Freitag, 23. Juli 2021
19.06.2021 06:10
Klima

«Landwirtschaft muss proaktiv handeln»

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Von: Renate Hodel, LID

Die Landwirtschaft ist für einen Teil der CO2-Emissionen verantwortlich, aber auch Opfer des Klimawandels. Entsprechend ist die Ablehnung des CO2-Gesetzes nicht nur ein Rückschlag für Parlament und Bund – die erneute Lösungsfindung bietet einer proaktiven Landwirtschaft aber Chancen, selber konkrete Lösungen an den Tisch zu bringen.

Der Klimawandel ist unbestreitbar und beeinflusst die Landwirtschaft. Und die Folgen seien vor allem negativer Art, meint Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes: «Trockenperioden oder Dürren, Fröste wie diesen Frühling und die in bestimmten Regionen auftretenden starken Regenfälle sind Beispiele für den Klimawandel. All diese Ereignisse können Schäden verursachen und die Ernten schmälern.» Die globale Erwärmung begünstigt weiter das Auftreten von neuen Krankheiten und Schädlingen in verschiedenen Kulturen und Wald, Kultur- und Grasland leiden immer mehr unter Trockenheit. Und Hitze sowie Wassermangel beeinträchtigt die Tiere. «An manchen Orten muss die Wasserversorgung neu organisiert werden, oft mit erheblichen Mehrkosten», bekräftigt Anne Challandes.

Klimafitte Bäume sind gefragt

Die Schweizer Landwirtschaft muss so immer erfinderischer werden, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten und den durch den Klimawandel häufiger auftretenden extremen Wetterkapriolen die Stirn zu bieten: Durch die Klimaerwärmung kommen beispielweise Fichte und Tanne in den Schweizer Wäldern unter Druck. Die Forstwirtschaft hat darum angefangen, klimafittere und schädlingsresistentere Bäume wie die Douglasie zu fördern, welche die Klimastabilität des Waldes erhöhen können.

Beim Ackerbau wird ein durchdachtes und nachhaltiges Bewässerungsmanagement immer wichtiger und Toleranz sowie Resistenz gegenüber Hitze und Trockenheit spielen in der Wahl der Kultur und Sorte eine immer grössere Rolle. Es wird an neuen Anbaumethoden und nachhaltigen Produktionssystemen für den Klimaschutz getüftelt und in der Nutztierhaltung wird geforscht, wie die Landwirtschaft Emissionen von Nutztieren verringern und Klimaschutzfaktoren durch Haltung und Fütterung positiv beeinflussen kann.

Agrarinitiativen versus CO2-Gesetz

Mit dem Klimawandel Schritt zu halten reicht allerdings nicht: Die Landwirtschaft gehört sowohl auf die Verursacherseite, als auch auf die Opferseite des Klimawandels. Im Vorfeld der Abstimmungen haben sich die Landwirtschaftsverbände entsprechend gewillt gezeigt, ihren Beitrag zu leisten, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten: Der Schweizer Bauernverband, der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband oder auch der Waldeigentümerverband WaldSchweiz haben sich allesamt für eine Annahme des CO2-Gesetzes an der Urne eingesetzt.

Das überarbeitete CO2-Gesetz hätte unter anderem den Einsatz von klimafreundlichen Heizungen wie Biogas oder Wärmeerzeugung aus Holz vorantreiben sollen und damit auch eine Chance für die Schweizer Landwirtschaft dargestellt. Die Ressourcen der Landwirtschaftsverbände im Abstimmungskampf galten aber vor allem den beiden Agrarinitiativen, beim CO2-Gesetz blieb es folglich bei Abstimmungsempfehlungen. Die am selben Tag zur Abstimmung kommenden Agrarinitiativen haben die ländliche Bevölkerung in grossem Masse mobilisiert und diese hat mehrheitlich trotz einer Ja-Empfehlung der landwirtschaftlichen Verbände stark mitgeholfen, das CO2-Gesetz zu versenken. Entsprechend enttäuscht zeigten sich in der Folge die Landwirtschaftsverbände.

Verpasste Chance?

