Dienstag, 15. Juni 2021
07.06.2021 10:10
Trinkwasserinitiative

«Bei einem Ja produziere ich ohne Direktzahlungen»

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: rup

Für Gemüsebauern machen die Direktzahlungen gerade mal ein bis zwei Prozent vom Gesamterlös aus. Deshalb würde auch Beat Bösiger aus Niederbipp BE eher auf Direktzahlungen als auf Pflanzenschutzmittel verzichten.

«Schweizer Bauer»: Wieso engagieren Sie sich als Gemüseproduzent gegen die Agrarinitiativen?
Beat Bösiger: Sie sind radikal, gefährlich und kontraproduktiv. Speziell im Gemüsebau haben wir Kundenanforderungen an unsere Produkte. Auf der einen Seite von den Grossverteilern und vom Handel, auf der anderen Seite von den Endkonsumenten. Wenn man schaut, wie die Kunden in den Läden ihr Gemüse auswählen, dann nehmen sie nie den obersten Salat oder die erste Gurke. Es wird alles angefasst, um zu schauen, ob es noch etwas Besseres und Schöneres gibt. Da mag es keine Laus oder keine Raupe leiden. Wenn ein Schädling oder Fäulnis in der Ware ist, wird sie retourniert. Ohne Pflanzenschutz bringen wir die Qualität nicht hin. Stimmt die Qualität nicht, stimmen auch die Erträge auf den Feldern nicht. Somit wäre die Wirtschaftlichkeit unserer Betriebe nicht mehr gegeben.

Betrifft die Problematik alle Gemüsesorten?
Hier muss man sicher unterscheiden. Ein typisches Produkt, das man in der Schweiz fast nicht mehr produzieren kann, ist der Rosenkohl. Dieser ist unter anderem sehr anfällig auf die Weisse Fliege. Da wurden in den letzten Jahren so viele Insektizide gestrichen, da diese als gefährlich erachtet worden sind. Mit den noch erlaubten Pflanzenschutzmitteln ist die Produktion von marktfähigem Rosenkohl fast unmöglich. Jetzt wird einfach mehr importiert, weil wir die benötigten Mengen nicht mehr liefern können. Aber: Auf dem Import-Rosenkohl sind die bei uns verbotenen Insektizide drauf. Da wird der Schweizer Produzent schon heute benachteiligt.

Biobetriebe stellen aber auch qualitativ hochstehende Produkte her.
Mein Sohn führt einen Biobetrieb. In der Vermarktung sind die Qualitätsanforderungen dieselben wie im konventionellen Anbau. Die Initiativen wären im Biolandbau sogar ein noch grösseres Problem. Da gibt es jetzt schon sehr wenige Möglichkeiten. Auf der Hilfsstoffliste von Bio Suisse sind mehrere synthetische Pflanzenschutzmittel zugelassen, die nachher nicht mehr erlaubt wären. Hätte sich das regnerische Wetter von Mai noch zwei Wochen hingezogen, hätten wir richtige Probleme bekommen. Gerade bei den Kartoffeln mit der Krautfäule. Wenn man diese im Mai nicht bekämpfen kann, haben wir später keine Ernte. Früher gab es in Irland Hungersnöte, weil man die Krautfäule nicht bekämpfen konnte. Da wären wir wieder gleich weit.

Gibt es auch Kulturen, für die ein Pestizidverbot kein Problem darstellen würde?
Es gibt Kulturen, wie Zucchetti oder Nüsslisalat, die praktisch ohne Pflanzenschutzmittel auskommen. Aber wir können natürlich nicht nur auf diese Kulturen setzen.

Die Trinkwasser-Initiative (TWI) setzt bei den Direktzahlungen an. Wie hoch ist deren Anteil am Gesamterlös in Ihrem Betrieb?
Bei uns ist der Anteil unter einem Prozent. Weil es für die ganze Gewächshausfläche keine Direktzahlungen gibt, liegen wir damit noch unter dem Branchendurchschnitt. Deshalb steht für uns bei einer Annahme der TWI fest: Wir würden aus dem Direktzahlungssystem aussteigen. Genauso wie wohl die meisten Betriebe mit Spezialkulturen wie Gemüse, Obst, Wein oder Kartoffeln.

Wieso kämpfen Sie denn überhaupt gegen die TWI, wenn Sie ganz einfach auf die Direktzahlungen verzichten könnten?
Das muss man natürlich ganzheitlich anschauen und nicht nur auf den eigenen Betrieb herunterbrechen. Wenn die TWI angenommen würde, wissen wir nicht, was unsere Kunden, respektive die Grossverteiler, von uns verlangen würden. Verlangen sie trotzdem noch die Einhaltung des ökologischen Leistungsnachweises? Das könnte durchaus sein. Stand heute kann uns das aber noch niemand sagen. Darum müssen wir jetzt einfach beide Agrarinitiativen ablehnen und dann das Pestizidgesetz umsetzen. Mit diesem kommen wir weiter.

