonus resultiert, was heute nur bedingt der Fall ist. Die Belieferung zum Weltmarktpreis macht kaum Sinn, wenn man bessere Alternativen hat! Im Rahmen des Projekts Mehrwertstrategie der Branchenorganisation Milch wird geschaut, wo wir auch im Export mehr Wertschöpfung realisieren können. Für mich ist nach wie vor der Käseexport ein sehr wichtiger Sektor, den wir weiterentwickeln müssen, weil wir dort besonders viel Know-how, Tradition und Möglichkeiten zur Auslobung unserer Vorzüge haben. 

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