Montag, 6. Dezember 2021
21.10.2021 06:32
Absicherung

70 Prozent der Bäuerinnen nicht abgesichert

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Von: Renate Hodel, lid

In Bezug auf die soziale Absicherung in der Schweizer Landwirtschaft gibt es grosse Lücken – in den meisten Fällen sind die Frauen die Leid tragenden. Während der Bundesrat an einer Gesetzesanpassung für eine Verbesserung dieser Situation arbeitet, wollen Landwirtschaftsverbände die Bäuerinnen und Bauern mit einer Sensibilisierungskampagne zur Selbstinitiative animieren.

Auf zahlreichen Schweizer Landwirtschaftsbetrieben gibt es laut Unterlagen des Bundesamtes für Landwirtschaft Lücken, was die Entschädigung für die Mitarbeit auf dem Hof und die soziale Absicherung von Familienmitgliedern – besonders Frauen – angeht.

Kampagne lanciert

Der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV), der Schweizer Bauernverband (SBV), die Vereinigung Prométerre und die Versicherin Agrisano wollen die soziale Absicherung in der Landwirtschaft nun proaktiv vorantreiben und unabhängig von der Agrarpolitik verbessern.

Mit der Kampagne «Verantwortung wahrnehmen. Fürs Leben rüsten.» wollen die Landwirtschaftsverbände Bauernfamilien – besonders Bäuerinnen – für eine bessere soziale Absicherung sensibilisieren. Denn die Lücken seien riesig, sagte Anne Challandes, Präsidentin des SBLV, anlässlich der Lancierung der Kampagne diese Woche.

Nur eine Minderheit mit sozialer Absicherung

In der Schweizer Landwirtschaft arbeiten laut Anne Challandes heute mehr als 54’000 Frauen, 12’000 davon setzten sich Vollzeit auf dem jeweiligen Betrieb ein. Nur 3’300 seien Betriebsleiterinnen – damit seien weniger als 7 Prozent der rund 50’000 Schweizer Bauernhöfe von Frauen geführt. Mehr als 43’000 der in der Landwirtschaft tätigen Frauen seien Familienangehörige des Landwirts, die meisten von ihnen Ehefrauen.

Und nur 30 Prozent dieser 43’000 Familienarbeitskräften seien bei der AHV als Arbeitnehmerinnen oder Selbstständige gemeldet und würden ein Einkommen beziehen. «Daraus lässt sich ableiten, dass die anderen 70 Prozent für ihre Tätigkeit auf dem Betrieb nicht direkt entschädigt sind und ohne Einkommen gilt eine Person als nicht erwerbstätig», rechnete Anne Challandes vor.

Lücken schliessen

Verheiratete Frauen könnten dank der Beiträge des Ehemannes im Ruhestand oder bei Invalidität zwar immerhin von einer Mindestrente profitieren, aber das Risiko von Lücken sei nicht ausgeschlossen. Ohne die richtige soziale Absicherung bleibe auch verheirateten Frauen der Zugang zur 2. Säule oder zur Mutterschaftsversicherung verwehrt und in den meisten Fällen sei eben keine Altersvorsorge vorhanden.

Bei Scheidungen verkompliziere sich das Ganze noch: «Wenn die Eigentums- und Finanzverhältnisse zwischen der Ehegattin und dem Ehegatten nicht vorher geklärt wurden, ist es für die Bäuerin schwierig, ihre finanziellen und arbeitsbezogenen Beiträge nachzuweisen», erklärte Anne Challandes weiter. Diese und viele weitere Lücken gelte es nun endlich zu schliessen und die diese Woche gestartete Sensibilisierungskampagne solle dieses Vorhaben unterstützen.

Standortbestimmung

Die Kampagne solle Landwirte und Bäuerinnen animieren, ihre Situation zu überprüfen und bei Lücken im Bereich der sozialen Absicherung bei Möglichkeit nachzurüsten. Eine der grossen Schwierigkeiten in dieser Thematik sei aber oft das notwendige Wissen, führte Hanspeter Flückiger, Geschäftsleitungsmitglied der Agrisano, aus.

Hier soll in erster Linie ein neu eingerichteter und einfacher Online-Selbstcheck helfen und Verbesserungspotential zu Tage führen: Der Fokus liege dabei auf der Prüfung der Bereiche Taggeldversicherung, Risiko- und Altersvorsorge sowie Einkommensteilung, erklärte Hanspeter Flückiger weiter: «Jede Bäuerin und jeder Bauer kann unverbindlich und ohne Angabe von Personalien aufgrund ihrer ausgewählten Lebenssituation anhand von wenigen Fragen prüfen, wie die individuelle Absicherung aussieht.» Untereilt seien die Lebenssituationen nach Merkmalen wie, wird einer auswärtigen Tätigkeit nachgegangen, wird der Partnerin ein Lohn ausbezahlt oder wird kein Lohn ausbezahlt.

Hilfe herbeiziehen

Wünsche eine Person dann im Anschluss aufgrund des Resultats vertiefte Informationen oder eine Beratung, könne sie ihre Kontaktdaten eingeben. Sie werde anschliessend vertraulich durch einen Berater des jeweiligen kantonalen Bauernverbands kontaktiert.

Das niederschwellige, kostenlos zur Verfügung gestellte Beratungsangebot könne dann bereits helfen, den Schutz individuell zu verbessern. «Nur im Rahmen einer persönlichen Beratung lassen sich die individuelle Situation und die vorhandenen Wünsche aufnehmen und beurteilen», verdeutlichte Hanspeter Flückiger.

Die Angst, dass dies dann sofort mehr Ausgaben bedeute, sei unberechtigt, meint er weiter. Eine Beratung führe nicht unbedingt automatisch zu mehr Kosten. Je nachdem könne sich auch Sparpotential ergeben. In der Regel finde man ausserdem Lösungen, die den verschiedenen finanziellen Möglichkeiten Rechnung tragen würden. Neben den finanziellen spielten schliesslich auch gesundheitliche Aspekte mit.

Recht zu sozialer Absicherung

Eines der Hauptprobleme in Bezug auf die soziale Absicherung in der Landwirtschaft sei es halt, dass man keinen Betrieb mit dem anderen vergleichen könne, gab Markus Ritter, Präsident des SBV, zu bedenken. Entsprechend müssten auch die Lösungen sehr individuell ausgearbeitet werden. «Aber es ist unbestritten: Die Frauen haben ein Recht, für alle Eventualitäten sozial abgesichert zu sein», gab er weiter zu verstehen.

Und: Soziale Absicherung gehe alle an. Mit der Kampagne sollen darum auch die Männer angesprochen werden. «Es soll ihnen bewusst sein, dass eine gute soziale Absicherung nicht nur ein Frauenanliegen ist», ergänzte Markus Ritter. Und da der Staat einem eine gewisse Selbstverantwortung nicht abnehmen könne, müsse man das Thema gemeinsam anpacken und für Verbesserungen sorgen.

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One Response

  1. Frauen, die unbezahlten Tätigkeiten nachgehen, dürfen nicht abschätzig als „Erwerbslose“ bezeichnet werden. Die „soziale Absicherung“ von Mann und Frau in der Landwirtschaft kann nur durch umsichtige, ganzheitliche Agrarpolitik gelöst werden, wie sie einmal in der „Agrarpolitik 2022+“ zur Diskussion gestellt wurde.

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