Zur Person

Beat Bösiger führt den Gemüsebaubetrieb Bösiger Gemüsekulturen AG in Niederbipp BE. Der Betrieb umfasst 12 Hektaren Gewächshäuser und 140 Hektaren Anbau im Freiland. Je nach Saison beschäftigt der 51-Jährige zwischen 80 und 200 Mitarbeiter. rup

Mehr zum Thema
Politik & Wirtschaft

«Cerise des Coteaux du Ventoux» - zvg Die EU-Kommission hat dem Antrag Frankreichs zur Aufnahme der «Cerise des Coteaux du Ventoux» in das Registerder geschützten geografischen Angaben (g.g.A.) stattgegeben. Wie…

Politik & Wirtschaft

Ziel der Beihilfen sei es, die Landwirte für die durch den Ausbruch des Coronavirus verursachten Einkommensverluste zu entschädigen. - pixapay Die Europäische Kommission hat ein slowenisches Programm in Höhe von…

Politik & Wirtschaft

Kelvin Stuttard Der weltgrösste Fast-Food-Konzern McDonald’s ist Opfer einer Cyber-Attacke geworden. Eine interne Untersuchung ergab nach Angaben des Unternehmens vom Freitag, dass Hacker Zugriff auf eine geringe Anzahl von Dateien…

Politik & Wirtschaft

Das Verbot stösst auch bei Agrarverbänden auf Zustimmung. - zvg Das Europaparlament machte Druck gegen die Haltung von Geflügel in Käfigen. Die EU-Abgeordneten sprachen sich für ein Verbot nach einer…

15 Responses

  1. Bösiger ist bereits heute schlau genug, dass er alles machen bzw. einsetzen kann, was er will und für nötig betrachtet.
    Wenn er auf die DZ verzichtet muss er kaum etwas ändern. Er kann jedoch auch nicht intensiver produzieren als jetzt schon.
    Da die DZ an seinem Rohertrag bereits jetzt einen kleine Anteil ausmachen, würde ich an seiner Stelle schon jetzt darauf verzichten.
    Er könnte sich die unnötige Administration und mühsame Kontrollen – den ganzen Leerlauf -ersparen!!

    1. Problem: Die Abnehmer verlangen den ÖLN. Das heisst, die Administration muss so oder so gemacht werden. Mit den DZ wird dieser Aufwand abgegolten.

  2. Verstehe das nicht mit dem Rosenkohl bin bloß ein Hobby Gärtner. Pflanze nur 10 Rosenkohl für den eigen Gebrauch. Spritze nichts und lockere den Boden.
    Habe immer super schönen und viel Rosenkohl. Wird wohl bei hunderten Kohl nicht möglich sein. Oder Verstehe ich es einfach nur nicht

    1. Kommt halt auf den Schädlingsdruck drauf an. Ihr Garten liegt evtl. in einer Region, wo dieser bezüglich Weisser Fliege nicht gross ist. Ich kann bei mir im Garten z.B. keinen Brokkoli anbauen, die Weissen Fliegen sind sofort da.

  3. Bauern wären für die Vermarktung angewiesen auf landw. Genossenschaften, weil sie den Boden auslaugen, wenn sie unternehmerisch denken müssen. Gewinnmaximierung heisst für den Bauern Humusaufbau.

  4. das Beispiel von Herr Bösiger zeigt auf wie komplex die Landwirtschaft ist und wie schwierig eine gerechte Landw.Politik ist . Vielleicht wäre es sowieso besser dass Nahrungsmittel über den Preis und nicht über DZ. finanziert würden und die Ökologie von Steuerzahler . darum 2mal Jein

    1. Na ja: Beat Bösiger ist gemüsebauer, broduziert nicht nur eine harase gemüse. Er kennt sein handwerk. Bei einer annahme freuen sich die grossverteiler, wenn in der ch nicht mehr genügend gemüse broduziert wirt. Ostblock läst grüsen natürlich auch billiger. 40 tönner werden durch die dörfer fahren und die verteilc. Anfahren. An alle befürworter jammert dan nicht. Grus chauffeur

  5. Naja, die Iren hatten eine Hungersnot, weil alle auf das selbe Pferd gesetzt haben. Die Kartoffel. Hätten sie nur 1/3 Kartoffeln gelegt und 2/3 andere Grundnahrungsmittel (Getreide und Mais) kultiviert, wäre es kein Thema gewesen. Eigentlich ein Paradebeispiel, welches aufzeigt, wie wichtig Biodiversität ist.

    1. Mais in Irland für die menschliche Ernährung? Keine Ahnung! Körnermais wächst in Irland gar nicht. Selbst Weizen ist dort eigentlich ungeeignet, da zu hohe Feuchte beim Drusch. Aber du weisst das sicher besser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE