Sonntag, 29. Januar 2023
15.01.2023 16:42
Bern

«Kanton hat einmalige Chance nicht gepackt»

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Von: ats

Der Kanton Bern hat Ende 2022 auf das Vorkaufsrecht bei den Liegenschaften der Bio Schwand AG in Münsingen BE verzichtet. Hans Jörg Rüegsegger, Präsident des Berner Bauernverbands, erklärt, wieso er sauer ist.

«Schweizer Bauer»: Was für eine Bedeutung hat der Schwand für die Berner Landwirtschaft?
Hans Jörg Rüegsegger: Von der eindrücklichen, über 100-jährigen Geschichte bis zum aktuellen Status mit den Klassen der landwirtschaftlichen Grundausbildung, vor allem mit dem Schwerpunkt Biolandbau und für viele langjährige Partner hat der Schwand eine sehr grosse Bedeutung. Wie in den anderen Regionen deren Bildungsstandort. Viele «Schwändeler» haben ihre Wurzeln und den Boden für ihre Leidenschaft auf dem Schwand entdeckt – sozusagen haben sie dort ihre DNA gefunden.

Der Kanton Bern hat kein Angebot platziert, können Sie diesen Entscheid nachvollziehen?
Nein, nicht wirklich mit dieser Ausgangslage. Der Kanton Bern hat sehr wohl Geld für den Erwerb und den Unterhalt von solch wertvollen Standorten, da habe ich als Verbandspräsident und Grossrat Wissen genug.

Konkurs und Versteigerung 

Anfang 2022 wurde der Konkurs über die Bio Schwand AG in Münsingen BE eröffnett. Der Gründer und Erfinder von Bio Schwand ist Heinz Iseli. Er wollte aus dem Schwand eine Drehscheibe der nationalen Bioszene machen. Doch Iseli konnte seine Pläne nie wirklich umsetzen.

Der Berner Bauernverband (BEBV) zeigte sich nicht überrascht über den Konkurs des Bio Schwands. «Es erstaunt eher, wie lange der Kanton Bern dem Sterben zugeschaut und deshalb mögliche Chancen verpasst hat», hiess es weiter. Der BEBV fordert, dass der Standort weiterhin für die landwirtschaftliche Ausbildung genutzt wird.

«Der Ausbildungsstandort Schwand verfügt über einen professionell geführten Gutsbetrieb, der für die landwirtschaftliche Ausbildung grossen Mehrwert bringt. Die Betriebsleiterfamilie kooperiert seit jeher vorbildlich», schreibt der Verband. Die bestehende Infrastruktur biete vielfältige Möglichkeiten zur Vermittlung und dem Austausch von Wissen bei Lernenden, aber auch unter Organisationen. Diese Synergien müssten weiterhin genutzt werden. Ende 2022 kam es schliesslich zur Versteigerung.

Der Kanton Bern hat darauf verzichtet, das Baurecht und die Liegenschaften der in Konkurs gegangenen Bio Schwand AG in Münsingen zurückzukaufen. Ersteigert wurde das Areal für fünf Millionen Franken von der WBS AG mit Sitz in Konolfingen BE. Auf dem Schwand solle ein «visionäres Wohn- und Bildungszentrum für Menschen mit unterschiedlichstem Bedarf» entstehen. blu/ats

Der Berner Bauernverband (BEBV) zeigte sich enttäuscht über den Kanton. Weshalb?
Der Handlungsbedarf für mehr Platz für die landwirtschaftliche Bildung im Agrarkanton Bern ist ausgewiesen und anerkannt. Der Kanton Bern hat aus BEBV-Sicht eine einmalige Chance nicht gepackt. Zudem hat der Kanton Bern noch immer ein grundpfandgesichertes Darlehen in der Höhe von 2,9 Mio. Franken ausstehend, und der Verkauf für 5 Mio. Franken deckt die Schulden der konkursiten Firma nicht.

Weshalb hat der BEBV nicht selbst ein Angebot platziert?
Der Vorstand hat sich mit diversen Szenarien auseinandergesetzt. Das Vorkaufsrecht besitzt jedoch der Kanton Bern, der auch Bauherr künftiger Projekte sein wird.

Ein Ausbau des Schwands hätte den Platzmangel am Inforama und bei der Verwaltung gelindert. Braucht es einen Neubau? Wenn ja, wo?
Das vor über fünf Jahren durch die Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion (WEU) und das Lanat inszenierte «Räumlich-strategische Betriebskonzept vom Inforama» kennt der Vorstand des BEBV nicht. Dieses wird erst offenlegen, wo es Bauten und welche Bauten es braucht.

Wie viel Kulturland wird dafür benötigt?
Beim BEBV gehen wir davon aus, dass das nicht ohne Neubauten, zusätzlichen Boden und Kulturland gehen wird.

Hans Jörg Rüegsegger ist Präsident Berner Bauernverband.
zvg

Besonders stört den Verband, dass der Kanton trotz einem überwiesenen Vorstoss im Grossen Rat, der ein aktives Handeln forderte, nichts unternommen hat. Können Sie das ausführen?
Der politische Wille war klar und deutlich im Grossen Rat bei der Diskussion zum Anliegen von Grossrätin Katja Riem. Entsprechend hat der Regierungsrat diesen überwiesenen Vorstoss in seiner Verantwortung zu vollziehen.

Wie geht es nun weiter? Hat der Berner Bauernverband mit der WBS AG bereits Kontakt gehabt?
Es ist ein Austausch geplant.

Gibt es Möglichkeiten der Zusammenarbeit?
Der BEBV ist überzeugt davon und setzt sich für gute Lösungen ein, für Perspektiven für erfolgreiche Grund-, Aus- und Weiterbildung der Berner Bauernfamilien.

Der Berner Bauernverband spricht von vielfältigen Möglichkeiten zur Vermittlung und zum Austausch von Wissen und Erfahrungen, was meinen Sie genau damit?
Angenommen, die bisherigen Mieter auf dem Schwand werden mit den idealen Partnern aus der Branche ergänzt – Stichwort Weiterbildung, überbetriebliche Kurse und Kurszentrum – das sind sehr spannende Gedanken.

Beenden Sie den Satz…
Landwirtschaft ist… mehr als ein Beruf und einer mit Zukunft.

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3 Responses

  1. Als ehemaliger Schwandschüler kann ich nur sagen : Wir waren jung und wir genossen das Leben in vollen Zügen ! schade für die heutigen Jugen dass sie das nicht mehr erleben können.

  2. Es geht hier nicht ums geniessen, sondern um wesentlich mehr! Kt. Bern einst ein Agrarkanton! Und heute „särbelt“ er nur so dahin! All die Leute die sich in vergangener Zeit für den Schwand stark gemacht haben werden sich wohl ärgern. Es ist enorm was hier alles verbockt wurde. Dir. Schnyder würde sich im Grabe umdrehen wenn er könnte. Und nun wurde sogar die letzte Chance verpasst. Was ist da wohl mit unserer Volk-und Bildungsdirektion los?? H.J. Rüegsegger hätte mit jedem Wort recht!

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