Sonntag, 18. April 2021
30.03.2021 12:00
Kommentar

Nur von Bauern wird Selbstverkleinerung erwartet

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Von: sal

Die Schweizer Landwirtschaft ist in einen Shitstorm geraten, weil die bäuerlich-bürgerlichen Vertreter im Parlament für die Sistierung der AP 22+ gestimmt haben. Von keinem anderen Wirtschaftsverband  aber würde man in der Öffentlichkeit erwarten, dass er die bewusste Verkleinerung seines Sektors begrüsst und ihr zustimmt. Ein Kommentar von Daniel Salzmann, dem Chefredaktor des «Schweizer Bauer». 

Beitrag um Beitrag, Artikel um Artikel, Facebook-Post um Twitter-Post, prasselt derzeit Kritik auf die Schweizer Landwirtschaft nieder. Höchstens die Biobetriebe sind davon ausgenommen.

Viel ist gegangen in der Landwirtschaft

Doch hat sich die Schweizer Landwirtschaft in den letzten zwanzig Jahren stark verändert: mehr Bio, mehr IP-Suisse, weniger chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel, sinkende Kuh- und Schweinebestände (jedoch mehr Pferde im Freizeitbereich und mehr Legehennen, weil Schweizer Eier so gefragt sind), mehr Tiere in besonders tierfreundlicher Haltung, viel mehr Ökoflächen und zwar mehr vernetzte und mit mehr Qualität, mehr Kleinstrukturen für die Biodiversität, mehr Direktvermarktung, mehr Konsumentennähe.

Die Schweizer Bauernfamilien stellen mit den ihnen möglichen und erlaubten Mitteln die Lebensmittel her, die der Markt verlangt, die die Industrie und der Detailhandel ihnen abkaufen, um sie weiterzuverkaufen. Wenn sich die Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten ändert, werden die Bäuerinnen und Bauern natürlich darauf reagieren. Suisseporcs-Präsident Meinrad Pfister sagt es an jedem Anlass: «Wenn die Leute nur noch Schweizer Bioschweine kaufen wollen, dann halten wir eben nur noch Bioschweine.»

Mit AP 22+ waren minus 11% beim Pflanzenbau prognostiziert

Weil das Parlament die AP 22+ sistiert hat, wird dem Schweizer Bauernverband in einem veritablen Shitstorm in den etablierten und in den sozialen Medien eine «Blockadehaltung» vorgeworfen. Von welchem anderen Wirtschaftsverband aber wäre erwartet worden, dass er es gut findet, wenn das Sektoreinkommen in seiner Branche laut behördlichen (nicht eigenen!) Prognosen um 8 % sinkt und wenn das einzelbetriebliche Einkommen nur steigt, weil viele Betriebe verschwinden und die verbleibenden grösser werden (und mehr Arbeit haben)?

Von welchem anderen Wirtschaftszweig sonst wird erwartet, dass er sich selbst dezimiert und es noch begrüsst, auf die Bedienung heute funktionierender Märkte zu verzichten? Laut Bundesprognose wäre die pflanzliche Kalorienproduktion mit der AP 22+ um 11 % tiefer ausgefallen als ohne AP 22+. Eine solche Prognose hat Unsicherheiten, aber, dass sich der Pflanzenbau klar rückläufig entwickelt hätte, ist unbestritten.

AP 22+ kommt trotzdem zu einem guten Teil 

Dabei ist die Sistierung der AP 22+ nicht einmal ein grosser Erfolg des Bauernverbandes. Denn zeitgleich wurden, ursprünglich gegen seinen Willen, eine parlamentarische Initiative mit Absenkpfaden für die Pestizidrisiken und für die Nährstoffverluste, mit Offenlegungspflichten bei Kraftfutter- und Düngerlieferungen und Grenzwertverschärfungen bei Abbauprodukten chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel eingeführt.

Zahlreiche Elemente der AP 22+, so die Pflicht zu 3,5 % Biodiversitätsfläche auf der Ackerfläche oder zahlreiche neue Produktionssystembeiträge, könnten schon im April vom Bundesrat auf Verordnungsebene vorgeschlagen werden, mit der Begründung, sie seien nötig, um die genannten Absenkpfade einhalten zu können.