Damit der Schaden des Klimawandels begrenzt werden könne, habe die Schweiz das Klimaabkommen von Paris ratifiziert, erklärt Hannah Hofer, Leiterin Energie und Umwelt des Schweizer Bauernverbandes (SBV). «Ohne das abgelehnte CO2-Gesetz stellt sich nun die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden kann – der Klimawandel kann nur abgeschwächt werden, wenn alle Länder ihre Ziele erreichen», bedauert Hannah Hofer den Ausgang der Abstimmung. Und mit dem CO2-Gesetz hätte auch die Landwirtschaft Teil der Lösung sein können, meint Anne Challandes: «Die Ausgleichsmassnahmen, die der Landwirtschaft und den Bauernfamilien zugutegekommen wären, sowie die Bewertung von Leistungen zur Emissionsminderung, vor allem die Kohlenstoffbindung, sind vom Tisch.»

Unter anderem Forst- und Holzwirtschaft können viel zur CO2-Reduktion beitragen – aber auch in der Bodenbearbeitung werden viele CO2-mindernde Massnahmen umgesetzt.
Jonas Ingold

Instrumente laufen aus – rasche Lösungen gefordert

Mit dem Nein zum revidierten CO2-Gesetz hat die Schweiz kein messbares nationales Klimaziel über 2021 hinaus mehr und diverse Instrumente laufen Ende 2021 aus: So können sich Schweizer Firmen nicht mehr von der CO2-Abgabe befreien – davon habe im Moment unter anderem die Gemüsebranche profitiert, sagt Hannah Hofer. Weiter sind Treibstoff-Importeure nicht mehr verpflichtet, in Klimaschutzprojekte zu investieren und laufenden Klimaprojekten fehlt die Finanzierung. Es gibt auch keine Verpflichtung mehr, die Treibstoffemissionen zu kompensieren: «Womit auch die Förderungen von Biogasanlagen und anderen Kompensationsprojekten auslaufen», meint Hannah Hofer weiter. Damit bestehende Programme weitergeführt werden könnten, brauche es darum rasch politische Lösungen. Welche mittelfristigen Lösungen sinnvoll seien, müsse jetzt nach den Abstimmungen aber zuerst neu ausgewertet werden.

Schweizer Landwirtschaft ist gefragt

Es müssen also andere Lösungen her und die Schweizer Landwirtschaft müsse sich unbedingt einbringen, meint Anne Challandes: «So sind Boden, Kulturen und Grasland ja zum Beispiel eine wichtige Möglichkeit Kohlenstoff zu binden.» Nebst der Kohlenstoffbindung, könnten in der Landwirtschaft gleichzeitig Emissionen reduziert werden, sei es bei den Tieren direkt mit Futtermittel oder bei der Behandlung von Hofdünger – dazu gebe es bereits Wege und regionale Projekte. Daneben sei die Forschung weiterhin in allen Bereichen gefragt.

Elektrotraktoren? Noch Zukunftsmusik

Die Reduktionen in der Landwirtschaft seien allerdings sehr komplex, gibt Hannah Hofer zu bedenken. Beispielsweise fossile Emissionen könnten landwirtschaftliche Betriebe nicht so einfach ersetzen: «Gerade bei den Traktoren sind die Alternativen wie Elektroantriebe oder Gasantriebe noch nicht so weit entwickelt und verfügbar.» Daneben brauche die Landwirtschaft Anpassungen an die Auswirkungen des Klimawandels: So werde die Wasserverfügbarkeit in Zukunft eine grössere Herausforderung. Trotzdem, mit dem CO2-Senkenpotential von Böden, Biogas und der Produktion der erneuerbaren Energien sei die Landwirtschaft auch Teil der Lösung. Die meisten der genannten Massnahmen wären bereits als Teil der Lösung im revidierten CO2-Gesetz verankert gewesen. Nun beginnt der Tanz von vorne.

Die Landwirtschaft könne hier aber eine signifikante Rolle spielen, ist Anne Challandes überzeugt. Dafür brauche es lediglich die Anerkennung und Förderung all der Leistungen, welche die Landwirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel erbringen könne und bereits erbringe. Die Schweizer Landwirtschaft müsse nun proaktiv handeln und selber mit konkreten Lösungsvorschlägen aufwarten.

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9 Responses

  1. Ich wünschte, dass endlich mal geklärt wird, in welche Richtung sich die CH-Landwirtschaft bewegen soll: Fit werden für den globalen Wettbewerb oder fit werden für den Klimawandel oder fit werden für all die Ansprüche der Gesellschaft. Für uns Bauern am notwendigsten ist, dass die Ökonomie der Betriebe immer im Fokus bleibt. Und zwar nicht nur die Ökonomie der obersten 25% sondern von all den verschiedenen Betrieben. Artenvielfalt nicht nur in der Natur sondern auch bei den Betrieben!

