19.08.2020 17:57
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Umfrage
Sollen Kunden Milchpreis bestimmen?
In Deutschland gehen Bauern und eine Detailhändlerin beim Verkauf von Trinkmilch einen neuen Weg. Konsumenten haben eine Milch nach ihren eigenen Wünschen entwickelt. Die Landwirte erhalten einen besseren Milchpreis. Was halten Sie von diesem Projekt? Abstimmen und mitdiskutieren

Seit einigen Wochen gibt es die neue Milchmarke in den Regalen im Bundesland Hessen zu kaufen. Es ist due erste Milch in einem deutschen Supermarkt, die komplett nach den Wünschen der Konsumenten entwickelt wurde.

Die Initianten von «Du bist hier der Chef» haben ein klar definiertes Ziel: Sie wollen die Kontrolle über die Ernährung zurückerlangen. 

Produktionskette kennen

Das wollen sie erreichen, indem sie zusammen den Prozess zu fairen und nachhaltigen Produkten von der Produktion bis hin zur Vermarktung selbst bestimmen. Das verantwortungsbewusste Handeln soll damit gestärkt werden. Bei der neuen Marke ist Transparenz ein entscheidendes, wenn nicht fast das entscheidende Kriterium.

«Wir wollen wissen, wo unsere Lebensmittelprodukte herkommen, wie sie hergestellt werden, welche Qualitätsunterschiede dies bedingt. Tierwohl, regionale Produktion aus Deutschland und faire Vergütung für die Landwirte liegen uns am Herzen», heisst es denn auch auf der Website.

Weide und regionales Futter

Bei einer Online-Befragung haben 9300 Personen entschieden, welche Anforderungen die Milch zu erfüllen hat. Gemäss lebensmittelpraxis.de soll die Milch folgende Punkte umfassen: Die Kühe müssen mindestens vier Monate Weidegang haben, im Stall während der Vegetationsperiode überwiegend Frischgras fressen. Die Futtermittel sollen ausschliesslich regional hergestellt werden. 

Die Anwendung eines neuen Tiergerechtheitsindex (ein Punktesystem mit fünf Einflussfaktoren) soll ein Mehr an Tierwohl im Stall sicherstellen. Der Kriterienkatalog geht über den deutschen Bio-Standard hinaus. Um sich als produzierender Betrieb für die «Verbraucher-Milch» zu qualifizieren, müssen alle Betriebe eine Mindestpunktzahl von 28 Punkten erreichen. -> Hier gehts zum Index

13 Landwirte produzieren für Marke

13 Landwirte der Upländer Bauernmolkerei produzieren nun nach diesen Vorgaben für die neue Marke. Die Konsumenten haben bei der Befragung auch eine fairen Milchpreis für die Bauern gefordert. Und die 13 Landwirte erhalten pro Kilo Milch 58 Cent (62,2 Rp.). Das ist deutlich mehr als der durchschnittliche Preis für Biomilch. Dieser liegt bei 47 Cent (50.4 Rp.).

Landwirt Sven Lorenz, der beim Projekt mitmacht, ist zufrieden. «Die neue Marke ist eine Chance, den Konsumenten tatsächlich mitzunehmen. Wir produzieren genau nach seinem Wunsch und er kann sich mit unserer Milch identifizieren», sagt der Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft Hessen. Der Hof umfasst 32 Hektar Ackerland, 80 Hektar Grünland, 110 Kühe, 90 Rinder und 20 Kälber. Milch ist das Hauptgeschäft. Die gesamte Jahresproduktion von etwa 700'000 Kilo geht an die Upländer Bauernmolkerei.

Auf der Verpackung weist der Schriftzug «Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt» auf die Wahl hin. «Das gab es so alles noch nicht. Die Konsumenten sehen schon auf der Verpackung, was anders ist», so Landwirt Lorenz. «Der Bio-Milch-Marker, den die Universität Kassel regelmässig erstellt, nennt eine, wie ich finde, realistische Grössenordnung von etwa 60 Cent», fährt er fort. Der neue Ansatz sei nach seinen Überzeugungen: Die Milchkäufer bestimmen, wie produziert wird – und bezahlen entsprechend dafür.

Im Laden deutlich teurer

Verkauft wird die Milch seit Ende Juli in rund 400 Filialen des Detailhändlers Rewe im Bundesland Hessen. Im Laden kostet die Milch 1,45 Euro (1,55 Fr.), als deutlich mehr als die anderen Marken in den Regalen. Als erste Variante gibt es frische Bio-Weidemilch mit einem Fettgehalt von mindestens 3,7 Prozent. Weitere zwei Milchvarianten sollen folgen. 

Rewe hat sich gemäss agrarheute.com verpflichtet, die Milch während 3 Jahren im Sortiment zu belassen. Und es gibt bereits Pläne, das Angebot an Produkten unter der Marke «Ich bin hier der Chef» zu erweitern. Im Gespräch sind Eier, Kartoffeln und Butter.

Idee aus Frankreich

Die Idee von «Ich bin hier der Chef» stammt ursprünglich aus Frankreich und wurde 2016 ins Leben gerufen. Wie merkur.de schreibt, gibt es unter dem Namen «C’est qui le patron?!“» bereits bei 35 Produkten. Viele Konsumenten waren tatsächlich bereit, für solche Milch über 2 Franken pro Liter zu bezahlen. 

Das Konzept wurde so gut angenommen, dass es mittlerweile Apfelsaft, Apfelkompott, Butter, Hacksteak, Joghurt und Fertigpizza von «Du bist hier der Chef» gibt. 

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