30.01.2013 18:55
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda
Milchmarkt
Vermisst werden 500 Millionen Kilo Milch
Obwohl seit zwei Jahren alle Milchhändler und -verarbeiter der BOM ihre A-, B- und C-Mengen melden müssen, fehlte letztes Jahr von 500 Mio. Kilo Milch jede Spur. Mehr als 20 Prozent der Silomilch wurden unbekannt verwendet.

Gäbe es ein Unwort des Jahres speziell für den Milchmarkt, es müsste «Transparenz» heissen. Zwei Jahre, nachdem der Milchkauf-Standardvertrag der Branchenorganisation Milch (BOM) vom Bundesrat für allgemein verbindlich erklärt wurde, sind die Verwertungswege der Milch noch immer so intransparent wie Blockschokolade.

Zwar müssten alle Milchverarbeiter und alle Milchverkäufer der BOM quartalsweise melden, wie viel Milch sie im A-, im B- oder C- Segment eingekauft bzw. verarbeitet haben. Doch nach wie vor sind die gemeldeten Mengen weder vollständig noch glaubwürdig, wie eine Recherche zeigt.

Milch «verschwindet»

Am 16. Januar 2013 lieferte die BOM auf Anfrage die gemeldeten Vertragsmengen der ersten drei Quartale 2012. Wie gewohnt klafften die Zahlen auseinander. So haben die Verarbeiter offenbar rund 10 Porzent mehr C-Milch eingekauft, als die Produzentenorganisationen geliefert hatten. Im ersten Quartal 2012 betrug die Differenz gar 17%. Wir erinnern uns: Damals liess die BOM verlauten, dass Butterexporteure nur dann Geld aus dem Marktentlastungsfonds erhalten, wenn sie nachweisen können, dass die entsprechende Menge C-Milch eingekauft wurde. In der Folge wurde neben der «C-Milch zum Weltmarktpreis» auch noch die Kategorie «C-Milch gestützt» geschaffen.

Im B-Segment gab es ebenfalls Unterschiede: Die Verarbeiter wollen in den ersten drei Quartalen des letztes Jahres rund zehn Prozent mehr B-Milch unter Vertrag gehabt haben, als die Produzentenorganisationen verkauften. Dazu kommt, dass sich über alle drei Quartale hinweg etwa fünf Prozent der gehandelten Milch in Luft auflösten. Anders lässt sich jedenfalls nicht erklären, warum 66 Mio. kg Milch zwar von Produzentenseite verkauft wurden, aber nicht bei den Verarbeitern ankamen; beziehungsweise der BOM nie als eingekauft gemeldet wurden.

Nachträglich korrigiert

So weit, so transparent. Richtig undurchsichtig wurde es aber erst, als der BOM-Geschäftsführer Daniel Gerber letzte Woche die gemeldeten Daten des gesamten Jahres vorlegte, inklusive des vierten Quartals. Denn siehe da: Die Gesamtmengen stimmten plötzlich überein! Gerber erklärt: «Die Differenzen zur letzten Information resultieren aus den nachträglich zugestellten Korrekturen und Ergänzungen.» Offenbar haben die Verarbeiter in den letzten Tagen bemerkt, dass sie neun Monaten zuvor 3 Mio. kg Milch weniger C-Milch, aber 50 Mio. kg mehr A-Milch eingekauft haben.

In den letzten Tagen scheint den Produzentenorganisationen auch wieder eingefallen zu sein, dass sie in den ersten drei Quartalen des letzten Jahres 55 Mio. kg mehr A-Milch verkauft haben. Im vierten Quartal geht die Rechnung zwar immer noch nicht auf, weil die Bauern 90 Mio. kg Milch weniger geliefert als die Verarbeiter gekauft haben. Doch wenn man davon absieht, dass die Verarbeiter beinahe 9 Mio. kg mehr C-Milch und 30 Mio. kg weniger B-Milch gekauft als geliefert bekommen haben, stimmt nun wenigstens das Total einigermassen überein. Allerdings nur auf den ersten Blick.

500 Mio. Kilo unbekannt

Die Zahlen der BOM betreffen nicht den gesamten Milchmarkt. Die Angaben zur Segmentierung beziehen sich nur auf Silomilch, wie der BOM-Geschäftsführer zugibt: «Verkäste silofreie Milch, die in den erwähnten Zahlen nicht enthalten ist, gilt definitionsgemäss als A-Milch.» Das macht die Sache weder einfacher noch transparenter. Alles in allem wurden der BOM gemäss (korrigierten) Angaben letztes Jahr 1'700 Mio. kg Silomilch gemeldet. Produziert wurde wesentlich mehr. Gerber: «Verschiedene Mitglieder und Nichtmitglieder der BOM verweigern eine Bekanntgabe der einzelnen Segmentmengen.»

Wenn man zu den gemeldeten Mengen die silofreie Milch dazurechnet (welche laut Milchstatistik letztes Jahr bei rund 1'200 Mio. kg lag), ergibt das 2'900 Mio. kg Milch. Allein bis Ende November wurden laut offizieller Statistik aber bereits 3172 Mio kg. vermarktet; bis Ende Dezember dürften es hochgerechnet 3400 Mio. kg sein. Damit bleibt eine Differenz von 500 Mio. kg Milch, die der BOM weder von den Verarbeitern noch von den Milchhändlern gemeldet wurde. Oder anders gesagt: Von rund jedem fünften Kilo Schweizer Silomilch fehlt – segmentierungsmässig – jede Spur.

Am 12. November 2012 beschloss die BOM ein neues Segmentierungsreglement. Für die BOM-Mitglieder ist es per 1. Januar 2013 in Kraft getreten. Das Gesuch um Allgemeinverbindlichkeit liegt beim Bundesrat.

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