Sonntag, 29. Januar 2023
14.01.2023 17:48
Hofübergabe

«Der Prozess dauerte zwei Jahre»

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: har

Eine ausserfamiliäre Hofübergabe bewirkt, dass Flächen nach der Betriebsaufgabe nicht einfach parzellenweise verpachtet werden. Hofinteressenten gibt es genügend, doch muss es auch zwischenmenschlich stimmen. Verkäufer und Käufer erzählen von Entscheidungen, Erfahrungen und dem neuen Leben.

Im Fragebogen der Hofnachfolge haben Kerstin und Hansruedi Sigron als Hofsuchende im August 2020 Folgendes geschrieben: «Unsere Stärke ist, dass wir schon älter sind und Erfahrung in verschiedenen Berufen mitbringen. Damit haben wir eine gesunde Voraussetzung und Bereitschaft, einen Betrieb zu übernehmen. Wir wissen auch zu schätzen und zu respektieren, was durch den Verkäufer oder das Verkäufer-Ehepaar in jahrelanger Arbeit mit viel Leidenschaft, Herzblut und Schweiss aufgebaut wurde. […] Wir sind keine Träumer, wissen, worauf wir uns einlassen, und haben einen guten Biss für die Zukunft.» Seit dem 1. Januar 2022 sind der gelernte Lastwagenmechaniker und Landwirt mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis und seine Frau Eigentümer des Hofs Steinenbühl in einem Weiler nahe Untersiggenthal im Kanton Aargau.

Finanzielle Unterstützung war trotzdem nötig

Sigrons wohnen noch kein ganzes Jahr auf dem Betrieb. Bereits zwei bis drei Monate nach der Übergabe waren alle Vorbereitungen getroffen und sie zogen in das Bauernhaus ein. Beide arbeiteten vorher im Kanton Graubünden – Kerstin Sigron bis heute. «Meine Anstellung bei Graubünden Ferien (die touristische Marketingorganisation des Kantons Graubünden) war mir wichtig und hilft bei der Tragbarkeit des Hofkaufs», erklärt die gebürtige Baselbieterin. Doch auch die finanzielle Unterstützung der jeweiligen Eltern des Ehepaares war notwendig, um den Traum des eigenen Betriebes zu erfüllen. Heute bekommen die Sigrons noch regelmässig tatkräftige Hilfe auf dem Hof und bei der Kinderbetreuung.

Zurück zur Milch

Während Kerstin und Hansruedi Sigron von den Anfängen auf dem Hof erzählen, sitzt auch das Verkäufer-Ehepaar Annemarie und Albin Portmann am Esstisch des Bauernhauses. Beide Parteien verstehen sich gut. Nicht nur Albin, sondern auch Annemarie Portmann war in den 27 Jahren, in denen sie auf dem Hof lebten, mit viel Herzblut dabei. Die Spielgruppe, die Annemarie auf dem Hof ins Leben berufen hat, besteht bis heute, denn die neue Eigentümerin führt sie fort. Vom Ackerbau- und Milchviehbetrieb hatte Albin Portmann einige Jahre vor der Verkaufsentscheidung auf Weidemastrinder gewechselt. Der neue Eigentümer wechselte nun wieder zurück zur Milchproduktion mit aktuell 24 Kühen. Ein Melkroboter unterstützt ab Mitte Januar.

«Mir war wichtig, dass der Betrieb weiterbesteht und vorallem, dass er gross genug ist, eine junge Familie zu ernähren,» erklärt Albin Portmann über den Prozess der Suche nach einem Nachfolger. Portmann hatte seinerzeit 14 ha bewirtschaftet. Durch das Zusammenlegen der Flächen mit dem Nachbarn umfasst der Hof nun 33 ha. «Es stand früh fest, dass keines unserer drei Kinder den Hof übernimmt. Wir haben uns dann vor vier Jahren beim Hofnachfolge-Kurs informiert», erzählt der pensionierte Landwirt. «Damit der Hof gross genug wurde, musste ein Nachbar gefunden werden, der bald in Pension gehen möchte. Die Gemeinde hatte mir damals meine gepachteten Flächen nicht für den Nachfolger versprechen können. Ich war zu dem Zeitpunkt 67, meine Frau 63, und unser Nachbar 64 Jahre alt.»

Neue Beschäftigungen

Ehefrau Annemarie war nicht von Anfang an überzeugt, dass es richtig ist, vom Hof zu gehen. Sie erklärt etwas wehmütig: «Wir haben dann ein 60-jähriges Haus in Untersiggenthal gekauft. Ich komme dienstags aber noch auf den Hof, um bei der Spielgruppe zu helfen.» Der Hof ist also noch nicht aus den Augen und aus dem Sinn, aber man mische sich nicht ein in das, was die Sigrons an Neuem auf dem Hof entstehen lassen, bestätigen Annemarie und Albin Portmann.

Auf die Frage, wie sich der zeitweilen hart arbeitende Portmann jetzt beschäftigt, antwortet er: «Ich habe im neuen Haus meine Werkstatt im Keller, wo ich Holzspielzeug herstelle. Und ich helfe beim Bühnenbau für das örtliche Theater.»

Vom Vorbereiten und Ankommen

Es ist zu spüren, dass alle Parteien mit dem neuen Leben zufrieden sind. Zur Hofübergabe wurde im Frühjahr 2022 ein kleiner Apéro veranstaltet. Die Offenheit der neuen Familie und die Spielgruppe seien vorteilhaft gewesen, um im 29-Seelen-Weiler eine Bindung zu den Nachbarn herzustellen, berichtet Ueli Rindlisbacher, der den Prozess als Hofberater von «Hofnachfolge» begleitet hat. Er vermittelt zwischen Hofabtretenden und Interessenten, die gerne einen Hof kaufen würden. «In diesem Fall ist die Hofübergabe besonders glücklich verlaufen. Es war wichtig, dass die Portmanns sich frühzeitig informiert haben. Sie haben viele Fragebögen von Hofsuchenden studiert», sagt Rindlisbacher und fährt fort: «Als klar war, dass sie verkaufen möchten, dauerte der Prozess zwei Jahre. Die Verkehrswertschätzung haben wir im Winter 2020/2021 gemacht. Es war ein fairer Preis für Gebäude, Maschinen und Land.»

Der neue Betriebsleiter fügt an: «Wir haben sehr geschätzt, dass Albin und der Nachbar Franz bereits angesät und auch einen ersten Futtervorrat für die Tiere bereitgestellt hatten. So konnten wir im Februar gut starten.»

Die Frage nach der Hofnachfolge

«Hofnachfolge» bietet neben der Beratung und Vermittlung von Hofsuchenden jedes Jahr einen Weiterbildungskurs zum Thema ausserfamiliäre Hofnachfolge an. Er ist ein Angebot der Stiftung zur Erhaltung bäuerlicher Familienbetriebe. Die Kursteilnehmenden erhalten Entscheidungsgrundlagen und treffen Gleichgesinnte. Der Kurs findet am 19. Januar in Frick AG und am 25. Januar in Willisau LU statt. Er ist ausgerichtet für Landwirte und Bäuerinnen ab 55 Jahren, die wollen, dass ihr Hof weitergeführt wird.  Bei Interesse gibt der Hofberater Ueli Rindlisbacher Auskunft unter 061 9717123, oder  man informiert sich unter www.hofnachfolge.ch.

Mehr zum Thema
Politik & Wirtschaft

Wegen der Dürre in den Sommer- und Herbstmonaten sind von den Versicherern zusammen 117 Mio. Euro (117,3 Mio. Fr.) an Landwirte und Viehzüchter überwiesen worden.Markus Spuhler Witterungsbedingte Schäden in der Landwirtschaft…

Politik & Wirtschaft

David Jenne In Frankreich hat Landwirtschaftsminister Marc Fesneau einmal mehr die Bedeutung der Ernährungssouveränität unterstrichen. Zu den wichtigsten Elementen zählte der Ressortchef in seiner Neujahrsansprache dabei die Einkommen der Landwirte.…

Politik & Wirtschaft

Der Konsum in der EU bringt für die östlichen Nachbarn höhere Umweltbelastungen mit sich.Erwin Munter Die Europäische Union lagert ihre Umweltschäden laut einer Studie vor allem an ihre östlichen Nachbarn…

Politik & Wirtschaft

Pete Lintforth Als Ersatz für EU-Subventionen sollen britische Landwirte künftig finanziell für den Schutz der Natur und die Verbesserung der Umwelt belohnt werden. Insgesamt sind 280 verschiedene Massnahmen ausgelobt, wie…

3 Responses

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE