22.08.2017 18:53
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Milchmarkt
Richtpreis: Fordernd bis zurückhaltend
Am Mittwoch entscheidet der Vorstand Branchenorganisation Milch (BOM) über den Richtpreis für Molkereimilch im A-Segment für das 4. Quartal. Während der Bauernverband und die Schweizer Milchproduzenten einen höheren Preis fordern, geben sich Verarbeiter und Händler zurückhaltend, wie eine Umfrage von schweizerbauer.ch zeigt.

Seit Monaten verharren die Produzentenpreise für Milch auf tiefem Niveau. Der Richtpreise für industrielle Molkereimilch im A-Segment (geschützter Inlandmarkt) liegt seit mehreren Quartalen bei 65 Rp./kg. Die effektiv ausbezahlen Preise liegen mit 50 bis 60 Rappen je Kilo deutlich darunter. Die Milchbauern vermögen aber mit diesen Preise ihre Kosten kaum zu decken.

Differenz reduzieren

Bei der letzten Festsetzung des Richtpreises konnten sich die Akteure nicht auf eine Erhöhung des Richtpreises einigen. Deshalb kam der BLW-Molkereimilchpreis zum Zug. Dieser blieb im Vergleich zum Vorquartal auf dem gleichen Niveau.

Der Grund für die Beibehaltung des A-Richtpreises auf dem Niveau der vergangenen Monate begründete die BOM aber im Wesentlichen in der Befürchtung, bei einer Preiserhöhung weitere Marktanteile gegenüber Importprodukten und dem Einkaufstourismus zu verlieren. «Der Vorstand war sich aber einig darüber, dass die Differenz zwischen dem A-Richtpreis und dem tatsächlich ausbezahlten Milchpreis für das A-Segment heute nicht in jedem Fall gerechtfertigt ist und deshalb zu reduzieren ist», teilte die BOM damals weiter mit.

EU: Preise erholen sich

In den vergangenen drei Monaten haben sich Preise in der EU seit der Krise von 2016 weiter erholt. Im Juli 2017 erhöht sich der Kieler Rohstoffwert Milch erneut um 1,8 Cent auf 40,0 Cent je Kilogramm Milch. Das sind umgerechnet 45 Rp./kg.

Auch die Milchpreise der Molkereien sind im Steigflug begriffen. Der durchschnittliche Milchpreis der 15 führenden Molkereien Europas ist im Juni im Vergleich zum Vormonat um 0.51 Cent auf 33.69 Cent (38.40 Rp.) gestiegen.  Das sind 29.2 Prozent oder 7.62 ct/kg mehr als im Vorjahresmonat. Den höchsten Milchpreis im Juni bezahlte die italienische Granarolo mit 38.77 Cent (44.20 Rp.). Auf Rang 2 im LTO-Ranking folgt die niederländische FrieslandCampina mit 35.75 Cent (40.80 Rp.).

SBV: Indikatoren sprechen für eine Erhöhung

Aufgrund der steigenden internationalen Preisen, den rückläufigen Milcheinlieferungen in der Schweiz, die Produktion nahm in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahr um 2.6 Prozent ab, sowie den tieferen Butterlagern (40 Prozent kleiner als im Vorjahr), fordern einige Akteure nun eine Erhöhung der Produzentenpreise.

Eine Erhöhung um 5 Rappen fordert der Schweizer Bauernverband. Aufgrund der guten Marktlage und der tieferen Produktion im Inland sei eine Erhöhung angezeigt. «Wir erwarten eine Richtpreiserhöhung und gehen davon aus, dass die BOM eine solche beschliesst. Die Notwendigkeit ist absolut gegeben und auf Grund der positiven Marktindikatoren im In- und Ausland auch gerechtfertigt», macht Bauernverbands-Sprecherin auf Anfrage von schweizerbauer.ch deutlich.

SMP fordert substanzielle Erhöhung

Auch für die Schweizer Milchproduzenten (SMP) ist die Marktlage eindeutig. «Im internationalen Markt ist weiterhin eine klare Tendenz zur preislichen Erholung zu beobachten. Die Milchproduktion ist in Europa saisonal rückläufig, die Butterpreise sind in der EU auf Rekordhöhe», sagt SMP-Sprecher Reto Burkhardt auf Anfrage.

Im Inland sei die Produktion rückläufig, die Butterlager seien auf einem sehr gesunden Niveau, die Butterproduktion tief und der Franken habe sich gegenüber dem Euro abgeschwächt, so Burkhardt weiter. «Die Schweizer Milchproduzenten sind ebenfalls der Meinung, dass es in dieser Marktsituation eine substanzielle Erhöhung der Milchpreise im Inland braucht», so der Sprecher.  Ein ungelöstes Problem sind für die SMP die hohen EU-Magermilchpulverlager.