  2. Die Landwirtschaft gewinnt politisch ja immer und will sich nichts sagen lassen.
    Dann entscheiden sie sich bitte doch selber wie sie fit werden.
    Nehmen sir den Finger raus und lassen sich etwas einfallen, wie alle anderen auch in diesem Land!

    1. Förster, sind Sie Förster? Oder heissen Sie so?
      Der Wald ist extrem geschützt. Daher nimmt die Waldfläche in der Schweiz immer mehr zu, weil Rodungen stikte verboten sind. Auch sind irgendwelche Bauten im Wald extrem stark reglementiert.
      Die Landwirte bilden vermutlich die agilste Berufsgruppe im Lande, die sich immer wieder an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst hat.
      Ihre widerlichen Aufforderungen „nehmen sie den Finger raus“ können Sie daher sein lassen!

      1. Einmal Fritz, dann alter Bauer, jetzt Förster. Jedes mal frustrierte warme Luft.
        Beat Furrer setzen Sie die Themen selber. Sie haben einen guten Schreibstil und Kante, weiter so.

  3. Herr Förster ist bringt wirklich nichts mit ihrem Kommentar leisten sie gar keinen Beitrag an den Klimaschutz. Ich wage zu behaupten, dass in der Landwirtschaft die Emissionen aus Freizeitverkehr, Luft und Strasse ziemlich tiefer sind als von der übrigen Bevölkerung. Das Bild, dass die Befürworter der Agrarinitiativen und der CO2 Abstimmung, von der Schweizer Landwirtschaft gezeichnet haben entspricht nicht der Wahrheit. Wenn ich sehe was für Innovationen in der Landwirtschaft passieren (Digitalisierung, Robotertechnik und vieles mehr) bin ich guten Mutes, dass in der Landwirtschaft einiges zur CO2 Reduktion geleistet wird. Dem Klima nützt nur Reduktionen von CO2 Ausstoss und nicht, wenn man wie im Mittelalter der Ablasshandel, an ein CO2 Zertifikat bezahlt. Die Kilometer beim Auto halbieren und bei den Flügen möglichst darauf verzichten. Die Heizung 2° tiefer stellen würde schon einiges bewirken. Elektroauto fahren und das bisherige Fahrzeug in den Osten oder nach Afrika verkaufen kann er nicht die Lösung sein. Sehen Sie mal bei arte vorbei was mit den Fahrzeugen im Osten wie in Afrika als 1. passiert. Finden Sie das raus. Ich gebe Ihnen die Antwort: die Katalysatoren werden ausgebaut um das Platin aus dem Auspuff zu holen. (Verbrennen)

  4. Nachdem die Landwirtschaft mit ihren Partnern gleich auch noch das CO2-Gesetz versenkt hat, ist mein Solidaritätsreservoir für die Anliegen der Landwirtschaft erschöpft. Jetzt soll sie ihren Beitrag zur Energiewende liefern. Sie hat als einzige Branche genug Fläche, um Biogas oder Strom aus Photovoltaik zu erzeugen und damit die fossile Energie innert weniger Jahre zu ersetzen.
    Also: Sofort Grastrocknen und alle Mineralölsteuer-Rückerstattungen stoppen. Ab 2035 keine fossilen Brennstoffe mehr.

    1. Das CO2-Gesetz wurde von 1.6 Mio. Stimmbürgern abgelehnt, also kaum von den Bauern. Bei der Energiewende ist es wie bei Bio, die Nachfrage bestimmt das Angebot. Und Gras wird seit Generationen an der Sonne getrocknet. Aber Vorsicht, zuviel Sonne ist ungesund, es kann rote Köpfe geben.

  5. In der Privatwirtschaft können die Angestellten nicht immer jammern sie müssen einfach nur schaffen und nach vorne schauen
    Die Landwirte müssen auch mal Gedanken mache wie es in der Privatwirtschaft zu und her geht.
    Wenn wenig Arbeit da ist wird viel mal einfach den Arbeitern gekündigt und wenn wieder Arbeit da ist stellt man wieder neue Arbeiter ein so ist es da kann man nicht immer gejammert werden und der Stadt schaut da nur zu .

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