6.08.2015 09:56
Quelle: schweizerbauer.ch - Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
Mit 50 Rp./kg noch Geld verdienen?
BLW-Direktor Bernard Lehmann soll öffentlich gesagt haben, es gebe noch Betriebe, die sogar ohne Direktzahlungen kostendeckend Milch produzieren könnten. Doch der gemeinte Betrieb hat mutmasslich höhere Kosten.

Er kenne Betriebe in der welschen Schweiz, die in der jetzigen Situation kostendeckend Milch produzieren könnten, und dies ohne Direktzahlungen. Genau diese Aussage soll Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW), am 9. April in Reiden LU gemäss übereinstimmenden Aussagen mehrerer anwesender Personen gemacht haben.

Besuch in Ependes

BLW-Sprecher Jürg Jordi wiederum gibt die Aussage seines Chefs wie folgt wieder: «Bernard Lehmann hat ausgeführt, dass er einen Betrieb kennt, der dank tiefen Produktionskosten auch bei einem relativ tiefen Milchpreis noch im Stande ist, ohne Verluste Milch zu produzieren.» Gesichert ist, dass Lehmanns Institut an der ETH 2008 die Aussage gemacht hat, für den Milchviehbetrieb der Landwirtschafts AG der Zuckerfabriken Frauenfeld und Aarberg in Ependes VD würde sich bereits ab einem Preis von 50 Rp./kg die Milchproduktion noch lohnen (siehe Kasten).

Lehmann kreuzte an der Podiumsdiskussion in Reiden die Klingen mit Nationalrat Beat Jans (SP, BS), Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes (SBV), sowie Martin Haab, Präsident BIG-M. Und genau dieser Haab und seine Mitstreiter von BIG-M wollten zusammen mit Vertretern der Landi Sursee der Behauptung Lehmanns nachgehen und den angeblich noch rentablen Betrieb besuchen. Nach einem längeren Hin und Her fuhr am 8. Juli eine Gruppe bestehend aus Vertretern von BIG-M und der Landi Sursee nach Ependes VD.

Es braucht mehr

Doch offenbar konnte der Besuch die Bauern nicht überzeugten, dass der Betrieb auch bei den aktuell tiefen Milchpreisen noch kostendeckend produzieren könne. Gemäss Haab existiert gar keine eigene Buchhaltung für den Milchwirtschaftsbetrieb. Denn abgerechnet werde über sämtliche vier Betriebe (Schweine, Ackerbau, Aufzuchtbetrieb und Milchviehbetrieb), die zur Landwirtschafts AG gehörten.

Eine saubere Vollkostenrechnung sei folglich gar nicht möglich. Bei den vorgelegten Zahlen sei aufgefallen, dass diverse Kosten wie etwa für die Raufutterproduktion oder die Aufzucht gar nicht eingerechnet worden seien. «Auch dieser Betrieb bräuchte mindestens 80 Rp./kg, um kostendeckend produzieren zu können», lautet Haabs Fazit.

Die in Ependes ebenfalls anwesenden Mitglieder der Landi Sursee gehen etwas weniger weit. Wie aus einem Schreiben an das BLW im Nachgang an den Besuch hervorgeht, sind aber auch sie überzeugt, dass dieser Betrieb mit den aktuellen Milchpreisen nicht kostendeckend produzieren könne. Für eine kostendeckende Produktion sei ein Milchpreis von mindestens 65 Rp./kg unabdingbar.

Das BLW schweigt

Das BLW ist nicht bereit, die offenbar höheren Produktionskosten des Betriebs in Ependes zu kommentieren: «Es war ausdrücklicher Wunsch des uns empfangenden Betriebsleiters, dass die auf dem Betrieb geführten Diskussionen nicht Eingang in die Medien finden», sagt BLW-Sprecher Jordi.  Martin Haab hält dagegen. Es sei sonnenklar, dass der Betriebsleiter gesagt habe, er möchte die detaillierten Buchhaltungszahlen nicht in den Medien lesen. «Es war aber nie die Rede, dass über diesen Besuch in den Medien nicht gesprochen werden darf», betont er.

Bei 50 Rp. rentabel

BLW-Direktor Bernard Lehmann hat sich bereits als Professor und Leiter der Gruppe Agrar-, Lebensmittel- und Umweltökonomie an der ETH in Zürich mit der Landwirtschafts AG der Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld beschäftigt. In der Zeitschrift «Info Agrar Wirtschaft» 2/2008 mit Vorwort von Lehmann wurde genau diesem Betrieb empfohlen, trotz hohen Investitionen doch in einen neuen Kuhstall zu investieren. Wortwörtlich heisst es: «Auch bei einem Milchpreis von 50 Rappen würde sich dieser Neubau noch lohnen.» sam

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