Die Schweizer Landwirtschaft wird also auch ohne die AP 22+ in den nächsten Jahren nicht nur vom Markt her, sondern auch durch staatliche Steuerung grüner werden, und das ist sicher auch teilweise berechtigt. Man wird es noch besser machen können, und die Forschung bei vielen privaten Firmen, auf Bauernhöfen und bei Agroscope und beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau werden wertvolle Hilfen bieten.

Die Umweltverbände werden nie zufrieden sein…

Dass die Veränderungen und die erzielten Erfolge von Politikern, Verwaltung und Medien kleingeredet werden, hat damit zu tun, dass diese in vielen Fällen die Perspektive der Umweltverbände übernommen haben. Diese Verbände haben ihren Daseinszweck ja gerade darin, die herrschende Situation schlechtzureden. Ihnen wird die Schweizer Landwirtschaft nie grün genug sein.

Weil Lebensmittel zum gesellschaftlichen Megathema geworden sind, haben die Umweltverbände die Kritik an der Schweizer Landwirtschaft mit dem Zweck der Spendengenerierung entdeckt. Verwaltung und Medien sind in weiten Teilen linksliberal bis grün getaktet und übernehmen – oft unkritisch – diese Sicht der Umweltverbände, die meistens nur die Schweiz im Blick hat und die Importe ausser Acht lässt.

…aber die Schuld doch auch nicht nur bei den andern suchen

Die Schweizer Landwirtschaft würde es sich aber zu einfach machen, wenn sie für die öffentliche Kritik, die nicht nur, aber zu einem guten Teil, ein Wahrnehmungsproblem ist, einfach die Umweltverbände und die Medien verantwortlich machen würde.

Denn es gibt beunruhigende wissenschaftliche Befunde, und alle landwirtschaftlichen Verbände und alle Bäuerinnen und Bauern müssen sich fragen: Haben wir genug gemacht, um unsere Fortschritte zu erklären? Wo können wir für die Umwelt noch mehr tun? Wie können wir Ökologie, Tierwohl und Handwerk besser in Wert setzen? Wie gehen wir auf Medien und auf Meinungsmacherinnen zu? Wo sind neue Partnerschaften möglich?

Gute Argumente unter die Leute bringen

Die Landwirtschaft hat viele gute Argumente gegen die Trinkwasserinitiative und gegen die Pestizidinitiative, die die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft auf den Kopf stellen und zu massiven Mehrimporten führen würden. Es muss aber gelingen, diese Argumente bis am 13. Juni unter die Leute zu bringen. Die nächsten Wochen sind entscheidend. Die Aufgabe ist gross. Klar ist: Die besten Botschafter für ihre Tätigkeit bleiben die Bäuerinnen und die Bauern selbst.

daniel.salzmann@schweizerbauer.ch

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13 Responses

  1. Meiner Meinung nach hat die Diesseitsbezogenheit („Wir haben nur eine Erde“) mit der materialistischen Umerziehung zu tun, die seit dem langen Marsch der neomarxistischen (und damit materialistischen) 68-er Bewegung in alle Institutionen (Schulen, Universitäten, Behörden, Medien, Politik) auf der ganzen Ebene im Gang ist.
    Im Prinzip ist die ganze Ökobewegung eine Ersatzreligion. Der Schweizer wurde von Gott, dem Allmächtigen durch Irrlehren entfremdet und dient nun einer neuen Religion.

  2. Sehr guter Kommentar! Er ordnet das Geschehen richtig ein.
    Schade dass diese Zeilen nur im SB stehen. Viele Leute sind von der ganzen Thematik heillos überfordert. Ihnen bleiben nur die populistischen Antibauerntiraden, welche nicht die Verbreitung von seriöser Information zum Ziel hat.

    1. Alle die heillos überfordert sind, sind diejenigen welche unsere DZ (grösstenteils) bezahlen. Sie haben während rund 30 Jahren blind in der Hoffnung bezahlt, dass die Landwirtschaft mit diesen DZ tatsächlich ökologisiert wird. Nun sind sie (zu einem schönen Teil berechtigt) verunsichert. Sie sagen sich nun: „wer zahlt, befiehlt!“
      Wir können uns von den Launen der Steuerzahler befreien und JA sagen zur TWI.

      1. Denkst Du wirklich die sozigrünen gäben auf nach JA zu TWI und Pestizide? Montag den 14 Juni wird über die nächste Einschränkung diskutiert ob JA oder NEIN gestummen wird. So sieht Politik grüner sozis aus. Ist sowieso eine Angstmacherei mit dem Klimawandel.

        Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.1. Mose 8.22
        Für dieses Zeichen steht der Regenbogen!!

        1. Danke, so ist es: das Wort Gottes kann nicht aufgelöst werden und gibt uns die richtigen Voraussagen (im Gegensatz zu den falschen Propheten der linken Manipulatoren).
          Und wenn es dem sog. „alten Bauern“ wirklich um das Sparen von Steuergeldern ginge, dann könnte er beim Widerstand gegen die Covid-Panikmache beginnen, die gemäss Ueli Maurer 70 Mia. Fr. kostet! Hier spielt das Geld – Verschwendung und Veruntreuung von Steuergeldern, notabene – offensichtlich keine Rolle.

      2. Leider hast du recht. „Wer zahlt befiehlt“. Dieses Sprichwort hat in der Vergangenheit und in der Zukunft seine Berechtigung. Darum ist es höchste Zeit, dass wir uns von diesen unsäglichen Direktzahlungen verabschieden und in eine zukunftsgerichtete und unternehmerische Landwirtschaft investieren.
        TWI und PI sind keine Alternativen. Sie beruhigen nur das Gewissen und verlagern das Problem ins Ausland nach dem Motte „Aus den Augen aus dem Sinn“.

      3. Wenn Sie wirklich ein alter Bauer sind, sollten Sie wissen wie es vom Paritätslohn zu den DZ kam!
        Der Grund der damaligen Einführung der DZ hat mit den heutigen Forderungen nichts mehr zu tun.
        Ökö und Tierwohl müssten unabhängig der DZ abgegolten werden.
        Das wäre die ehrliche Preispolitik.

      4. „Wer zahlt befiehlt“, ach ja? Unser Haushalt hat das Glück jährlich über 60’000 Fr. Steuern und Sozialabgaben abzudrücken (DZ 40’000) .
        Meine Forderung an AHV und Sozialbezüger nur CH Produkte zu kaufen, interessiert niemanden.
        Die DZ wurden NICHT eingeführt (Volksabstimmung) um wirre grüne Ideen zu finanzieren, sondern tiefere Preise zu kompensieren und die Lw EK zu halten.
        Anpassungen sind ok, aber ein Umbau entspricht nicht dem ursprünglichen Zweck.

        1. Die Kompensation der hohen, vom Bund vorgeschriebenen Produzentenpriese war das, was der SBV wollte.
          Dem Stimmbürger/Steuerzahler wurde jedoch vorgegaukelt, es sei eine Abgeltung von „Gemeinwirtschafltichen Leistungen“.
          Heute, rund 30 Jahr später weiss der Stimmbürger/Steuerzahler, dass er damals angelogen wurde.
          Es wird eng bei der TWI.
          Die Schlitzohrigkeit des SBV könnte sich nun rächen.

          1. Es ist keine Lüge, dass gemeinwirtschaftliche Leistungen abgegolten werden. Es wird abgegolten, dass 1. die Lebensmittel regional produziert werden,
            2. mit den strengen Reglementierungen (z.B. gemäss ÖLN-Vorschriften) produziert werden,
            3. die Produktion genau dokumentiert wird (grosser Mehraufwand),
            4. die dezentrale Besiedelung ermöglicht wird (Einkommen gesichert, Arbeitsplätze erhalten, gesunde Familien gefördert)
            5. Landschaft gepflegt
            6. Preise an hohes Niveau der Schweiz angepasst

          2. In den 30 Jahren wurde der Anteil von ökologischen Ausgleichsflächen vervielfacht, der Antibiotikaeinsatz mehr als halbiert, der N Dünger Einsatz deutlich reduziert, der PSM Einsatz nach Schadschwellen reduziert. Der Tierschutz wurde erheblich verbessert.
            Die neue AP hat durchaus gewirkt.
            Von linksgrün werden konsequent kaum erfüllbare Erwartungen geschürt, und diese werden von alten Bauern undifferenziert zum Schlechtmachen verwendet.

  3. Das traurigste ist, dass ein „“ Bauer“ der nicht vom bauern lenen muss (BAUMANN ) alle anderen Bauern als Umweltvergifter hinstellt.
    Ich hoffe, er wird irgendwann die Quittung bekommen.

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