Dienstag, 15. Juni 2021
09.05.2021 17:15
Agrarinitiativen

Tanz-Video von Bäuerinnen gegen Initiativen geht viral

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Von: blu

Ein Video der Schwyzer Bäuerinnenvereinigung hat sich rasch verbreitet (viral). Es wurde seit Mitte April über 63’000 Mal angeklickt. Wie kamen die Bäuerinnen auf die Idee? Wo sehen sie die Gefahr der Agrarinitiativen für ihre Betriebe? Und wie fielen die Reaktionen auf das Video aus? schweizerbauer.ch hat bei Präsidentin Alice Gwerder nachgefragt.

Argumenten gegen die Agrarinitiative zu «vertanzen» ist nicht alltäglich. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Alice Gwerder: Bei einer Annahme der Agrarinitiativen wäre auch unser Betrieb im Berggebiet stark betroffen. Ich bin im Co-Präsidium des kantonalen Komitees und kann mich da zwar mit meiner Person einbringen. Ich wollte aber mit den Bäuerinnen etwas Spezielles auf die Beine stellen.

Und wo entstand die Idee zum Video genau?
Wie so oft kam mir morgens beim Stall ausmisten und Eier putzen spontan eine Idee in den Sinn: wir könnten doch eine «Jerusalema»-Challenge tanzen. Noch bevor ich einen konkreten Plan hatte, wie ich die Botschaften gegen die Initiativen in den Tanz einbringen könnte, fragte ich die Frauen des Vorstandes an, ob sie bei diesem Projekt mitwirken möchten. Und dann ging es ganz schnell: Bereits am gleichen Abend hatte ich die Zusage von allen erhalten.

Das Video besteht aus mehreren Sujets. Wie haben Sie diese ausgewählt?
Die Sujets habe ich von der nationalen Kampagne übernommen. Diese haben wir mit eigenen Bildern hinterlegt und auf unseren Clip abgestimmt.

Das brauchte aber einiges an Vorbereitung vor dem Dreh?
Ja, das war in der Tat so. Die Vorbereitungen waren sehr umfangreich. Es begann mit dem Einholen der Lizenz für den Song. Anschliessend musste ich ein neues Videoprogramm downloaden, da meines nicht «Youtube-tauglich» war. Dann wählte ich eine Choreografie aus und sendete diese mit Videoanleitung den Tänzerinnen zum Üben zu. Danach ging es an das Drehbuch, welches ich mehrmals wieder änderte. Und zu guter Letzt musste ich für den Drehtag die Räumlichkeiten filmreif, das heisst «Spinnweben frei», machen. (schmunzelt)

Wie lange dauerten die Dreharbeiten für den Clip insgesamt?
Die Dreharbeiten haben wir auf unserem Hof durchgeführt. Die Frauen trafen nach dem Mittag ein. Nach einem «Gläsli» Schaumwein ging es dann sofort los. Mein Mann und meine Kinder haben alle mitgeholfen. So konnten wir alle Szenen immer aus zwei Perspektiven gleichzeitig filmen. Rund vier Stunden später hatten wir nicht weniger als 200 Videos und Fotos aufgenommen. Für die Vorstandsfrauen war die Aufgabe beendet. Für mich begann die eigentliche Herausforderung nun erst. Wir hätten definitiv mehr Filmmaterial für einen Comedy-Clip mit dem Namen «Pleiten, Pech und Pannen» zusammen gehabt. (lächelt)

Gedreht wurde auch im Stall der Bauernfamilie Gwerder.
zvg

Sie haben das Video mit mehreren Botschaften zu den Agrarinitiativen verbunden. Können Sie uns diese erläutern?
Die Schwierigkeit lag darin, die Botschaften angenehm einfliessen zu lassen und im richtigen Mass zu halten, damit es nicht langweilig wird. Die Versorgungssicherheit wollte ich unbedingt im Video abbilden, schliesslich erfüllen wir hier einen Bundesauftrag. Die Äpfel erschienen mir für unsere Gegend am geeignetsten. Bei unserem Betrieb ist die Botschaft mit dem Hühnerfutter und der Eierproduktion zentral. Es ist doch besser, wenn wir das Futter zukaufen und die Eier regional produzieren, als diese quer durch die Schweiz zu transportieren oder gar vom Ausland zu importieren.

Nebst dem Futter werden auch Pflanzenschutzmittel in Ihrem Video angesprochen.
Pflanzenschutz ist notwendig, das muss uns allen bewusst sein. Es gilt abzuwägen, was Priorität hat. Ich finde es tragisch, eine ganze Ernte Kohl zu kompostieren, weil sich da auf einer einzelnen Pflanze eine Raupe genüsslich eingenistet hat. Leider importieren wir auch immer wieder neue Schädlinge und Krankheiten, das macht den Pflanzenschutz komplexer. Mit dem Video versuchten wir einen Teil der Palette an Lebensmitteln, die in der Landwirtschaft produziert werden, aufzuzeigen. Ebenfalls will ich den Leuten bewusst machen, dass auch vor- und nachgelagerte Betriebe von den beiden Agrarinitiativen betroffen wären. Und ich wende mich auch an die Konsumentinnen und Konsumenten: Diese müssen sich bewusst sein, dass die Lebensmittel bei einer Annahme teurer werden.

Das Video ist ein grosser Erfolg. Es wurde bereits über 63’000 Mal angeschaut. Wie fielen die Reaktionen aus? Gab es auch negative Rückmeldungen?
Zuerst waren die Reaktionen durchwegs positiv. Ich wurde richtiggehend überhäuft mit Komplimenten. Erst später, als der Clip dann vermutlich die nichtbäuerliche Bevölkerung erreicht hatte, gab es auch negative Feedbacks. Leider ergaben sich keine fruchtbaren Dialoge, wie ich mir das eigentlich erwünscht habe. Über das Kontaktformular auf der Bäuerinnen-Website gab es sogar freche und beschimpfende Kommentare. Ich werte dies als Ohnmacht der Befürworter.

Welche ist aus der Sicht der Schwyzer Bäuerinnen die grösste Gefahr, die von den beiden Agrarinitiativen ausgeht?
Die grösste Gefahr der Initiativen sehe ich darin, dass die schweizerische Lebensmittelproduktion massiv eingeschränkt wird, und wir Produkte importieren, die nicht unseren Schweizer Standards im Pflanzenschutz und beim Tierwohl entsprechen. Bei einer Annahme verlagern wir die Probleme ins Ausland und importieren aber gleichzeitig via Lebensmittel Pflanzenschutzmittel, die in der Schweiz verboten sind, beispielsweise Chlorothalonil.

Haben Sie noch weitere Aktionen geplant?
Mit unserem kantonalen Komitee haben wir nun die Flyer, Plakate und Blachen verteilt und aufgehängt. Nun folgen laufend Testimonials in den lokalen Zeitungen. Die Pressekonferenz fand letzte Woche statt. Bald starten die Standaktionen bei den Landis und auf Märkten. Ebenfalls werden wir Flyer in die Haushaltungen versenden. Wir freuen uns an den vielen Persönlichkeiten aus Politik, Gewerbe und neuestem sogar Kultur wie Musiker Gölä, die unsere Anliegen öffentlich vertreten.

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7 Responses

    1. Fräche Cheib! Hut ab vor diesen Bäuerinnen, welche mit Stolz ihre Betriebe zeigen und diese mit einer dem „zeitgeist“ entsprechenden „Jerusalema“ untermalen.
      Liebe Bäuerinnen, ich bin stolz auf Euch und auf unseren Berufsstand. An alle Nörgeler – zeigt doch auch mal etwas und wenn es nur Euer Name ist.

  1. Denkt Ihr Bäuerinnen auch nur ein kleines bisschen an ihre Kinder oder Enkelkinder und nicht nur an das Geld .
    Die Kinder sind ihnen bestimmt Dankbar bei 2x JA

    1. Gerade weil wir an unsere Kinder denken, möchten wir unser Essen zu unseren strengen CH Standards in Pflanzenschutz und Tierwohl produzieren und nicht aus dem Ausland importieren, wo wir nicht wissen wie es produziert wird und unter welchen Umständen und nicht zu vergessen der CO 2 Ausstoss mit den immensen Transportwegen. 2x Nein zu den importfördernden Initiativen!

      1. Liebe Frau Gwerder,
        es scheint dass Sie sich nicht wirklich mit den Initiativen befasst haben. Weil die Pestizid-Initiative hat ja das Ziel, nur Nahrungsmittel zu importieren die dieselben strengen Anforderungen erfüllen (also biologisch produzierte Nahrung bei Annahme der Initiative). Ist das so nicht eher ein Schutz für die Schweizer Landwirtschaft? Und zusätzlich hätten wir noch saubere Böden und Wasser….

  2. Dann erklären sie mir wo oder in welchem Land zu den gleichen Standards produziert wird, wie in der Schweiz. Selbst der Bundesrat klärte auf dass das nicht möglich ist. Diese Initiative ist nicht umsetzbar. Deshalb halten wir uns an die Parlamentarische Initiative zum Pestizideinsatz! Zur Wasser-verschmutzung tragen Pflanzenschutzmittel gerade einmal 1% dazu bei und stammen dann noch nicht alle aus der Landwirtschaft. Setzen sie die Hebel da an wo sich Wirkung zeigt.

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