6.10.2014 06:27
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann, Raphael Bühlmann
Milchmarkt
«Mit Segmentierung ist Menge nicht steuerbar»
Kurt Nüesch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), will mit Illusionen aufräumen. Mit der Segmentierung über die Branchenorganiation Milch (BOM) könne die Milchmenge nicht gesteuert werden. der

«Schweizer Bauer»: Die ausbezahlten Milchpreise sind stark am Sinken. Wann geht es wieder aufwärts? 
Kurt Nüesch: Die Schweizer Milchpreise sind in verschiedenen Segmenten stark von den internationalen Preisen, insbesondere denjenigen in der EU, abhängig. Die Rückgänge dort sind der überwiegende Grund für die erfolgten Preissenkungen. Vor allem die internationalen Eiweisspreise sind bekanntlich drastisch gesunken. Wie es weitergeht, kann im Moment niemand sagen. Das hängt auch wesentlich von der geopolitischen Entwicklung in den kommenden Monaten ab. Im Inland gibt es momentan keinen Grund, die Preise im Detailhandel zu senken. 

Die Milchmenge ist nach wie vor relativ hoch…
Nach den hohen Einlieferungen bis in den Sommer hinein ist die Menge in den letzten Wochen spürbar zurückgegangen. Im Moment wird uns gemeldet, der Markt sei im Gleichgewicht. Das zeigt sich auch an der Butterproduktion.

Haben wir in der Schweiz nicht einen strukturellen Milchüberschuss?
Was bedeutet für Sie «struktureller Überschuss»?

In den letzten Jahren, auch 2013, musste immer Butter exportiert werden.
Beim Milcheiweiss gibt es keinen Überschuss, dieses ist nach wie vor gesucht. Beim Milchfett, das ist so, hatten wir in den letzten Jahren immer einige Tausend Tonnen zu viel, die via die Branchenorganisation Milch (BOM) exportiert wurden. Dieses Jahr erfolgten die Exporte transparent über die C-Milch, die von Lactofama gekauft wurde. 

Kann etwas dagegen unternommen werden?
Die Bearbeitung und Erschliessung neuer Märkte findet permanent statt. Da werden sich auch in Zukunft Möglichkeiten bieten. Sei es im Export von Käse und anderen Spezialitäten aus Schweizer Milch. Auch im Inland bieten sich Chancen. Die Schweizer Bevölkerung wächst und wird auch in Zukunft weiter wachsen. Sehr erfreulich ist, dass die alten Cholesterin-Theorien zunehmend widerlegt werden. Im Moment haben wir einfach im Frühjahr beim Fett noch etwas zu viel. Mit den Marktstabilisierungsmassnahmen über die Lactofama wollen wir dieses vom Markt nehmen und den Inlandmarkt stabilisieren.

Und angebotsseitig?
Hier wird der Strukturwandel von jährlich minus 3 bis 4% bei den Milchbetrieben mit grosser Wahrscheinlichkeit weitergehen. Die Flächenmobilität wird aber nicht grösser. Von vielen Betrieben hört man, dass für sie eine weitere Steigerung der Milchmenge ohne Flächenwachstum wirtschaftlich nicht sinnvoll wäre. Ich gehe davon aus, dass wir den Kulminationspunkt mit der diesjährigen Milchmenge erreicht und in zwei oder drei Jahren auch nicht mehr zu viel Milchfett haben werden.

SMP-Präsident Hanspeter Kern sagt, mit der Lactofama könne man der Segmentierung der Branchenorganisation Milch Nachdruck verschaffen. Wo harzt es denn bei der Umsetzung der Segmentierung?
Die Segmentierung hat ihre Grenzen. Als man sie einführte, gingen viele davon aus, mit ihr könne man auch das Angebot steuern, indem Überschüsse über das C-Segment vermarktet werden müssten. Aber es ist niemand da, der sagt, wer wie viel Überschussmilch hat. Und das C-Segment ist freiwillig – sowohl für die Milchproduzenten wie für die Milchkäufer. Wenn der C-Preis zwanzig Rappen tiefer ist als der B-Preis und niemand zu C-Milch verpflichtet ist, dann geht die Milch eben ins B- oder A-Segment – mit der Folge, dass zu viel Milchfett auf den Inlandmarkt kommt. Niemand wird freiwillig Butter zu Weltmarktpreisen exportieren, wenn er B-Milch eingekauft hat. Das sahen wir in diesem Frühling: Sobald Lactofama aktiv wurde, gab es bedeutende Mengen an C-Milch, davor und danach nur sehr wenig. In dem Sinne hilft die Lactofama bei der Umsetzung der Segmentierung. Von der Vorstellung, dass die Segmentierung ein geeignetes und griffiges Instrument für die Angebotssteuerung sei, müssen wir aber definitiv Abschied nehmen.

In einem Papier der Lactofama steht, dass dank ihr keine unterpreisige Milch an Käsereien verkauft worden sei. Aber laut dem BOM-Reglement müsste für verkäste Milch mindestens der sogenannte «LTOplus-Preis» bezahlt werden, und der lag von Januar bis Juli 2014 immer über 60 Rp./kg.
Im Frühjahr äusserten einzelne Käser, dass sie keine günstige Milch erhielten. Das ist ja mit ein Ziel, das wir von Produzentenseite her zusammen mit der Branche haben, dass der LTOplus-Preis für verkäste Milch eingehalten wird. Gerade diese Woche hat die BOM die Branche wieder aufgefordert, für verkäste Milch den LTOplus-Preis nicht zu unterschreiten. Gemäss Informationen aus der Ostschweiz soll wieder billigere Milch zum Verkäsen auf dem Markt sein. Im Frühjahr, als Lactofama aktiv war, gab es das nicht.

Laut Artikel 37 des Landwirtschaftsgesetzes müssen alle Milchbauern einen Vertrag haben, in dem Menge und Preis festgelegt sind. Das haben aber nur die wenigsten. Warum?
Die Verträge gibt es schon, aber darin sind nicht Menge und Preis für ein Jahr konkret und verbindlich festgelegt. Im Rahmen der Debatte zur AP 14–17 wurde teilweise der Anschein erweckt, mit dieser Bestimmung im Landwirtschaftsgesetz müsse jeder Bauer einen Vertrag haben, in dem Menge und Preis in Kilogramm und Rappen mindestens für ein Jahr fixiert sind. Aber im Gesetz steht nicht, dass im Vertrag Menge und Preis, sondern lediglich Regelungen dazu festgelegt sein müssen.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE