Sonntag, 14. August 2022
20.06.2022 06:42
Rüben

Bio-Zuckerrüben: Setzen statt säen

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: rb

Anton Waelti gehörte 2001 zu den Pionieren im Anbau von Biozuckerrüben. Trotz grossem Arbeitsaufwand pflegt Sohn Martin Waelti die Tradition der Biozuckerrüben weiter – hingegen pflanzt er die Rüben neuerdings.

Als Martin Waelti (34) die Biozuckerrüben vor neun Wochen auf seinem zwei Hektaren grossen Feld bei Affeltrangen TG pflanzte, war jedes der 160000 Pflänzchen in etwa so gross wie ein Nüsslisalat. Heute schaut er zufrieden über das sattgrüne Feld und freut sich. «Das kommt gut», sagt er zufrieden. Dieses Frühjahr hat er bereits zum zweiten Mal gepflanzt statt gesät. Wenn die Pflanzen gesund bleiben, von Unwettern verschont werden und die Vegetation normal verläuft, sollte er Ende September ungefähr 130 Tonnen Biozuckerrüben ernten können. Daraus produziert die Zuckerfabrik in Frauenfeld bei einem durchschnittlichen Zuckergehalt von 15,5 Prozent 20 Tonnen reinen Biozucker, der mit dem Bio-Suisse-Knospe-Label vorwiegend bei Coop im Verkaufsgestell stehen wird.

Von viel Handarbeit…

Generell ist der Anbau von Zuckerrüben sehr arbeitsintensiv. Schädlinge und Unkraut geben viel Arbeit. Besonders zu schaffen machten sie den Biobauern, weil sie keine Pflanzenschutzmittel einsetzen dürften, erklärt Martin Waelti. Er hat den Virus vom Biozuckerrübenanbau von seinem Vater übernommen. Das viele Unkrautjäten als Bub – Martin Waelti war 13-jährig, als sein Vater das erste Mal Biozuckerrüben säte – hat ihn Jahre danach, als er und seine Frau Jeanette im Jahr 2018 den elterlichen Hof übernahmen, nicht bewogen, die Produktion von Zuckerrüben aufzugeben. Sowohl Vater Anton (67) als auch sein Sohn Martin lachen: «Ans Aufgeben haben wir noch gar nie gedacht.» Viel zu sehr lieben sie die «süsse Kultur», wie Vater Anton Waelti die Biozuckerrüben scherzend nennt.

Daten und Fakten
Gemäss Statistiken der Schweizer Zucker AG gab es 2021 in der Schweiz 3944 Zuckerrübenproduzenten, davon rund 72 Biorübenpflanzer. Von den insgesamt 16400 Hektaren und 928207 Tonnen konventionell angebauten Zuckerrüben wuchsen auf 188 Hektaren Fläche rund 6581 Tonnen Biozuckerrüben. Der Zuckergehalt lag bei konventionell angebauten Zuckerrüben zwischen 16,3 und 17,5 Prozent und bei Biozuckerrüben zwischen 16,7 und 17 Prozent. Der Richtpreis für Bio-Suisse-Zuckerrüben liegt bei 158 Franken pro Tonne. Die Preise für den Anbau 2023 werden in den kommenden Wochen von den Branchenorganisationen festgelegt. Darin enthalten ist eine bis mindestens 2024 zugesicherte Bio-Suisse-Label-Prämie von 30 Franken. Zum jetzigen Zeitpunkt übernimmt Coop die gesamte Menge Schweizer Biozucker. Die Biozuckerrüben werden im Frühherbst als Erste angeliefert und verarbeitet. rb

Anfang der Nullerjahre sei der Handel auch bereit gewesen, höhere Preise für umweltgerechte Produkte zu bezahlen, erklärte er weiter, und deshalb habe er damals den Schritt in diese Nische gemacht. «Wir waren nur eine Handvoll Produzenten und mussten viele Erfahrungen machen.» Jedenfalls hat er nach seiner anfänglichen Euphorie mit fünf Hektaren Anbau diese im zweiten Jahr bereits drastisch verkleinert. «Das war schlicht nicht zu bewerkstelligen», sagt heute der Junior. Die Unkrautbekämpfung und der Kampf gegen die Schädlinge bräuchten sehr viel Zeit und Energie. Deshalb bleibe man vorläufig bei zwei Hektaren.

Selbstverständlich habe man durch die langjährigen Erfahrungen vieles optimieren können, trotzdem sei man jahrelang auf zusätzliche Fremdarbeitskräfte angewiesen gewesen.

…zu weniger Handarbeit

Im vergangenen Jahr machte Martin Waelti dann erstmals den Versuch mit Pflanzen statt Säen und sieht keinen Grund, wieder zum Säen zurückzukehren. Natürlich kosten die Pflanzen einiges, doch mit dem verminderten Aufwand bei der Unkrautbekämpfung und dem kleineren Bedarf an Personal sieht er für sich einen klaren Vorteil. Wenn ein Betrieb noch andere Kulturen mit hohem Personalbedarf habe wie beispielsweise Erdbeeren oder Spargeln, dann könne es ideal sein, die Angestellten neben den Pflück- und Stecharbeiten auch noch bei der Unkrautbekämpfung im Biozuckerrübenfeld einzusetzen.

Früher, als er gesät hatte, rechnete er mit 200 Stunden Handarbeit pro Hektare. Seit er die Zuckerrübenpflanzen setzt, habe sich die Handarbeit im Idealfall auf ungefähr 50 Stunden pro Hektare verringert. Für Waelti ist es schwierig, einen durchschnittlichen Stundenlohn zu nennen, zu unterschiedlich seien Ertrag, Zuckergehalt und Handarbeit, die je nach Witterung und Schädlingsbefall auch stark variieren könnten. Hingegen weiss er, dass die Aussaat oder das Setzen in der Regel vor Anfang bis Mitte April keinen Vorteil bringe. Im Jahr 2021 setzte er die Sorte KWS Novalina und im Jahr 2022 die Sorte KWS Escadia. Voraussichtlich will er beim Setzen bleiben. Da er noch ein Lohnunternehmen führt, fehle ihm im Monat Mai die nötige Zeit für die aufwendige Unkrautbekämpfung.

Zusatzbetrag reicht nicht

 Mit Interesse schaut Martin Waelti auf die Entwicklung von Hightechlösungen, die 2020 am Strickhof erstmals vorgestellt wurden und die bereits auf Praxisbetrieben in verschiedenen Ländern, unter anderem auch in der Schweiz, im Einsatz sind. Diese solarbetriebenen, autonomen Hackroboter arbeiten 6-reihig, und Waelti ist überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis diese auch hier öfters anzutreffen seien. Er bleibe jedenfalls am Ball und verschliesse sich nicht gegen die technischen Entwicklungen. Ab diesem Jahr wird den Produzenten von Biozuckerrüben über die Direktzahlungen ein Zusatz von 200 Franken bezahlt. Reicht dieser Betrag, um die Attraktivität für den Biozuckerrübenanbau anzukurbeln? Martin Waelti äussert sich kritisch zu den 200 Franken.

«Die Nachfrage ist grösser als das Angebot, dieser Zusatzbeitrag ist ein Tropfen auf den heissen Stein.» Um neue Produzenten zu finden, müsse der Zusatzbeitrag oder der Richtpreis höher sein, weil sonst die Biozuckerrüben von anderen Spezialkulturen konkurrenziert würden.Hingegen erklärt der Betriebsleiter, dass die Zuckerrübe in der Fruchtfolge eine sehr wichtige Rolle spiele und er auch deshalb nie auf deren Anbau verzichten möchte. Auf seinem 35-Hektaren-Biobetrieb baut er neben den Zuckerrüben noch Kartoffeln, Mais, Weizen, Hafer und Kunstwiesen an. Zudem macht er Saatgutvermehrung. Für ihn zählt die Vielfalt, damit werde auch das Risiko auf alle Kulturen verteilt. Wie Raphael Wild, Leiter Kommunikation der Schweizer Zucker AG, ausführt, werden sowohl im konventionellen wie speziell auch im Bioanbau mehr Anbauflächen und Produzenten gesucht.

Mehr zum Thema
Politik & Wirtschaft

Die Preise für Betriebsmittel sind in Frankreich beachtlich gestiegen. - Jonas Ingold Auch in Frankreich sehen sich die Landwirte und Landwirtinnen weiter immer höheren Betriebsmittelpreisen gegenüber. Wie aus einer aktuellen…

Politik & Wirtschaft

Die PV-Anlage auf der Staumauer Valle di Lei mit über 1000 Modulen wird 550 Meter lang sein - EWZ Auf der Staumauer des Lago di Lei in Graubünden entsteht auf…

Politik & Wirtschaft

Die Teuerung in der Schweiz zieht seit rund zwei Jahren an. - SNB Die Teuerung in der Schweiz dürfte sich weniger rasch zurückbilden als bislang erwartet. Das prognostieren gleich zwei…

Politik & Wirtschaft

Den offiziellen Angaben zufolge lassen die Wettervorhersagen für die kommenden 15 Tage nicht auf Besserung hoffen, vielmehr könnte sich die Situation sogar noch weiter verschärfen. - zvg In der Europäischen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE