Sonntag, 29. November 2020
26.01.2020 06:06
Betriebsführung

Eine «rüstige» Familie

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Familie Felber fertigt aus Kartoffeln Halbfabrikate an. Ebenfalls Zwiebeln schälen sie und verkaufen diese an Kunden. Dieser Nebenerwerb macht rund einen Viertel des landwirtschaftlichen Einkommens aus.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Silvia Felber nicht einen Schnitzer zur Hand nimmt. «Ich schneide mich nur noch ganz, ganz  selten in die Finger» sagt sie. Die Bäuerin ist sich das Hantieren  mit dem Messer gewohnt, pro Jahr laufen durchschnittlich 20 Tonnen Kartoffeln durch ihre Hände.

Jede einzelne nimmt sie in die Hand, dreht und blickt sie prüfend an. Doch die 64-Jährige steht nicht an einem Fliessband in einer  Fabrikhalle,  sondern arbeitet daheim in der Lohrütti in Niederbipp BE. 

Wie Schleifpapier

Eingerichtet ist der Fabrikationsraum in dem ehemaligen Schweinestall, dieser grenzt ans Bauernhaus. Zum Inventar gehört eine Wasch- und Rüstmaschine mit einem Fassungsvermögen von 10 Kilo Kartoffeln.  «Der Apparat funktioniert wie Schleifpapier.» Unter ständigem Wasserzufluss werde die Schale abgeschmirgelt, erklärt Sohn Tobias, der jeweils tatkräftig mithilft.

Rund fünf Minuten dauert der Prozess. Sind die Kartoffeln gerüstet, werden verbleibende Schalenreste  von Hand mit dem Schnitzer abgeschnitten. Danach kommen die Knolle nochmals in ein Wasserbad, anschliessend werden sie in Plastiksäcke abgefüllt. Das Vakuumieren der Säcke ist die Aufgabe von Ueli Felber.   

Eine Geschäftsidee

Angefangen hat alles vor 43 Jahren. Damals verdiente Ueli Felber auf dem Waffenplatz Wangen an der Aare den Unteroffizier ab. Der Bauer wurde angefragt, ob er für die Armee Kartoffeln liefern wolle. 

Jahre später, 2003,  wollte jedoch plötzlich das Militär nur noch gerüstete Kartoffeln, also Halbfabrikate. Und das brachte Ueli und Silvia Felber auf die Idee, Halbfabrikate für Restaurationsbetriebe und Kantinen herzustellen. Dies hatte auch zur Folge, dass Silvia Felber ihre Teilzeitanstellung im Service aufgeben und fortan daheim schaffen konnte. 

Die Leute ansprechen

Ueli Felber schätzt, dass die Halbfabrikate rund einen Viertel der Einnahmen in der Landwirtschaft ausmachen. «Wir haben nie ein Inserat geschaltet, unser Geschäft floriert dank Mundpropaganda.» Zudem, sagt er, müsse man sich halt   getrauen, Leute auf das Angebot anzusprechen. Dabei sei ihm zugute  gekommen, dass er Burgerpräsident, aktiver Schwinger und auch viele Jahre Aktivmitglied der örtlichen Feuerwehr gewesen sei, erklärt der  Landwirt. 

Ganze Kartoffeln, Salzkartoffeln,  Würfel für Älplermagronen und Scheiben für Gratins – die Wünsche der Kunden sind unterschiedlich. Während das Scheibenschneiden eine  Maschine übernimmt, ist die Zubereitung von  Salzkartoffeln mit sehr viel Handarbeit verbunden. Hierfür gibt es keine Maschine. 

«Manchmal haben wir auch spezielle Bestellungen», erklärt Tobias Felber. So hätten sie einmal 240 Kilo Kartoffeln in ein Zentimeter grosse Würfel schneiden müssen. Eine Sisyphusarbeit. Zum Glück können Felbers auch auf die Unterstützung von Tochter Martina Felber und von Eberhard Mühle zählen. 

Frische ist wichtig

Die Bestellungen gehen meist am Vortag ein, darum kann es schon einmal zu einer Nachtschicht kommen. So wie am letzten Silvester, als ein Kunde 120 Kilo Kartoffeln nachbestellte. Da hiess es für Felbers: Rüsten statt Feiern. Aber auch wenn es sich um keine Expressbestellung handelt, werden die Kartoffeln erst kurz vor der Auslieferung verarbeitet. «Wir legen grossen Wert auf Frische», sagt Silvia Felber. 

Angebaut werden die Kartoffeln auf Felbers 20-ha-Betrieb, wo auch 16 Mutterkühe eingestallt sind. Auf einer Fläche von 0,5 ha werden Desirée und Gourmandine angepflanzt. Ein Teil wird nach der Ernte im hofeigenen Kühlraum gelagert, ein Teil in einem angemieteten unweit des Hofes. 

Zum Weinen  

Nebst Kartoffeln können die Kunden bei Felbers auch geschälte Zwiebeln kaufen. Ebenfalls diese werden auf einer Fläche von 0,2 ha auf dem eigenen Hof gesät. Bis vor zwei Jahren erfolgte die Ernte von Hand. Seit letztem Jahr wird eine Maschine dafür eingesetzt. Hingegen geschält wird nach wie vor von Hand. 

Weinen beim Rüsten müsse sie nicht mehr, sagt Silvia Felber und räumt ein, dass es  zu Beginn schon Tränen gegeben habe. «Mein Vater hat früher jeweils eine Taucherbrille zum Zwiebelschälen getragen», sagt Tobias Felber und schmunzelt. Der 38-Jährige ist derzeit einmal pro Woche  am Strickhof in Lindau ZH, er macht die Ausbildung zum Gemüsebauer. Während der restlichen Woche arbeitet er bei einem Gemüsebauern in der Region. 

Vorgesehen ist, dass der Junior einmal den elterlichen Hof übernehmen  wird. Doch bis es soweit ist, dürfte es noch etwas dauern. Denn obwohl Ueli Felber in diesem Jahr pensioniert wird,  und dann seine Arbeit als Chef Organisationseinheit Kasernen  auf dem Waffenplatz in Wangen an der Aare aufgibt, denkt er nicht ans Zurücklehnen. 

«Wir haben noch so einiges im Sinn», erzählt der Landwirt und gelernte Heizungsmonteur. «Mit  viel Eigenleistung wollen wir den Produktionsraum umbauen.» 

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