Migros nimmt nicht mehr teil

Zurückhaltend bezüglich einer Erhöhung geben sich Handel und Verarbeiter. «Die Absätze sind stabil, es ist keine nennenswerte Veränderung feststellbar. Auch im Angebot gibt es keine nennenswerten Veränderungen gegenüber dem Vorjahr, die saisonalen Schwankungen sind im normalen Bereich», teilt die Migros auf Anfrage mit.

Zum Richtpreis und zu Richtpreisforderungen will sich die Migros nicht mehr äussern. «Da wir per Ende Jahr aus der BO Milch austreten, werden wir an der Vorstandssitzung vom kommenden Mittwoch zudem nicht teilnehmen», sagt Migros-Sprecher Luzi Weber.

Emmi: Richtpreis liegt dort, wo er liegen sollte

Der grösste Schweizer Milchverarbeiter Emmi sieht den Entwicklung des Milchmarktes nicht nur positiv. Zwar sei die Milchmenge immer noch rückläufig. «Für das Gesamtjahr 2017 rechnen wir mit einer leicht rückläufigen Milchmenge. Dem gegenüber stehen aber leider auch ein rückläufiger Milchkonsum in der Schweiz und vor allem steigende Käseimporte. Das bedeutet, dass weiterhin mehr Milch angeboten wird, als mit einer guten Wertschöpfung abgesetzt werden kann», mahnt Emmi-Sprecherin Sybille Umiker.

Wie beurteilt Emmi die Chancen auf eine Erhöhung des Milchpreises? «An der Ausgangslage hat sich seit der letzten BOM-Sitzung wenig verändert. Der Richtpreis für A-Milch liegt dort, wo er gemäss Index liegen sollte», so Umiker. Emmi habe aber im Mai für eine Erhöhung gestimmt, um die wirtschaftliche Situation der Bauer zu entschärfen.

Aldi verweist auf Fairmilk

Discounter Aldi konnte den Absatz bei der Milch stabil halten. Bezüglich höherem Richtpreis sagt Aldi: «Wir schätzen den wertvollen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beitrag, den unsere Schweizer Milchbauern leisten, sehr». Deshalb habe Aldi als erster Schweizer Detailhändler eine im ganzheitlichen Ansatz faire Milch lanciert. «Aldi garantiert den Fairmilk-Bauern einen Milchpreis, der rund 7 Rappen über dem Richtpreis liegt», sagt Aldi-Sprecher Philippe Vetterli auf Anfrage von schweizerbauer.ch. Bezüglich der Forderung eines höheren Richtpreises gibt Aldi keine klare Antwort.

Coop: Mehrwert-Milch

Detailhändler Coop bezahlt seit 1. Juli für seine Eigenmarken-Milchprodukte den Schweizer Milchbauern 3 Rp./kg mehr. Coop bekenne sich auch insgesamt zu einem fairen Milchpreis, sagt das Unternehmen gegenüber schweizerbauer.ch. Bezüglich einer Richtpreiserhöhung schweigt sich Coop aus. «Bei Coop ist jeder dritte Liter Konsummilch eine Mehrwert-Milch - dazu gehören Bio (Naturaplan, Demeter), Pro Montagna und Heumilch», sagt Coop-Mediensprecherin Andrea Bergmann. In diesem Bereich bezahle Coop bereits seit Langem einen deutlich höheren Milchpreis. Bei der letzten BOM-Sitzung fehlte jedoch der Coop-Vertreter.

BOM: Konstruktive und kontroverse Diskussionen

Und was sagt die BOM? «Der Präsident und der Geschäftsführer haben bei der Festlegung des Richtpreises kein Stimmrecht, sondern nur eine beratende Stimme. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich in meiner Funktion als neutrale Person zum jetzigen Zeitpunkt keine eigene Einschätzung der Marktsituation mehr abgebe», sagt BOM-Geschäftsführer Stefan Kohler gegenüber schweizerbauer.ch

«Ich möchte aber betonen, dass die Marktakteure im Vorfeld dieser Vorstandssitzung mehr als sonst konstruktive aber auch kontroverse Diskussionen geführt haben. Dies ist für mich ein Zeichen ist, dass sie die Situation sehr ernst nehmen», hebt Kohler hervor.

Hochdorf und Cremo haben die Fragen von schweizerbauer.ch nicht beantwortet.


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