27.08.2015 09:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Raphael Bühlmann
Milchmarkt
Produktion von 2,85 Mio. kg aufgegeben
Wenn in der Schweiz eine Milchproduktionsmenge von fast 3 Mio. kg nicht mehr reicht, um die Gestehungskosten zu decken, scheint etwas im Argen zu liegen. Der BOM-Vorstand wird am Freitag über den Richtpreis befinden.

Warum soll noch jemand Milch produzieren? Eine gute Antwort auf diese Frage scheinen derzeit viele Milchbauern nicht mehr zu finden. Während sich die Wut der europäischen Milchproduzenten auf den Strassen entleert, scheinen ihre Schweizer Kollegen zu resignieren. Immer mehr stellen die Produktion ein.

Laut der provisorischen Erhebung der TSM Treuhand GmbH werden die Milcheinlieferungen im Monat Juli nochmals um 4,7  Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat sinken. Die Juliproduktion bewegt sich damit unter derjenigen aus dem Jahre 2009, als die Kontingentierung gerade abgeschafft worden ist. 

Keine Wertschätzung

Ein Vergleich solcher Zahlen ist jedoch schwierig, haben doch viele Faktoren wie das trockene Wetter Einfluss auf die Milchmenge. Sollte sich aber langfristig der Abwärtstrend fortsetzen, werden nicht nur die Bauern Leidtragende der Misere sein. Spätestens beim Generationenwechsel werden es sich gerade die Jungen zweimal überlegen, ob sie weiter in die arbeitsintensive, aber brotlose Milchwirtschaft investieren wollen. Gerade die qualifiziertesten Bauern sind nicht zuletzt diejenigen, welche berufliche Alternativen haben.

Ein Beispiel dafür ist die Familie von Milchbauer Walter Streich aus dem zürcherischen Hausen am Albis. «Die Jungen wollen sich nicht der Belastung einer 7-Tage-Woche aussetzen, um dann für das Produkt weder Wertschätzung noch einen angemessenen Preis zu erhalten», sagt der 60-jährige Streich gegenüber dem «Schweizer Bauer». Er habe dies jetzt über 30 Jahre lang mitgemacht, und irgendwann sei halt der «Pfuus» raus. Er nehme es den Jungen auch nicht übel, wenn sie dies nicht mitmachen wollten.

Faire Milch

«Jetzt verdienen wir unser Geld mit Pensionspferden, bei denen  Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis zu demjenigen der Milchproduktion stehen.» Für Streich muss es möglich sein, dass ein Familienbetrieb mit 20 bis 30 Hektaren von der Milchproduktion leben kann. So wäre es für ihn beispielsweise denkbar, dass die Wiesenmilch als «faire Milch» mit einem entsprechenden Preis verkauft wird, wobei bei den Lieferanten die Betriebsgrösse limitiert wäre und auch keine Roboter eingesetzt werden dürften. «Grossbetriebe sind keine Lösung. Öffentliche Leistungen wie Ökologie, Artenvielfalt oder die dezentrale Besiedelung können nur durch familiäre Strukturen sichergestellt werden», so Streich.

Vier Roboter und gibt auf

Dass sich die Milchproduktion auch bei den ganz Grossen nicht mehr zu rechnen scheint, beweist derzeit ein anderes Beispiel in der Zentralschweiz. Wie der «Schweizer Bauer» weiss, stellt einer der grössten Betriebe der ganzen Schweiz die Milchproduktion ein. Für den Betrieb im Kanton Zug mit einer jährlichen Liefermenge von 2,85 Mio. Kilogramm Milch und vier Melkrobotern lohnt sich die Produktion nicht mehr und er steigt aus.

Wegweisendes für die Milchproduktion und -branche wird übermorgen an der Sitzung der Branchenorganisation Milch (BOM) entschieden. Der Vorstand wird den Richtpreis für das letzte Quartal 2015 festlegen. Kommt es zu keiner Einigung, wird der Richtpreis auf der Basis des Indexes des Bundesamtes für Landwirtschaft festgelegt, wodurch es zu einer Anpassung nach unten käme.

Emmi für 68 Rp.

Emmi-Chef Urs Riedener sagt in der «Schweiz am Sonntag», er finde es kurzfristig in Ordnung, den Milchpreis künstlich etwas hochzuhalten. Nach dieser Aussage kann man davon ausgehen, dass Markus Willimann, der Emmi-Vertreter im Vorstand der BOM, am Freitag dem Antrag der Produzenten, den A-Richtpreis bei 68 Rp./kg zu belassen, zustimmen wird. 

Für Verarbeiter/Handel sitzen im BOM-Vorstand: Markus Willimann (Emmi), Lukas Barth (Elsa), Christian Guggisberg (Coop), Jacques Gygax (Fromarte), Stefan Gygli (Migros), Lorenz Hirt (Milchindustrie), Ernst Hofer (Bernische Milchkäufer), Christian Oberli (Ostschweizer Milchverarbeiter), Michel Pellaux (Cremo), Werner Schweizer (Hochdorf). sal

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