Dienstag, 26. Januar 2021
20.04.2013 09:06
Bestattung

Zwei Biobauern ermöglichen letzte Ruhe unter Bäumen

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Von: Ruth Bossert, LID

Zwei junge Biobauern organisierten Bestattungen unter einheimischen Bäumen. Bereits haben 35 Berufskollegen mit David Naef und Valentin Graf Verträge abgeschlossen.

Der Laptop liegt auf dem Küchentisch, der handliche Drucker auf der Eckbank. Bauer Christoph Hollenstein (32) hantiert an der Kaffeemaschine, während David Naef (27) die Einzelheiten des Vertrages nochmals vorliest und sich bestätigen lässt, dass der Vertrag über 99 Jahre laufen soll.

Kein schnelles Wachstum angestebt

Für David Naef und seinen Geschäftspartner Valentin Graf (23) ist dieses Treffen im thurgauischen Wilen keine einmalige Geschäftsbesprechung. „Wir gehen zu unseren Geschäftspartnern nach Hause, schauen ihre Parzellen an, die sie mit uns teilen möchten, klären die rechtlichen Dinge, wie Dienstbarkeitsverträge im Grundbuch und stellen die entsprechenden Verträge aus“, erklärt Naef die Arbeit.

Dass die Umsetzung ihrer Idee alles andere als einfach ist, merkten die zwei Jungunternehmer rasch. Deshalb liegt schnelles Wachstum bei ihrer Geschäftsidee nicht drin. „Wir brauchen viel Zeit und wollen uns mit unserer Firma Finis einen guten Namen schaffen“, sind sich die beiden einig.

Nachhaltig und fair

Deshalb ist es für die Jungunternehmer auch nicht so wichtig, dass sie bis jetzt noch gar keine Beisetzung durchgeführt haben. „Das Konzept des Bestattens in kremierter Form funktioniert, auch wenn bis jetzt noch keine Beisetzung stattgefunden hat.“ Die Verträge werden mit den Landwirten mit einer Laufzeit von mindestens 25 Jahren, meist aber von 99 Jahren abgeschlossen. Geld fliesse erst, wenn sich eine Person oder eine Familie für einen bestehenden Baum, oder einen neu zu pflanzenden Baum auf dem Grundstück interessiert.

Dabei können Interessierte auswählen zwischen einem Gemeinschaftsbaum, einen Waldbaum, einen Einzelbaum oder einen Jungbaum, wobei unterschiedliche Kosten anfallen. Auch Baumreservationen seien möglich, erklärt Naef weiter. Durch diese Möglichkeit haben sie heute bereits eine Parzelle im Baselbiet, auf der sich in ferner Zukunft ein ganzer Wald entwickeln könnte, quasi als Aushängeschild.

Sozialfonds für Menschen mit kleinem Budget eröffnet

Ihre ungewöhnliche Idee habe ihr Potential in der Nachhaltigkeit, ist Naef überzeugt. Deshalb ist es für die beiden auch wichtig, einen Beitrag zu einer ökologischen und sozialen Gesellschaft zu leisten. Finis kompensiert sämtliche CO2-Überschüsse und eröffnet einen Sozialfonds, der auch Menschen mit kleinem Budget eine Bestattung in der Natur ermöglicht. „Wir versuchen alle Aspekte zu beachten, die zu einem erfüllten Leben gehören und nehmen den Menschen ernst.“

Wert der Bäume erhöhen

Wenn es ihnen gelinge, dem einheimischen Baum, dem heute in der Landwirtschaft zu wenig Wert beigemessen werde, mehr Gewicht zu geben und damit auch dem Eigentümer, dem Landwirt einen finanziellen Anreiz zu bieten, dann hätten sie bereits viel erreicht, zeigen sie sich überzeugt Heute haben schon 35 Landwirte Verträge mit Finis unterzeichnet, mehr als 1’000 Bäume stehen ihnen bereits zur Verfügung und „es werden immer mehr“, sagt Naef.

Weil eine Bestattung in der Natur auch eine gesellschaftliche Angelegenheit sei und die Rechte nicht einem einzelnen Unternehmen gehören dürfen, wurde der Verein Finis gegründet. Alle Verträge und Grundbucheinträge lauten auf den Verein, dem alle Kunden und ihre Nachfahren kostenlos beitreten können. Damit entstehe eine Gemeinschaft von Angehörigen, welche über die Rechte an den Bestattungsorten wacht. Finis ist als Dienstleistungsunternehmen für die anfallenden Arbeiten zuständig.

Baum als Ort des Erinnerns

Die Jungunternehmer wissen, dass es heute nicht mehr selbstverständlich ist, sich im Kreise seiner Religionsgemeinschaft beerdigen zu lassen. Immer mehr Menschen wollen an einem vertrauten Ort in der freien Natur ihren Frieden finden. Und viele Menschen möchten etwas zurücklassen. Deshalb sei die Baumbestattung eine individuelle und würdevolle Beisetzung in der Natur, wo der Baum als ein Ort der Erinnerung und der Ruhe auch den Hinterbliebenen viel zu bieten vermöge.

Für Naef der einer Bestattung mehr Sinnlichkeit geben möchte, geht das Leben symbolisch weiter, wenn die Asche eines Verstorbenen zu den Wurzeln eines Baumes gelegt wird. „Bei dieser Art von Bestattung geht es mehr um Leben als um Sterben“, ist Naef überzeugt.

Er erzählt, wie sein Freund und Geschäftspartner Valentin Graf und er sich in der Ausbildung zum Biolandwirt an der Landwirtschaftlichen Schule Schwand in Münsingen kennen gelernt haben und wie sie sich in nächtelangen Diskussionen über das Woher und Wohin einig wurden, ihre Liebe zur Natur mit einer beruflichen Tätigkeit zu verbinden. Keiner der Männer besitzt einen Hof, beide möchten aber in der Landwirtschaft verwurzelt bleiben. Die Ausbildung zum Bio-Landwirt, zusammen mit Naefs Studium der Philosophie und der Religionswissenschaften, warfen Fragen zum kulturellen Umgang mit dem Vergänglichen auf und waren so der Grundstock zur Idee der natürlichen Form der Bestattung.

Hof öffnen für andere

Christoph Hollenstein hat den elterlichen Betrieb übernommen, betreibt Milchwirtschaft und Pouletmast und hat vor kurzem 2’000 Hochstammobstbäume gepflanzt. „Ich glaube an die Landwirtschaft und bin bereit, Investitionen zu tätigen, um auch in Zukunft von den Produkten vom eigenen Hof leben zu können.“ Als gelernter Metzger und heutiger Pouletmäster und Milchproduzent kenne er die Milch- und Fleischvermarktung und deshalb setze er in Zukunft auch auf die Obstvermarktung.

Weil sein Hof wunderschön liege und er eine Parzelle mit schönen alten Bäumen besitze, habe er sich entschieden, bei Finis mitzumachen. Nicht der finanzielle Aspekt habe ihn gereizt, es war eher der Wunsch, seinen Hof für andere Menschen zu öffnen, ihnen etwas zu bieten, das sie vielleicht nicht überall finden. Für ihn gehöre der Tod zum Leben und deshalb habe er sich den Platz für seine letzte Ruhe auch bereits ausgesucht.

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