25.06.2017 11:58
Quelle: schweizerbauer.ch - Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
Weisses Gold wird zu billigem Ramsch
Der Schweizer Milchmarkt steckt in einer strukturellen Krise. Ein Grund ist, dass die Verarbeiter nicht auf wertschöpfungsstarke Produkte setzen, sondern auf billige Ware, bei der die Branche nicht wettbewerbsfähig ist.

Wertschöpfung. Dieses Zauberwort nehmen fast alle Verantwortlichen im Schweizer Milchzirkus gerne in den Mund, wenn es darum geht, nach Wegen aus der Krise im Schweizer Milchmarkt zu suchen. In der Praxis passiert aber genau das Gegenteil: Der Anteil der Milch, welche zu Produkten mit hoher Wertschöpfung verarbeitet wird, nimmt laufend ab. Der Anteil an sogenannten «Commodities», also austauschbaren Massengütern, welche im Ausland nur zum Weltmarktpreis oder nicht viel darüber verkauft werden können, steigt und steigt (siehe Kasten).

Das Problem: Nicht nur die Milchbauern, sondern auch die verarbeitende Industrie ist international gesehen nicht wettbewerbsfähig im Bereich dieser Güter. Eine Produktionsmenge von Butter und Pulver, die den Inlandbedarf übersteigt, ist also für die Wertschöpfungskette ruinös.

Gespaltener Markt

Allerdings ist der Milchmarkt klar gespalten. Der Bundesrat hat dies im Bericht «Perspektiven im Milchmarkt» schön herausgearbeitet. Während die ÖLN-Molkereimilch mit ausbezahlten Milchpreisen von teilweise unter 50 Rp./kg preislich nicht mehr vom Fleck kommt, hebt   der Bericht als positive Beispiele die Preise für Käserei- und  Biomilch hervor, welche «dank Differenzierung am Markt» seit 2012 konstant über 70 Rp./kg lägen. Der Bundesrat nimmt denn auch die Branche in die Pflicht, über eine höhere Wertschöpfung für mehr Ertrag bei den Bauern zu sorgen.

Weise Worte...

Bereits am 7. September 2015 hatte der BOM-Vorstand die Erarbeitung einer Mehrwert- und Qualitätsstrategie beschlossen. «Es macht keinen Sinn, dass die Schweizer Landwirtschaft auf Produkte setzt, mit denen sie nur Weltmarktpreise lösen kann. […] Man kann nicht eine spezielle Qualität und eine hohe Sicherheit anbieten und dann dafür nur den Weltmarktpreis erzielen. Da verzichtet man besser gleich darauf.» Diese weisen Worte sprach Markus Zemp, damals noch Präsident der Branchenorganisation Milch (BOM), in einem Interview mit dem «Schweizer Bauer» im Jahr 2015. Was ist dabei bisher rausgekommen? Nichts Zählbares. Die Verabschiedung des Berichts, welche eigentlich für Mai geplant war, wurde vom BOM-Vorstand verschoben.

...ohne Taten

Stattdessen planen die Molkereien eigene Qualitätsstrategien. Während Nestlé für ihre klimafreundliche Milch aber immerhin einen bescheidenen Aufpreis bezahlt, wollen weder die Migros-Tochter Elsa noch die Branchenleaderin Emmi für ihre Programme den Bauern einen Zuschlag bezahlen. Dies, obschon auf die Milchproduzenten offensichtlich Zusatzkosten zukommen, etwa, weil sie ihre Anbindeställe in Laufställe umbauen müssen. Auf der anderen Seite investiert die BOM viel Energie darauf, die sogenannte Nachfolgeregelung fürs Schoggigesetz im Parlament durchzudrücken. Dies, obwohl — etwa über die Butterabräumung — damit genau die Segmente gefördert  werden, die kaum Wertschöpfung bringen und das ganze Milchpreisgefüge in den Keller ziehen.

Butter und Pulver verdrängen Käse

Der Käsefreihandel mit der EU im Jahr 2007 und die gestaffelte Aufhebung der Milchkontingentierung in den Jahren 2006 bis 2009 haben den Schweizer Milchmarkt nachhaltig geprägt. Zum einen wurde die produzierte Milchproduktion ausgeweitet. Während die Gesamtproduktion im Jahr 2006 noch 3,2 Mio. t betrug, wuchs diese rasch an und beträgt seit Längerem stets etwa 3,4 Mio. t und mehr. 2016 betrug die Jahresproduktion 3,44 Mio. t. Entgegen Versprechungen im Voraus ging aber die Mengenausweitung nicht etwa in Produkte mit hoher Wertschöpfung. Bei einer gesamthaften Betrachtung der Im- und Exporte verlor der wertschöpfungsstarke Käsebereich Marktanteile. Im Jahr 2006 wurden 56068 t Käse exportiert. Die Importe betrugen 33356 t. Die Differenz zwischen Ex- und Importen betrug also 22712 t. Zwar stiegen die Käseexporte bis 2016 auf 70198 t, wobei weniger die Sortenkäse als vielmehr Industrieware und billige Imitate aus den Käsereien zunahmen. Die Käseimporte nahmen zudem viel stärker und zwar auf 58183 t zu. Die positive Handelsbilanz ist seit der Einführung des Käsefreihandels im Jahr 2007 auf nur noch 12015 t im Jahr 2016 geschrumpft. Ganz anders Produkte mit schwacher Wertschöpfung wie Milchpulver oder Butter. Die Magermilchproduktion stieg von 23488 t  im Jahr 2006 auf 27340 t im Jahr 2016 an. Das entspricht einem Anstieg von 3852 t oder 16%. Noch stärker wuchs die Butterproduktion. Vor 10 Jahren wurden 34722 t Butter fabriziert. 2016 waren es 46276 t. Das entspricht einem Anstieg von 11554 t oder 33 %.

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