Dienstag, 15. Juni 2021
06.05.2021 07:34
Agrarinitiativen

Gemüseproduzenten fürchten um ihre Existenz

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Von: Jonas Ingold, lid

Gemüseproduzenten gehen von existenziellen Problemen aus, sollte das Stimmvolk die Agrarinitiativen annehmen.

Ein Gewächshaus in Kerzers FR, mitten in der Gemüsekammer der Schweiz. Hier führt Gemüsegärtner Michael Moser seinen Betrieb, baut unter Glas unter anderem Gurken und Tomaten an. Um die Tomaten macht sich Moser derzeit sorgen, sie sind vom Jordan-Virus bedroht.

Läuse können ganze Felder zerstören

Für einmal dient die Desinfektion vor dem Eintritt nicht dem Corona-Virus, sondern der Pflanzenkrankheit. Sorgen macht sich Moser auch um die Zukunft seines Betriebs und des Gemüsebaus in der Schweiz. Die Agrarinitiativen schweben derzeit wie ein Damoklesschwert über der Landwirtschaft. Auf Mosers Hof geladen hatten die Gemüseproduzenten-Vereinigung der Kantone Bern und Freiburg (GVBF) – Moser ist im Vorstand vertreten – und der Verband Berner Früchte.

«Wenn etwas verboten wird, um Krankheiten oder Insekten zu bekämpfen, muss es eine Lösung geben, wie das Problem weiterhin behoben werden kann», sagt Moser. Sonst werde es schwer mit der Versorgung und ganze Felder müssten wegen ein paar Läusen oder etwas Pilzbefall vernichtet werden, weil sie sich sonst ungestört ausbreiten könnten.

Kein wirksames Mittel: Rosenkohl im Sinkflug

Er verstehe die Anliegen der Initianten durchaus, sagt Moser. Als Steuerzahler hätten sie das Recht, Einfluss zu nehmen. Und auch die Sorge um die Natur sei für ihn plausibel. «Doch der Weg über die Initiativen ist der falsche und würde die Probleme ins Ausland verlagern», sagt Moser.

Ein Beispiel hat er bereit: Der Rosenkohl. Als die Behörden vor einigen Jahr ein Insektizid nicht mehr zuliessen, verbreitete sich die Weisse Fliege rasant. Sie hinterliess mit dem ausgeschiedenen Russtau den perfekten Nährboden für einen Pilz. Die Folgen waren Qualitätseinbussen beim Rosenkohl und Ertragsausfälle. Im ersten Jahr seien die Grossverteiler noch nachsichtig gewesen und hätten kleinere Fehler akzeptiert. Schon im zweiten Jahr sei das nicht mehr der Fall gewesen und die Grossverteiler hätten lieber zu perfekt aussehender holländischer Ware gegriffen, so Moser.

Initiativen unfair

Die Folge: In der Region werden nur noch 25 statt zuvor 60 Hektaren Rosenkohl angebaut, denn alternativen Bekämpfungsmethoden wie das Absaugen der Fliegen klappten mehr schlecht als recht. Für Moser ist deshalb klar: «Es ist scheinheilig, wenn wir die Produktion einfach ins Ausland verlagern.» Er sieht den Rosenkohl als mahnendes Beispiel, wie es anderen Gemüsekulturen ebenfalls ergehen könnte.

Im Gegensatz zu Michael Moser ist Hans-Ulrich Müller Bio-Produzent. Er führt zusammen mit seinem Sohn einen Betrieb in Bibern SO. Müller – Präsident von Biogemüse Schweiz – kämpft wie Moser gegen die beiden Initiativen. Aus seiner Sicht sind die Initiativen unfair. «Die Produktion wird massiv reglementiert und eingeschränkt, während auf Seite der Konsumenten jeder weiterhin machen kann, was er will», kritisiert Müller. Dass die Trinkwasser-Initiative Importe nicht anspricht, hält er für völlig inkonsequent.

Hans-Ulrich Müller ist Bio-Gemüseproduzent und Präsident von Biogemüse Schweiz
Jonas Ingold

«Landwirtschaft ist der Sündenbock»

«Grundsätzlich haben wir ein Problem mit der Gesellschaft. Unser Lebensstil belastet die Umwelt mit verschiedensten Stoffen. Und nun ist die Landwirtschaft der Lieblings-Sündenbock, wird herausgepickt und an den Pranger gestellt», so Müller. Aber als Stimmbürger sei es natürlich viel einfacher, den Sündenbock abzustempeln, statt das eigene Verhalten zu ändern. Von Versprechen und Beteuerungen der Konsumenten hält er wenig: Diese hielten jeweils solange, bis ein günstigerer Anbieter auftauche.

Auch an den Händlern und Grossverteilern übt Müller Kritik. Diese schraubten die Qualitätsansprüche immer höher, auch bei Bioware. «Da kennen die Abnehmer mittlerweile kein Mass mehr», erklärte der Bio-Produzent.

Zwei Volksinitiativen

Die Pestizid-Initiative fordert ein Verbot synthetischer Pflanzenschutzmittel in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege. Verboten werden soll auch der Import von Lebensmitteln, die mit synthetischen Pflanzenschutzmittel hergestellt wurden oder die solche enthalten.

Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Bauern Direktzahlungen erhalten, die auf Pflanzenschutzmittel, vorbeugend oder systematisch verabreichte Antibiotika und zugekauftes Futter verzichten. Auch die landwirtschaftliche Forschung, Beratung und Ausbildung soll nur unter diesen Bedingungen Geld vom Bund erhalten.

