Dienstag, 15. Juni 2021
13.06.2021 10:30
Agrarinitiativen

Agrarinitiativen: Ein Ziel, zwei Wege

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Von: sda

Mit der Trinkwasser- und der Pestizidinitiative wollen zwei Bürgergruppen erreichen, dass die Produktion von Nahrungsmitteln der Umwelt weniger schadet. Ansetzen wollen die beiden Initiativen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz» setzt bei der Landwirtschaft an. Direktzahlungen vom Bund sollen nur noch Betriebe erhalten, die ohne Pestizide und ohne vorbeugend verabreichte Antibiotika produzieren.

Umstellung in 8 Jahren

Ausserdem sollen Bauern nur so viele Tiere halten dürfen, wie sie mit auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können. Auch die landwirtschaftliche Forschung, Beratung und Ausbildung soll nur unter Auflagen Geld vom Bund erhalten. Die Umstellung müsste nach einem Ja innerhalb von acht Jahren erfolgen.

Hinter dem Begehren steht der Verein «Sauberes Wasser für alle». Mit jährlich 3,5 Milliarden Franken für Subventionen werde eine Lebensmittelproduktion mitfinanziert, die die Umwelt zerstöre und das Trinkwasser verschmutze, argumentiert er. Es will mit den Steuergeldern eine zukunftsfähige Landwirtschaft fördern.

«Mit der Trinkwasserinitiative gibt es eine Kostenwahrheit», sagte Franziska Herren von der Trinkwasserinitiative an der Pressekonferenz vor einigen Wochen.
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Argument Gesundheit

Die Initiative «für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» dagegen will diese Substanzen verbieten, und zwar nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in Gärten und öffentlichen Anlagen. Und Lebensmittel, die synthetische Pestizide enthalten oder mit ihnen produziert worden sind, sollen nicht mehr importiert werden dürfen.

Die Initianten argumentieren mit der Gesundheit: Synthetische Pestizide befänden sich im Essen, im Wasser und würden über die Luft transportiert. Besonders Kinder und Ungeborene seien gefährdet; bei Erwachsenen könnten diese Pestizide Krebs auslösen. Auch Pflanzen und Tiere litten unter diesen Pflanzenschutzmitteln.

Das Komitee der Pestizid-Initiative  wirbt mit dem Pestizidkleber auf der Babybrust.
zvg

«Weiter so» sei keine Option

Die neuen Verfassungsbestimmungen müssten nach einem Ja innerhalb von zehn Jahren umgesetzt werden. Hinter dem Begehren stehe eine Gruppe engagierter Personen, darunter Winzer, Ärztinnen und Wissenschaftler, schreibt das Komitee, dessen Mitglieder in der Westschweiz wohnen.

Umweltverbände, darunter Pro Natura, Greenpeace, WWF Schweiz, Bird Life Schweiz und der Fischerei-Verband, unterstützen beide Begehren. «Weiter so» sei keine Option. Die Folgen von Insektensterben, Wasserverschmutzung, Verlust der Bodenfruchtbarkeit und naturnaher Lebensräume verursachten enorme Kosten.

Die Verbände kritisieren die Sistierung der Agrarpolitik 2022+ im Parlament. Die Menschen hätten es satt, dass die Politik ihr Anliegen – eine umweltfreundlichere Landwirtschaft – nicht aufnehme, stellte Ständerätin Adèle Thorens Goumaz (Grüne/VD) zum Kampagnenstart fest.

Verzicht oder Ausstieg

Das Parlament hat indes ein Gesetzespaket beschlossen, um die Risiken durch den Pestizideinsatz bis 2027 gegenüber dem Zeitraum 2012 bis 2015 zu halbieren. Gestützt darauf schlägt der Bundesrat Anpassungen in Landwirtschaftsverordnungen vor, mit denen das Wasser sauber bleiben soll. Voraussichtlich 2023 sollen sie in Kraft treten.

Aus Sicht der Gegnerschaft gäbe es mit einem Ja zu den beiden Initiativen künftig weniger einheimische Produktion, mehr Importe sowie höhere Lebensmittelpreise. Bereits das heutige System belohne besonders ökologisch produzierende Betriebe, schreibt der Bauernverband.

Die Vorgaben der Trinkwasserinitiative könnten viele Betriebe nicht erfüllen. Sie hätten zwei Optionen: Aufgeben oder ohne Direktzahlungen arbeiten – und entsprechend auch ohne die Auflagen des ökologischen Leistungsnachweises. Die Pestizidinitiative wolle die Schweiz bei Lebensmitteln «zum politisch erwirkten Bioland» machen, kritisiert der Bauernverband.

Das vom Parlament angenommene Pestizid-Gesetz reduziert den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln massiv.
zvg

Ja und Nein von Bio Suisse

Bio Suisse unterstützt zwar die Pestizidinitiative, hat aber ein Nein zur Trinkwasserinitiative beschlossen. Diese letztere wolle das Problem allein auf dem Buckel der Bauern lösen. Bio Suisse befürchtet auch, dass einem Ja viele Bauern auf Direktzahlungen verzichteten, was unter dem Strich zu weniger Ökologie führe.

In den bisher veröffentlichten Abstimmungsumfragen stossen beide Initiativen auf Zustimmung. In der Tamedia-Umfrage sagten 54 Ja zur Trinkwasserinitiative und 53 Prozent Ja zur Pestizidinitiative. In der SRG-Umfrage erhielt die Trinkwasserinitiative 54 Prozent Zustimmung und die Pestizidinitiative 55 Prozent.

Bundesrat und Parlament lehnen beide Initiativen ab. Auch SVP, FDP und die Mitte-Partei haben zu beiden Initiative die Nein-Parole beschlossen. SP, Grüne und EVP befürworten die Volksbegehren. Die Grünliberalen empfehlen ein Ja zur Trinkwasserinitiative. Zur Pestizidinitiative haben sie Stimmfreigabe beschlossen.

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20 Responses

  1. Wird eine det beiden Initiativen angenommen, sofort Grenzen für Nahrungsmittel schliessen.
    Dann kann ich auch mit der hälfte meiner Yproduzierten Menge gut leben.
    1 lt Milch kostet dann 5 Fr.eventuell auch 10 Fr.

  2. Wenn die Trinkwasser Initiative angenommen wird, wird mein Trinkwasser auch nicht besser. Grünland welches früher noch gemäht wurde,wird heute nur noch geweidet. Ich habe 21 koli und 38 Enterokoken in meinem Trinkwasser.

  3. Für 3,5 Milliarden die der Bund zur Zeit an die Bauern ausgibt, kann die Biolandwirtschaft gefördert und unterstützt werden. Die Nichtbiobsuern müssen umgeschult werden mit finanzieller Unterstützung. Importe von südamerikanischem Kraftfutter für Mastrinderund Munis braucht es nicht mehr. Etwas weniger Sleischkonsum und das ganze funktioniert und der Natur geht es viel besser. Auch das Trinkwasser wird viel besser.

      1. Er kommt vielleicht für 100Fr. pro Std., aber nur einmal, weil es ihm zu streng ist.
        Und die Nahrungsmittel sollen nichts kosten.
        Wenn sie etwas teurer sind, dann fährt Hans mit seinem Auto ins Ausland und kauft billige gespritzte Nahrungsmittel.

        1. So kommen halt eben Initiativen raus, wenn sich soviel Angst hasen Höseler von Bauern von den Lobby s und Blocherpartei irreführen lassen.

      2. Schade hast du nicht verstanden, dass bei einem gesunden Boden die Unkräuter nicht mehr in Massen auftreten müssen. Der Gedanke Unkraut zu vernichten, ob chemisch oder manuell ist grundlegend falsch. Unkraut darf und soll die Hauptkulturen begleiten und damit zur Biodiversität verhelfen; ebenso wird der Boden dadurch wieder hergestellt. Die 20% weniger Ertrag machen den Wegfall von Pestiziden oder Jätarbeit längst wett.

    1. Hans Hauert, sie haben die ideologische Lehre der Linken gut widergegeben.
      Nur, ob die Natur dann besser funktioniert, ist fraglich. Die Linken haben ihre Geschichts-Lektionen noch nicht aufgearbeitet.
      Der wichtigste Faktor bezüglich Umwelt ist der Mensch. Wenn ihm die Freiheit genommen wird und ihm alles vorgeschrieben wird (wie via die beiden Agrarinitiativen), dann wird der Mensch verantwortungslos und die Umwelt und Wirtschaft leidet. Deutlich zu sehen in der damaligen UdSSR und DDR.

          1. Das ist alles harmlos. Schlimm wäre nur, wenn Leute wie Sie an die Macht kämen. Aber dazu kommt es nicht.

          2. Was soll dieser dumme Kommentar, BergLina? Bist du so verblendet und unfähig eine andere Meinung anzuhören?

      1. Nur zur Info: In den Volkseigenen Betrieben des Ostblocks wurden Pestizide wie blöd versprüht, um die Produktionsziele zu erreichen – die hätten diese Initiative als „kapitalistisch subversiv“ verteufelt. Das hat nichts mit Links und Rechts zu tun.

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