Samstag, 23. Januar 2021
10.11.2011 15:47
Detailhandel

Der Super-Gau für Coop – Schaden für ganze Fleischbranche

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Von: Reto Blunier

Ein Beitrag der Konsumenten-sendung „Kassensturz“ des Schweizer Fernsehens endete für Coop in einem Fiasko. Ehemalige Angestellte des Detailhändlers erheben schwere Vorwürfe. Abgepacktes Fleisch soll nach dem Verfalldatum als Frischfleisch verkauft worden sein. Das Herstellen von Vertrauen dürfte eine kostspielige Sache werden.

Seinen Beginn nahm das Debakel für den Basler Detailhändler vor rund einem Monat. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Coop-Filiale in Plaffeien FR sagte gegenüber Kassensturz, dass er Fleisch aus der Selbstbedienung als Frischfleisch in der Fleischtheke verkaufen musste. Coop bestritt die Vorwürfe und sagte, dass die Kontrollen verschärft würden.

Auch bei Herkunft geschummelt

Nach der Ausstrahlung meldeten sich bei Kassensturz weitere Mitarbeiter, die über ähnliche Vorfälle berichteten. Sei das Fleisch einmal ausgepackt, weiss niemand mehr, wie alt es sei, berichtete ein Metzger. Doch nicht nur beim Verfalldatum wurde geschummelt, sondern auch bei der Herkunft. So hätten Mitarbeiter Import-Poulet als Einheimisches verkaufen müssen. Abgelaufenes Schweinefleisch sei mit Speck umwickelt worden oder man habe rote Marinade auf das Fleisch geschmiert, da diese alles überdecke. Wie Kassensturz am vergangenen Dienstagabend berichtete, seien nun 24 Fälle aus sieben Kantonen (Aargau, Bern, Glarus, Schwyz, St. Gallen, Uri und Zürich) bekannt.

Jahreslohn: 15 Prozent Erfolgsbeteiligung

Die Anweisungen stammten von Chefmetzgern der Filialen. Zu Bedenken ist aber auch, dass der Jahresbruttolohn der Chefmetzger und Filialleiter zu 15 Prozent erfolgsabhängig ist. Somit steigt der Druck, „alte“ Ware zu verkaufen. Zudem werde von Coop erfasst, wer wie viel Fleisch abschreibe oder wegwerfe. Coop reagierte mit der Verschärfung der internen Regeln: «Neu ist, dass man generell keine Ware aus der Selbstbedienung auspacken und am Buffet verkaufen darf, auch nicht in marinierter Form. Erlaubt ist nur noch, zum Beispiel ein Poulet auszupacken, es warm zuzubereiten und als Tagesfrischartikel zu verkaufen», sagte Qualitätsleiter Silvio Ragini.

Fleisch ist nicht gefährlich – Selbstkontrolle der Branche

Abgepacktes Fleisch in der Schweiz hat eine Sicherheitsmarge enthalten, d.h., Fleisch, welches einen Tag nach Verfalldatum gegessen wird, ist ohne Probleme geniessbar und mitnichten gesundheitsgefährdend. Das Vorgehen von Coop ist aber deshalb nicht zu goutieren, weil dieser keine Transparenz schafft und das Fleisch nicht entsprechend deklariert und mit einem Abschlag versieht. Und verwerflich ist die Tatsache, dass ausländisches Fleisch als Schweizer Fleisch angeboten wird.

In der Verordnung über die Kennzeichnung und Anpreisung
von Lebensmitteln unter Abschnitt 6 „Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum (Datierung)“
heisst es eindeutig:

Art. 11 Definitionen

1 Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist das Datum, bis zu dem ein Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält.

2 Das Verbrauchsdatum ist das Datum, bis zu welchem ein Lebensmittel zu verbrauchen ist. Nach diesem Datum darf das Lebensmittel nicht mehr als solches an Konsumentinnen oder Konsumenten abgegeben werden.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schrieb dem „Schweizer Bauer“ in einem anderen Fall bezüglich Haltbarkeit: „Darüber hinaus muss jeder Hersteller im Rahmen der Selbstkontrolle gewährleisten, dass die von ihm hergestellten Lebensmittel gesundheitlich unbedenklich sind. Sie dürfen weder verdorben, verunreinigt noch sonst im Wert vermindert sein.“

Bezüglich Kontrolle Vollzug lautete die Antwort wie folgt: „Im Rahmen des Vollzugs der Lebensmittelgesetzgebung obliegt die Durchführung von Kontrollen den Kantonalen Vollzugsbehörden.“

Auch Konsumentenschützerin Sara Stalder bestätigt in einem Interview mit tagesanzeiger.ch, dass dieser Vorfall nicht mit den Gammelfleischskandalen in Deutschland verglichen werden kann, wo eine Gefahr für den Konsumenten bestand. Sie ärgert sich über die fehlende Deklaration des in der Kritik stehenden Vorgehens von Coop und das Vermischen der Herkunft von Lebensmitteln. Coop müssen nun das Gespräch mit den Behörden suchen und die Gespräche und Ergebnisse transparent machen, damit der Grossverteiler wieder Vertrauen aufbauen könne.

Wie gross ist der Schaden für die Branche?

Auf den Webportalen werden die Vorkommnisse in den Coop-Filialen intensiv diskutiert. Auf newsnetz.ch, einem Portal der Tamedia-Gruppe, finden sich über 500 Meinungen zur Thematik. Der Flurschaden für Coop ist gewaltig. Viele User wollen von Coop nichts mehr wissen und wollen nun beim Metzger oder der Konkurrenz wie Migros oder Spar einkaufen. Einige, und nicht wenige, propagieren den Einkauf im grenznahen Ausland.

Einige wenige fordern konsequent einen Konsumverzicht von Fleisch. Viele User ärgern sich auch über die Profitmaximierung des Unternehmens. Dies sei der Hauptgrund des Übels. Und verwerflich sei auch das Verwischen der Herkunft. Andere verurteilen das Verkaufen von ausländischem Fleisch als Einheimisches. Und gefährlich wird es für die Branche dann, wenn einige User die ganze Fleischbranche in den selben Topf werfen. Dies passiert leider bereits.

Vertrauensverlust als grosse Hypothek

Und das grösste Debakel ist, dass die Mehrheit der Schreiberlinge in diesem „Blog“ das Vertrauen in Detailhandel (nicht nur Coop, sondern auch die Qualität der Migros wird angezweifelt) und in das Produkt verloren haben. Dieses wieder aufzubauen, dürfte Coop und die Branche viel kosten. Wenn der Fleischkonsum wegen dieser Geschichte (aber vermutlich mehr wegen dem Einkaufstourismus) in der Schweiz einbrechen sollte, sind nicht nur der Detailhandel die Leidenden, sondern auch viele Bauern.

Wie lange der Super-Gau (Grösster anzunehmender Unfall) für Coop anhalten wird, ist schwierig abzuschätzen. Die Branche tut aber gut daran, in Sachen Transparenz weitere Schritte zu unternehmen, um Umsatzeinbussen zu minimieren und das Vertrauen der Kunden wiederzuerlangen. Der Vertrauensverlust ist die grösste Gefahr für die Fleischbranche und im Besonderen für Coop.

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