Bauern müssen eigene Position überdenken

Aus dem Schneider ist für Hans-Ulrich Müller die Landwirtschaft aber nicht. Sie müsse sich fragen, wie sie derart ins Schussfeld habe kommen können. «Die konventionelle Landwirtschaft und vor allem ihre Verbände setzten jahrelang auf den Status Quo», kritisiert Müller. Bisherige Anbau- und Tierhaltungsmethoden seien lange Zeit kaum hinterfragt worden. Er ist überzeugt davon, dass die vielen gesellschaftlichen Baustellen nur gemeinsam gelöst werden könnten. Partielle Hauruck-Übungen brächten nichts.

Als Gemüseproduzent ist Michael Moser nicht direktzahlungsabhängig. Rund 1,5 bis 3 Prozent machten sie für die Betriebe aus, so Moser. Also Ausstieg aus dem Direktzahlungssystem bei Annahme der Trinkwasser-Initiative? Das könne er nicht abschliessend beurteilen, sagt Moser. Die Frage sei nämlich auch, was die Abnehmer dann verlangten. Klar ist für ihn: Seinen Betrieb will er auf keinen Fall einfach so aufgeben.

Michael Moser ist Gemüseproduzent in Kerzers FR.
Jonas ingold

Grosse Kampagne der Verbände

Die Gemüseproduzenten-Vereinigung Bern Freiburg und der Verband Berner Früchte setzen für ihre Nein-Kampagne rund 100’000 Franken ein. «Nicht weil wir klotzen wollen, sondern weil wir uns für die gesunde, frische und regionale Ernährung einsetzen», sagte Nationalrätin Nadja Umbricht Pieren, Präsidentin des GVBF.

Die Initiative sei extrem, radikal und gefährlich. Sie gefährde einen grossen Teil der Gemüse- und Obstbetriebe in der Region.

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12 Responses

  1. Damit die Gemüseproduzenten im Seeland weiter so wirtschaften können wie bis anhin, habe ich bereits vor einigen Jahren die folgenden Massnahmen ergriffen:
    – ich koche nur noch mit Mineralwasser aus der Flasche
    – ich trinke nur noch Mineralwasser
    – den Garten wässere ich mit Regenwasser
    – das Leitungswasser verwende ich nur noch für die Wäsche (ich hoffe, dass das Chlorothalonil nicht in den Kleidern hängen bleibt)
    Somit kann man von mir aus die beiden „extremen“ Initiativen auch ablehnen…..

    1. Kein Grenzwert mehr für Chlorothalonil-Metaboliten im Trinkwasser…
      No panic (!). Wissenschaft vs. Wasserbezüger-Schläue

    2. Hoffentlich verwenden Sie nicht Mineralwasser aus PET Flaschen. Darin hat es Mikroplastik und Weichmacher (hormonaktive Substanzen) in z.T. bedenklichen Mengen.

  2. etwas sollte man klar stellen. die TWI verbietet nichts, also kann jeder weitermachen wie bisher, einzig auf die DZ muss er verzichten. und die machen ja bei den gemüse und früchteproduzenten nur sehr wenig vov den einnahmen aus.migros und cop sollen einfach ein bisschen mehr bezahlen für schweizerprodukte.

  3. Wir müssen unbedingt beide Initiativen annehmen, damit wir bei Annahme der TWI nicht von umweltschädlichen Importnahrungsmitteln geflutet werden.
    Und wir haben 10 Jahre Zeit den Wandel vorzubereiten.

  4. Das Wasser in der Region Kerzers ist schon heute stark belastet. Die Gemüsebauern sind erst zufrieden wenn unsere Kinder und Enkel ihr Trinkwasser beim Grossverteiler kaufen müssen. Wovon natürlich auch FENACO profitiert. Verkauft Chemikalien die Wasser und Boden vergiften, aber auch das lebensnotwendige Trinkwasser!

    1. Was für Unterstellungen, Victor Brunner. Wie weit bist du von der Wirklichkeit entfernt? Denkst du, die Gemüsebauern oder die Fenaco wollen, dass das Trinkwasser vergiftet wird? Es wurden grosse Anstrengungen unternommen und effektiv auch erreicht. Das Trinkwasser ist die letzten 20 Jahre besser geworden. Du wirst getäuscht vom BAFU, das durch die unbegründete Grenzwertverschärfung eine stärkere Trinkwasser-Verschmutzung vortäuschte. Wache auf, Victor!

  5. Ihr müsst echte Säuffer sein. Gemäss Studien braucht es 150 Liter Wasser pro Tag, bis ihr in einen schädlichen Bereich des Abbauproduktes von Chlorothalonil des abgeschafften Grenzwertes (weil Schädlichkeit nicht erwiesen ist) kämtet. Nach 7 Liter Wasserkonsum pro Tag habt ihr aber schon ernsthafte Gesundheitsprobleme.

  6. Mit der Argumentation, zeigen Sie, das Sie nicht zu begreifen scheinen das wir immer von Importen abhängig sein werden. Wenn wir nun noch weniger Lebensmittel produzieren werden wir noch abhängiger und erpressbar, das scheint Sie jedoch nicht zu Stören. Verlagern wir doch am besten gleich alles ins Ausland auch das Know-how und die Arbeitsplätze.

  7. fenaco stellt erstens keine PSM selbst her und zweitens verkauft längst nicht nur fenaco PSM. Dem Unternehmen die Fehlentwicklungen der letzten 50 Jahren der ganzen Branche in die Schuhe zu schieben ist sehr kurzsichtig. Zudem ist das Unternehmen nicht verantwortlich für die Zulassung, das war und ist der Bund. Das Geschäft mit PSM ist heute längst nicht mehr so attraktiv wie noch vor 25 Jahren, die Löhne, der Transport und Lageraufwand, ect. sind mittlerweile stark gestiegen…

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