18.08.2015 12:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann, Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
«Wir wollen einen fairen Milchpreis bezahlen»
Lukas Barth ist seit dem 1. April 2015 neuer Leiter Agrarpolitik und Milchbeschaffung der Migros-Molkerei Elsa. Trotz schwieriger Lage auf dem Milchmarkt wolle die Elsa einen fairen Milchpreis bezahlen, sagt er.

«Schweizer Bauer»: Sie haben von der Bundesverwaltung in die Privatwirtschaft gewechselt. Was war Ihre Motivation?
Lukas Barth: Der Milchsektor ist sehr interessant, vielfältig und komplex. Ich spüre bei allen Beteiligten ein sehr grosses Engagement, eine grosse Leidenschaft. Das verwundert nicht, denn die Milch ist für mich das Schweizer Landwirtschaftsprodukt. Und ich stelle fest, dass alle das gleiche Ziel haben: Aus den sehr guten Standortvoraussetzungen – wir sind ein Grasland – glaubwürdige und gute Produkte zu machen. Etwas ist in der Industrie sicher anders ist als beim Bund: Es ist schnelllebiger, die Entscheidungswege sind kürzer, gerade im operativen Geschäft, die Materie ist viel konkreter.

Momentan ist aber die Situation auf dem Milchmarkt extrem schwierig?
Eine grosse Herausforderung ist seit dem 15. Januar der Frankenkurs zum Euro, verbunden mit dem Einkaufstourismus. Bereits für 2013 zeigte eine Gfk-Studie, dass der Schweizer Detailhandel  – und dadurch auch die inländischen Verarbeiter und die Bauern – über 10 Milliarden Franken Umsatz verlieren, 68 Prozent vom Supermarktsegment sind Lebensmittel. Das spüren wir bei der Elsa via Migros eins zu eins. Eine weitere Herausforderung ist die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum Ausland. Dabei zeigen sich bezüglich Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Milchproduzenten grosse Unterschiede.

Und wo sehen Sie Chancen?
Aus meiner Sicht gibt es zwei Wege. Der eine ist Preiskampf, preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Der andere – und darauf setzen wir bei Elsa ganz klar – ist die Qualitätspositionierung. Ich finde, wir dürften durchaus noch selbstbewusster auftreten. Wir haben tolle Standortvoraussetzungen, die naturräumlichen Bedingungen sind gut, und wenn wir es jetzt noch schaffen, mit guten, glaubwürdigen Alleinstellungsmerkmalen unsere Milchprodukte zu positionieren, dann glaube ich, dass wir auch bei offeneren Grenzen eine Chance haben.

Im liberalisierten Käsemarkt legen im Export nicht die Premium-Produkte, sondern die Billigkäse zu. Wenn es schon beim Käse nicht funktioniert, wie soll es dann bei Molkereiprodukten klappen?
Es ist so, wir haben ein höheres Kostenumfeld. Das würde auch bei offeneren Grenzen nicht ganz verschwinden, auch wenn sich gerade im Vorleistungsbereich etwas bewegen würde. Es gibt auch bei den Betriebsstrukturen noch Potenzial, ohne jetzt ein Strukturziel festlegen zu wollen. Ich glaube, dass es im umliegenden Ausland eine Zahlungsbereitschaft und eine Nachfrage nach hoch qualitativen Schweizer Produkten gibt, die Identität vermitteln und deren Glaubwürdigkeit sich auch aus nachhaltigen Produktionssystemen herleitet.

Was könnten denn Alleinstellungsmerkmale sein? Die Wiesenmilch zum Standard zu machen?
Da sind verschiedene denkbar, wenn man auf die Befindlichkeiten der Bevölkerung schaut. Tierwohl bzw. Tiergesundheit ist ein wichtiger Punkt, ebenso der Einsatz von Tierarzneimitteln. Das hängt mit der Genetik , dem Leistungsniveau und der Fütterung zusammen. Welche Ackerflächen beanspruchen wir mit der Fütterung zusätzlich im Ausland? Wie nachhaltig ist das, und was heisst das in Bezug auf die Ernährungssicherheit?

In der Schweiz wird schon heute im internationalen Vergleich wenig Kraftfutter eingesetzt. Muss man überhaupt noch schräubeln, oder müssen wir nicht vielmehr beim Marketing ansetzen?
Es braucht beides. Wir müssen schauen, dass wir in der Produktion glaubwürdig sind und dies dann auch dem Konsumenten erklären.

