Mittwoch, 2. Dezember 2020
21.06.2016 12:00
Junglandwirt (8/17)

Mehr Energie für Biogasanlage als für Kühe

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: SBV

In einer mehrteiligen Serie stellen wir Ihnen Junglandwirtinnen und Junglandwirte vor. In Teil 8 präsentieren wir Ihnen einen Thurgauer Familienbetrieb. Michael Müller bewirtschaftet in Eschlikon TG einen Milchproduktionsbetrieb mit Ackerbau. Zudem ist er Geschäftsführer einer Ökostrom-Anlage. Der Biolandwirt versteht sich als Vertreter einer produzierenden Landwirtschaft.

2005 besichtigte der damals 23-jährige Michael Müller an einem Tag der offenen Tür auf einem Berner Bauernhof die dortige Biogasanlage. „Mir zog es sofort den Ärmel rein“, erzählt er. Doch die Investitionen waren hoch und er sich bewusst, dass er sie nicht allein stemmen kann. Er suchte das Gespräch mit seinen Nachbarbetrieben und konnte sie mit seiner Begeisterung anstecken.

Öko-Energie GmbH

Erste Berechnungen zeigten jedoch, dass sie die Anlage nicht kostendecken betreiben könnten, weshalb sie die Pläne wieder auf Eis legten. Schon bald darauf führte der Bund die kostendeckende Einspeisevergütung ein, ein Instrument zur Förderung erneuerbarer Energien. Der Junglwandwirt und seine Kollegen nahmen den Ball auf, gruben ihre Pläne aus, gründeten die Öko-Energie GmbH und bauten. Sie erfüllten wichtige Voraussetzungen: ein hoher Tierbesatz auf engem Raum und die Möglichkeit, die Abwärme zu nutzen.

In ihrer unterdessen 7-jährigen und bereits erweiterten Anlage vergären sie die Gülle und Mist der Tiere der fünf angeschlossenen Betriebe – vier Bauern und ein Käser, der einen Schweinestall unterhält – plus zusätzliches Substrat, das ihnen Ökostrom Schweiz vermittelt. Daraus produzieren sie 1,1 Mio. kWh Strom im Jahr. Mit der Abwärme heizen sie die Wohnhäuser, die Käserei plus einen Pouletmaststall und trocken Heu.

Energiewirt mit Leib und Seele

Michael Müller amtet in einem 10 bis 15 Prozent-Pensum als Geschäftsführer und Betreiber. Konkret ist er für den Betrieb und den Unterhalt der Biogasanlage zuständig, die im Baurecht auf seinem Land steht. Hauptaufgabe ist die tägliche „Fütterung“ mit frischem Material, sowie die Überwachung. Die Technik, die mit der Biogasanlage verbunden ist, liegt ihm. „Ich habe viel Herzblut für diesen Betriebszweig, eigentlich mehr als für die Kühe“, erklärt der 34-Jährige. 

Deshalb ist er auch Präsident von Ökostrom Schweiz und zusammen mit weiteren Biogas-Produzenten daran, ein virtuelles Kraftwerk für Regelenergie aufzubauen. Als Energiewirt mit Leib und Seele ist es wenig erstaunlich, dass seit diesem Jahr eine Photovoltaik-Anlage auf seinem Stalldach weitere 150‘000 kWh Strom produziert. Energie ist zu einem wesentlichen Standbein des Betriebs geworden.

Haupttätigkeit Milchwirtschaft

Den grössten Teil seiner Zeit wendet der Thurgauer dazu auf, um seinen Bio-Milchwirtschaftsbetrieb zu führen, den er vor drei Jahren übernommen hat. Im Gegensatz zu seinen zwei älteren Brüdern wollte er schon als Kind Bauer werden. Er machte die Lehre und bildete sich zum Meisterlandwirt weiter, während er als Lastwagenfahrer sein Brot verdiente.

Heute unterhält mit seinen Eltern eine Generationengemeinschaft. Der Vater arbeitet – trotz Pensionierung – 100 Prozent mit und die Mutter führt den Hofladen, der die hofeigenen Produkte verkauft: Biopoulet, Bioeier, Biorind, -kalb und -schaffleisch sowie verschiedene Gemüsearten. Die Jahresproduktion von 240‘000 Kilo Biomilch geht zur Molkerei Biedermann, die zwischen 75 und 81 Rappen pro Kilo dafür zahlt.

Will produzierende Landwirtschaft

Seine Frau hingegen arbeitet 50 Prozent als Direktionsassistentin in einem Spital. „Jasmin ist ihr Job auswärts wichtig. Ihre Arbeitskraft ist auf dem Betrieb nicht nötig“, erzählt der Junglandwirt. Doch was passiert, wenn die Eltern einmal nicht mehr so tatkräftig sind? „Ich plane dann einen Lehrling anzustellen und den Direktverkauf zu reduzieren oder aufzugeben“, meint er pragmatisch. Ihm ist es wichtig, dass der Betrieb so strukturiert ist, dass zwei Personen inklusive Ferien und regelmässige freie Tage ihn bewältigen können.

Müllers Eltern stellten bereits 1986 auf Bio um. Damit gehören sie zu Pionieren in diesem Bereich. Michael Müller steht voll dahinter, dennoch versteht er sich als Vertreter einer produzierenden Landwirtschaft: „Die aktuelle Entwicklung in der Agrarpolitik widerstrebt mir. Die Weltbevölkerung wächst und braucht Essen bei knapper werdenden Ressourcen. Ich bin sicher, dass Lebensmittel irgendwann wieder gefragter sind als heute und an Wert gewinnen.“ Solange dies nicht der Fall ist, steckt er seine Energie in die Strom- statt in den Ausbau der Milchproduktion. 

Betriebsspiegel

Grösse & Produktionsart: 24 ha landwirtschaftliche Nutzfläche (Bio)
Zone: Talzone
Kulturen: 7.5 ha Ackerkulturen (Winterweizen, Mais, Kunstwiesen), 10 Aren Rüebli, 16.6 ha Naturwiesen
Tiere: 36 Milchkühe,  5 Mutterschafe, 1 Schafbock, 250 Poulet, 80 Legehennen
Spezielles: Geschäftsführer Ökoenergie GmbH & Präsident Ökostrom Schweiz, Mutter betreibt Hofladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE