16.01.2016 06:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Milchmarkt
«Ohne Lactofama droht noch mehr Preisdruck»
Kurt Nüesch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), ruft alle Akteure dazu auf, die Milchmenge um 3% zu drosseln. Und es brauche die Lactofama AG: Ohne sie wäre der Richtpreis schon 2015 gesunken.

«Schweizer Bauer»: Wie sehen Sie die aktuelle Marktlage?
Kurt Nüesch: Von der Morgenröte, die sich in den letzten Wochen zeitweise am internationalen Milchhorizont noch abzeichnete, ist im Moment nicht mehr viel zu sehen. Für die EU rechnen die Fachleute bis Mitte Jahr mit keiner Entspannung. Der Grund ist, dass weltweit das Angebot die zurückgegangene Nachfrage übersteigt. In der Schweiz leiden wir zudem unter dem schwachen Euro, der die Importe verbilligt, den Einkaufstourismus fördert und unsere Exporte verteuert. Aber wir wissen aus der Vergangenheit, dass die Situation rasch wieder drehen kann. Wir hoffen alle sehr, dass dies möglichst bald der Fall sein wird.

Ende Dezember lagerten rund 3000 Tonnen Butter. Ist das zu viel?
Es sind sogar mehr als 3000 Tonnen in den Tiefkühllagern. Damit nehmen wir eine erhebliche Hypothek mit ins neue Jahr. Wir haben derzeit Signale, dass es in einzelnen Segmenten Preisdruck gibt. Wenn der Milchfettmarkt nicht im Gleichgewicht ist, führt das zu Unterbietungen insbesondere bei Butter und Rahm. Die aktuellen Butterlager wurden ja nicht aus C-Milch produziert, sonst hätten sie exportiert werden müssen. Die Butter entsteht unter dem Strich übrigens aus über 90 Prozent der Milchmenge und deren Fettgehalt, weil bei fast allen Produkten von der Konsummilch bis zum Käse der Fettgehalt tiefer eingestellt wird, als er in der angelieferten Milch ist.

Mindestens ein Milchhändler zahlt seinen Lieferanten im Februar 2,5 Rp./kg weniger als im Januar. Steht ein breiter Preisrutsch bevor?
Der Druck ist da, besonders beim Milchfett und weil es im A-Segment Absatzeinbussen gegeben hat.

Aber der Richtpreis ist bis Ende März nach wie vor bei 68 Rp./kg.
Ja, das ist so. Und wir engagieren uns mit aller Kraft dafür, dass die Preise im inländischen Detailhandel gehalten werden können und dass keine Wertschöpfung vernichtet wird.

Im vergangenen Jahr konnte der Richtpreis für das A-Segment dreimal nacheinander bei 68 Rp./kg franko Rampe gehalten werden. Marktbeobachter sagten, dies sei schon fast ein Wunder gewesen…
Wunder gibt es im Milchmarkt leider keine! Der Milchmarkt ist ein knallhartes Geschäft. Den Richtpreis dreimal zu halten, war ein ganzes Stück Arbeit, das im Vorfeld jeweils viele Verhandlungen und Überzeugungsarbeit brauchte. Das Halten des A-Richtpreises bedeutete, dass sich das Gesamtpreisniveau bei den wichtigen Produkten im Detailhandel weitgehend gehalten hat. Dies, weil sich die Grossverteiler in der BO Milch zum Richtpreis bekennen.

Ende Februar wird der Richtpreis für die Monate April bis Juni bestimmt…
Es ist im letzten Jahr jedes Mal schwieriger geworden, den Richtpreis zu halten. Die Selbsthilfemassnahmen via die Lactofama AG machten dies im Jahr 2015 überhaupt erst möglich. Ohne die Exporte via Lactofama wäre das Milchfett zum grossen Teil im Inland geblieben, weil wesentlich weniger C-Milch abgerechnet worden wäre. Der Markt wäre zusätzlich unter Druck geraten, und der Milchpreis noch tiefer gesunken. Die Milchmenge wäre aber auch bei einem um 2 oder 3 Rappen tieferen Milchpreis nicht wesentlich geringer gewesen. Dies gilt übrigens auch für die Biomilch.

Nun gibt es aber Organisationen, die sich einen Ausstieg aus der Lactofama überlegen.
Bis Ende April sind die Beiträge zur Finanzierung beschlossen sowohl von Seiten der Lactofama-Aktionäre als auch von Seiten SMP. Was darüber hinausgeht, ist im Moment offen. Für die Entscheidfindung muss man sich die aktuelle Marktlage und Perspektiven vor Augen führen. In erster Linie appelliere ich an alle Akteure, die Menge um 3 Prozent zu drosseln. Bei realistischer Einschätzung ist aber absehbar, dass ohne eine Marktentlastung via Lactofama diesen Frühling mit zusätzlichem Preisdruck und Preissenkungen auf breiter Front gerechnet werden muss. Allen Kritikern innerhalb und ausserhalb der Lactofama möchte ich deshalb nahelegen, ihre Haltung aufgrund der aktuellen Marktentwicklung noch einmal zu überdenken. Wenn der A-Richtpreis nicht gehalten werden kann, sind davon die meisten Molkereimilchlieferanten, aber auch viele Käsereimilchlieferanten betroffen.

Aber jetzt müsste die Lactofama wie letztes Jahr schon im Februar aktiv werden?
Ja, aufgrund der Milcheinlieferungen und der Butterlager müsste mit der Marktentlastung relativ rasch begonnen werden. Etwas Geld ist dazu mit den Beiträgen bis April noch verfügbar. Aber das reicht nur für eine ganz kleine Intervention. Als Nächstes müssen im Februar die Lactofama-Aktionäre entscheiden, ob sie diese Selbsthilfemassnahme weiterführen wollen oder nicht. Im Falle eines positiven Entscheides der Lactofama-Aktionäre werden dann die SMP-Delegierten am 12. April definitiv über die Weiterführung der Finanzierung ab Mai zu entscheiden haben.

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