Konsumenten mögen Familienbetriebe, kleinstrukturierte Betriebe, Bergbetriebe. Damit spielt auch die Migros in der Werbung. Wie passt das mit der Praxis von Elsa zusammen, als Direktlieferanten nur noch Betriebe mit einer Jahresmenge von 350'000 kg anzunehmen?
Bezüglich der 350'000 kg muss ich präzisieren: Für neue Produzenten ist dies das Minimum pro Ladestelle. Mehrere Betriebe können sich aber für eine Sammelstelle zusammenschliessen. Und wir haben historisch bedingt viele Betriebe, die tiefere Jahresmengen haben. Wenn ich von einer nachhaltigen Milch rede, dann umfasst dies nicht nur die Ökologie, sondern auch das Soziale und die Ökonomie. Die Partnerschaft mit unseren Milchlieferanten, seien es Direktlieferanten oder Drittlieferanten, ist für uns zentral. Wir wollen auf Augenhöhe mit ihnen sprechen. Das führt auch dazu, dass wir mit unseren Produzenten stabile Vertragsverhältnisse anstreben.

Im Fleisch- und Getreidebereich hat die Migros einen hohen Anteil Labelprodukte. Aber bei der Milch ist davon wenig zu sehen. Die Wiesenmilch wurde national wieder aus dem Regal gekippt, nur noch in der Migros Aare und Luzern gibt es sie. Warum läuft da nicht mehr?
Ich bin jetzt seit fünf Monaten bei Elsa. Was vorher war, kann ich nicht kommentieren. Wir machen uns Überlegungen in diese Richtung. Wir analysieren mit unseren Produzenten, wo wir heute stehen. Deshalb führen wir im Moment eine Produzentenbefragung durch. Und wir müssen wissen, wo wir hinwollen. Dann können wir uns überlegen, mit welchen Alleinstellungsmerkmalen man sich am Markt positionieren kann.

Ist das gute Produkteportfolio der Elsa dafür verantwortlich, dass sie im Milchpreismonitoring so weit vorne liegt?
Zu den Milchpreisen unserer Mitbewerber kann ich mich nicht äussern. Unser Ziel ist, eine möglichst hohe Wertschöpfung zu erzielen. Sicher sind wir in einem Produktebereich tätig, in dem die Wertschöpfung gut ist. Es ist uns auch sehr wichtig, innerhalb von Elsa möglichst effizient zu arbeiten. Die Stärke der Elsa liegt in den grossen Mengen. Das ermöglicht uns, den Kunden am Verkaufspunkt ein qualitativ gutes Produkt zu einem konkurrenzfähigen Preis anzubieten. Wir wollen aber auch eine partnerschaftliche Beziehung zu unseren Produzenten haben und ihnen einen fairen Milchpreis bezahlen. 

Sie haben ja nicht nur Direktlieferanten, sondern auch Poollieferanten. Diese erhalten franko Rampe den gleichen Preis, nehmen wir an?
Zu Preisdetails kann ich mich nicht äussern. In unserem Milchpreissystem bezahlen wir konsequent Inhaltsstoffe. Weil wir pro kg Milchfett und Milcheiweiss abrechnen, sind Milchpreisvergleiche schwierig. Wir bekennen uns zum A-Richtpreis der Branchenorganisation Milch (BOM) und bezahlen diesen auch. Entscheidend ist auch die Qualität, weshalb unser Labor offiziell akkreditiert ist. 

Und doch, bei der letzten Richtpreisfestlegung gab es heftige Debatten. Bei der nächsten Festlegung für das 4. Quartal wird das wohl nicht anders sein…
Die Interessen sind natürlich zum Teil unterschiedlich. Aber das Ziel ist ja, dass man sich am Schluss findet. Ich glaube, es ist ein sehr gutes Resultat, das aus der letzten Diskussion herausgekommen ist, gerade mit dem Bekenntnis der Verarbeiterseite zum A-Richtpreis von 68 Rp./kg. Aber es ist klar, dass ein Preis auch nicht allzu abgekoppelt von den Marktrealitäten sein darf.

Muss also aus Ihrer Sicht der A-Richtpreis nun sinken?
Dazu kann ich mich noch nicht äussern. Es ist Aufgabe des BOM-Vorstands, den Richtpreis festzulegen.

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