Samstag, 23. Oktober 2021
17.09.2021 08:11
Deutschland

D: Schweinehalter in kritischer Lage

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Von: aiz

Auf Initiative der deutschen Agrarministerin Julia Klöckner kamen am Mittwoch Vertreter der Produzenten, der verarbeitenden Branche sowie des Detailhandels in Berlin zusammen, um über die kritische Lage am Schweinemarkt zu beraten. Mit dabei waren die Agrarministerinnen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, Barbara Otte-Kinast und Ursula Heinen-Esser.

In diesen beiden Bundesländern werden rund 60% der Schweine in Deutschland gehalten. Die wirtschaftliche Situation der Schweine haltenden Betriebe im Land ist aktuell prekär: Sehr niedrige Preise für Schweine und Ferkel, gestiegene Futtermittelkosten, eine kritische Absatzsituation infolge der Afrikanischen Schweinepest (ASP) sowie erhöhte Verbrauchererwartungen an Umwelt- und Tierschutz stellen die Betriebe vor große Herausforderungen.

«Alle in der Wertschöpfungskette müssen an einem Strang ziehen und gemeinsam Lösungen finden. Als Politik unterstützen wir in dieser akuten Situation: Wir haben erreicht, dass trotz ASP der Handel mit vielen Drittländern wieder möglich ist. Die Antragsfrist für die Corona-Überbrückungshilfen wurde bis Ende Dezember verlängert, und ich habe die EU-Kommission aufgefordert, kurzfristig Krisenmassnahmen zu prüfen.

Konkret geht es etwa darum, den Beihilfehöchstbetrag in Höhe von 20.000 Euro (21790 CHF) pro Betrieb – bezogen auf einen Zeitraum von drei Steuerjahren, für nationale Fördermassnahmen nach der sogenannten De-minimis-Regelung – deutlich anzuheben», berichtete Klöckner nach dem Gipfelgespräch.

Gleichzeitig wolle sie Perspektiven schaffen für die Tier haltenden Betriebe: «Es wird künftig nur noch einen Markt für Tierwohlprodukte geben. Deshalb habe ich den Umbau des Systems der Nutzierhaltung eingeleitet – vom Konzept bis zur Finanzierung liegt dafür jetzt alles auf dem Tisch. Unsere Betriebe sollen auch in Zukunft wettbewerbsfähig produzieren können», so Klöckner.

Mehr Umwelt- und Tierschutz bei sinkenden Preisen geht nicht

Niedersachsens Agrarministerin Otte-Kinast drängte auf eine zügige Implementierung des Konzepts der Borchert-Kommission, um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Nutztierhaltung abzusichern. «Bei der Agrarministerkonferenz Ende September werden wir einen Antrag einbringen, um ein zwischen Bund und Ländern abgestimmtes Vorgehen gegen die Strukturkrise zu erreichen», kündigte sie an. Ausserdem will das Land die Steuerzahlungen von betroffenen Betrieben stunden sowie Vorauszahlungen verschieben. In Niedersachsen gibt es rund 5.000 Betriebe mit 8,2 Mio. Schweinen.

«Die Rechnung mehr Umwelt- und Tierschutz bei gleichzeitig sinkenden Preisen und Absatzmärkten kann nicht aufgehen. Der Zukunftspfad einer nachhaltigen Nutztierhaltung muss entlang der gesamten Kette vom Stall bis zum Teller gestaltet werden. Die Branche muss weiterhin wirtschaftlich arbeiten und dabei in Tierwohl und Umweltschutz investieren können. Das ist ein zentrales Thema, dem sich die neue Bundesregierung unbedingt annehmen muss», forderte Ministerin Heinen-Esser. «Mit unserem Projekt ‚Stall der Zukunft‘ werden wir in Nordrhein-Westfalen nicht nur tierwohlgerechte Ställe erproben, sondern auch optimierte Genehmigungsverfahren schaffen», kündigte die Ressortchefin an.

Bekämpfung der Schweinepest ist vordringliche Massnahme

Ein wichtiger Schwerpunkt bei den Hilfsmassnahmen für die Schweinehalter ist die Bekämpfung der ASP. Bisher wurde die Tierseuche in Deutschland bei 2.070 Wildschweinen amtlich festgestellt, davon 1.622 in Brandenburg und 448 in Sachsen. In Brandenburg wurden zudem in zwei Kleinstbeständen und in einem Bio-Betrieb mit 200 Schweinen Fälle von ASP bei Hausschweinen nachgewiesen.

«Die Bekämpfungsmassnahmen haben die ASP-Fälle trotz erschwerter Bedingungen durch einen flächenhaften Infektionsdruck bisher auf eng begrenzten Gebieten in Brandenburg und Sachsen halten können. Bis auf die drei Betriebe innerhalb der Sperrzonen konnten die Hausschweinbestände bisher frei von der Infektion gehalten werden. Die Durchführung der Tierseuchenbekämpfung liegt verfassungsrechtlich bei den Ländern. Das Landwirtschaftsministerium unterstützt die Länder aber bei Prävention und Bekämpfung in vielfältiger Weise», unterstrich Staatssekretär Uwe Feiler.

«Das Ausbruchsgeschehen ist weiterhin dynamisch, der Infektionsdruck aus Polen bleibt hoch. Wir wissen um die grossen Herausforderungen, vor denen die Landwirte derzeit stehen», so Feiler.

ISN sieht positives Signal und fordert Ankurbelung des Absatzes

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) sprach nach dem Branchengipfel von einem positiven Signal. «Einigkeit bestand über die Bedeutung kurzfristiger Massnahmen, wie die Anpassung und Ausweitung des Rahmens der Corona-Überbrückungshilfen, um möglichst viele Schweinemäster in der Krise vor dem Aus zu retten. Einigkeit bestand auch hinsichtlich der Notwendigkeit, für Absatzimpulse im Lebensmittelhandel durch massive Werbung für deutsches Schweinefleisch zu sorgen», betonte ISN-Geschäftsführer Torsten Staack.

«Die Fleischlager sind so voll wie noch nie, deshalb brauchen wir jetzt genau solche Werbeaktionen», sagte Staack. Die Marktbeteiligten im Lebensmittelhandel sollten den Absatz von Schweinefleisch nur kurzfristig über zusätzliche Werbeaktionen für deutsches Schweinefleisch ankurbeln.

Direkt im Anschluss an das Branchentreffen teilten die Diskonter Aldi Nord und Aldi Süd bereits mit, in den kommenden Wochen mit zusätzlichen Aktionsartikeln den Absatz von inländischem Schweinefleisch zu unterstützen.

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