Dienstag, 29. November 2022
22.01.2019 08:05
Agrarpolitik

Milchbauern gegen Dachverbände

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Von: Daniel Salzmann

Die Milchbauern fordern, dass sie mit der AP 22+ wieder mehr Direktzahlungen erhalten. Der Berner und der Schweizer Bauernverband wollen das nicht mittragen. Denn man müsste das Geld dafür anderen Bauern wegnehmen.

Als Ruedi Bigler, Milchproduzent in Moosseedorf BE, Präsident der Aaremilch AG, Vizepräsident der Branchenorganisation Milch (BOM), den politischen Teil der Aaremilch-Veranstaltung einleitete, betonte Bigler: «Die Milchwirtschaft ist nach wie vor der grösste und wichtigste Sektor der Schweizer Landwirtschaft. Fast die ganze Rindfleischproduktion hängt an der Milchwirtschaft.» 

Milchbauern sind die Verlierer

Über 20’000 Betriebe seien nach wie vor in der Milchproduktion tätig. «Wir haben eine grosse wirtschaftliche Bedeutung: Ohne die Milchwirtschaft hätte man wohl drei Viertel der letzten Agrama-Landtechnik-Ausstellung streichen können», so Bigler. Die Milchproduzenten seien aber ganz klar die Verlierer der letzten Revision der Agrarpolitik, der AP 14–17, als die Tierhalterbeiträge abgeschafft worden seien. 

«Innerhalb des ganzen Bauernstandes sind wir der Sektor, dem es heute am schlechtesten geht. Ich glaube, das ist weitgehend anerkannt. Darum sind wir dringend darauf angewiesen, dass die zukünftige Agrarpolitik Lösungen bringt, damit es uns besser geht», führte Bigler aus. Konkret forderte er unterschiedliche Tierkategorien bei den Bundesprogrammen Raus, BTS und GMF, in der Hoffnung, dass es dann auch eigene (sprich höhere) Beitragsansätze für Milchkühe gibt. 

«Weniger Geld auf Fläche»

Heute seien Milchkühe in der gleichen Kategorie wie Mutterkühe. «Wir sind der Meinung, dass es viel mehr zu tun gibt, eine Milchkuh zweimal am Tag fürs Melken von der Weide zu holen, auch im Winter ist Raus aufwendiger mit Milchkühen als mit Mutterkühen. Zu GMF: Eine Milchkuh zu füttern, ist etwas anderes, als eine Mutterkuh zu füttern.»  Da sehe man eine Möglichkeit, die helfen würde, dass die Milchbauern wieder zu einem angemessenen Einkommen kämen. 

Später sagte Bigler auch noch, es gebe zu viel Geld auf der Fläche, was Fehlentwicklungen nach sich ziehe. «Man könnte die Flächenbeiträge senken, das würden alle überleben, das würde niemanden umbringen, und man könnte wieder etwas mehr dorthin geben, wo viel Arbeit geleistet wird, sprich in die Milchproduktion.» Bigler schloss mit den Worten: «Wir hoffen dabei natürlich auf die Unterstützung der Bauernverbände, insbesondere auf die Unterstützung des Berner Bauernverbandes.»

«Stabilität sinnvoll» 


Dessen Präsident Hans Jörg Rüegsegger aus Riggisberg BE aber erteilte der Forderung indirekt eine Abfuhr. Er sagte unter anderem: «Wir müssen lernen, uns viel besser zu verkaufen, selbstbewusst aufzutreten. Es schaut niemand für uns, ausser wir selbst, dass wir Preise haben, die uns die Zukunft sichern.» 

Zur AP 22+ meinte Rüegsegger, der Vorstand des Berner Bauernverbandes fände es möglicherweise sinnvoll, die präsentierte Vorlage in zwei Etappen umzusetzen. Themen wie «Markt, Absatz, Strukturverbesserung, Pachtrecht, Bildung, soziale Absicherung der Bäuerin» könne man umsetzen. «Aber das andere, das mit den Direktzahlungen, da haben wir wirklich das Gefühl, dass eine gewisse Stabilität sinnvoll wäre für die nächsten Jahre, damit eine gewisse Sicherheit da ist für uns.» 

«Beim Zucker gings auch» 

Gleich nach dem Ende von Rüegseggers Ansprache wurde Bigler deutlich: «Aber, Hans Jörg, ich muss dir ganz offen und ehrlich sagen: Wir haben eine recht grosse Differenz zueinander, was die Agrarpolitik betrifft. Die Milchbauern brauchen dringend Änderungen, sie sind am Ausbluten. Jetzt habe ich von dir gehört, und ich weiss, das ist auch die Meinung des Schweizer Bauernverbandes, man möchte eigentlich den Status quo. Denn es gibt Berufsgruppen, die sind zufrieden damit, wie es heute läuft, die möchten nichts ändern.» 

Bigler sagte, er sei auch Zuckerrübenproduzent, da habe die Politik jetzt reagiert, weil die Angst aufkam, es werde zu wenig Zucker produziert in der Schweiz. Wie der Zuckermarkt sei auch der Milchmarkt dem offenen Markt ausgesetzt, und zwar jeden Tag mehr. «Alles auf die lange Bank zu schieben, damit sind wir nicht einverstanden. Ich möchte auch in Erinerung rufen: Die Milchbauern sind mit Abstand der grösste Beitragszahler des Schweizer Bauernverbands. Vergesst die Milchbauern nicht und geht nicht einen Weg, der absolut gegen die Interessen von uns Milchbauern läuft!» Applaus.

«Nicht mehr Geld» 

Rüegsegger entgegnete: «Mich selbst hat es bei der AP 14-17 auch an den Kopf getroffen. Wir müssen nicht meinen, es gebe einfach mehr Geld.» Wenn man an einem Ort mehr Direktzahlungen gebe, würden diese Gelder anderswo weggenommen. Damit deutete Rüegsegger an, wo für die bäuerlichen Dachverbände das Problem liegt und warum sie betonen, die Molkereien sollten bessere Milchpreise bezahlen:  Im aktuellen politischen Umfeld kann man die Milchbauern via Direktzahlungen nicht besserstellen, ohne gleichzeitig andere Bauern schlechterzustellen.

Das wollen die Dachverbände nicht vertreten. Denn sonst rebellieren die Verlierer. Und deren Reaktionen sind in der Regel noch heftiger. Also gilt für die bäuerlichen Dachverbände: Die jeweils aktuelle Verteilung der Direktzahlungen ist immer die beste. 

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