Dienstag, 9. August 2022
26.06.2022 10:59
Europa

Milchbauern politisch und auf Markt aktiv

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Von: mgt/har

Mit mehr als 20 Mitgliedsorganisationen aus vielen europäischen Ländern vertritt das European Milk Board (EMB) die Milcherzeuger gegenüber Politik, Verarbeitern und Handel. In ihren Faire Milch Projekten arbeiten EMB-Mitglieder zudem konstruktiv am Markt und realisieren faire Preise für die LandwirtInnen.

Bei ihrer Mitgliederversammlung im Juni kamen Vertreter der EMB-Organisationen aus ganz Europa zusammen, um gemeinsam die Herausforderungen, die den Sektor aufgrund der externen und internen Krisen sowie aufgrund der EU-Agrarpolitik kennzeichnen, zu analysieren. Die Teilnehmer waren sich einig, dass es heute mehr denn je eine gute Vertretung für die MilcherzeugerInnen in ganz Europa brauche und dass die politische Arbeit der Dachorganisation konstruktiv und essentiell sei. Ohne diese Arbeit würden die Belange und Forderungen der LandwirtInnen und auch die der EU-Bürger in Bezug auf eine stabile Produktion in der EU nicht gehört werden.

In diesem Zusammenhang vermisst das EMB weiterhin eine wirkliche Vertretung der Interessen der Landwirte von bestimmten großen Verbänden auf EU-Ebene, die laut ihrer Definition eigentlich für die Höfe und die in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen eintreten müssten.

Mängel des EU-Agrarsystems

Wie die Analyse der ökonomischen und sozialen Situation auf den Betrieben während der EMB-Mitgliederversammlung zeigte, ist das aktuelle EU-Agrarsystem nicht in der Lage, eine stabile Produktionsstruktur mit ausreichend vitalen Höfen zu sichern. Es bedarf wichtiger Reformen, für die sich LandwirtInnenvertreter EU-weit einsetzen sollten.

Dr. Karin Jürgens vom Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL) präsentierte den Teilnehmern eine Margenstudie sowie eine aktuelle Kostenkalkulation bis zum Jahr 2021, die eine systematische Verschlechterung der Margen-, Preis- und Kostensituation der Milcherzeuger in den letzten Jahrzehnten aufzeigen. So hat sich die Marge Nettowirtschaftsleistung I von 3,79 Cent/kg Milch im Jahr 1989 auf -4,96 Cent/kg im Jahr 2019 verschlechtert. Und die aktuelle Kosten- und Preissituation im Jahr 2021 zeigt beispielsweise für Belgien, Deutschland und Luxemburg eine Kostenunterdeckung um die 20 Prozent, für Frankreich und die Niederlande um die 30 Prozent und für Litauen deckten die Preise die Kosten um ganze 43 Prozent nicht.

Nicht einmal das nationale Mindestlohnniveau

Für das Einkommen der LandwirtInnen hat das verheerende Folgen. So verblieben den deutschen Bäuerinnen und Bauern in der Stunde lediglich 6,10 Euro und die Luxemburger Kollegen arbeiteten für ein Stundeneinkommen von 5,25 Euro. Die französischen LandwirtInnen erhielten nur 3,09 Euro. Aber auch die litauischen Produzenten erreichten mit 2,33 Euro in der Stunde nicht einmal das nationale Mindestlohnniveau. Für den Durchschnitt der dänischen und niederländischen MilcherzeugerInnen war 2021 sogar ein absolutes Defizitjahr.

Kostensteigerungen in der Milchproduktion

Diese aktuelle Analyse zu den Kostenzahlen von 2021 wurde ergänzt mit Zahlen zu Preisentwicklungen im ersten Quartal 2022. Hier wurde noch einmal ganz deutlich, dass die Preissprünge bei Rinderfutter, Dünger und Energie zu zusätzlichen Kostensteigerungen in der Milchproduktion führten. Allein in Frankreich stiegen nach der Trendanalyse beispielsweise die Kosten für zugekaufte Futtermittel von 10,57 Cent (Durchschnitt für 2021) auf ganze 14,49 Cent pro kg Milch im April 2022 an. Dies dämpft die Erwartung, dass parallel dazu steigende Milchpreise die dringend nötigen wirtschaftlichen Entlastungen bringen werden.

Preise oberhalb der Produktionskosten verpflichtend

Die Vertreter des EMB betonen, dass es für eine stabile Milchproduktion einen gesetzlichen Rahmen braucht, der dafür sorgt, dass die Produktionskosten inklusive eines fairen Einkommens für die ErzeugerInnen sich in den Preisen tatsächlich widerspiegeln. Als Beispiel für einen EU-Rahmen könnte ein Gesetz dienen, das 2021 in Spanien etabliert wurde und bei dem Preise verpflichtend sind, die oberhalb der Produktionskosten liegen. Solch ein Gesetz müsste ebenso auf EU-Ebene installiert und vor allen Dingen auch aktiv umgesetzt werden. 

Importware muss Standards erfüllen

Im Bereich Handelspolitik diskutierte die Versammlung Spiegelklauseln für importierte Waren. Diese müssten dafür sorgen, dass Importprodukte den Produktionsstandards der EU entsprechen und somit auch Wettbewerbsverzerrungen zu Ungunsten der MilcherzeugerInnen sowie erhöhte Gesundheitsrisiken für EU-Konsumenten vermieden werden. 

«Faire Milch» Projekte für Nachhaltigkeit

Als aktive Vertretung für die Interessen der Milchbauern direkt am Markt liefern die Faire Milch Projekte, die von EMB-Mitgliedern in verschiedenen Ländern erfolgreich durchgeführt werden, einen wichtigen Beweis. Sie zeigen, dass faire Preise, die auch ein faires Einkommen für die Erzeuger einschließen, keine Illusion, sondern sehr gut möglich sind. Doch das funktioniert nur, wenn der Fokus tatsächlich auch auf einer sozialen Nachhaltigkeit liegt, was ansonsten weitläufig kaum im politischen System noch bei Genossenschaften, privaten Verarbeitern oder dem Handel der Fall ist. Diese speziellen nachhaltigen Projekte, die sich zum Ziel gesetzt haben, eine faire Verteilung entlang der Kette zu ermöglichen, sind exemplarisch für ein faires Verteilungssystem, das aus der Nische heraus in der gesamten EU installiert werden müsste. 

Die Schweiz wird beim European Milk Board vertreten durch die Bäuerliche Interessengruppe für Marktkampf (Big-M) und Uniterre.

Die Faire Milch Projekte, die mit viel Leidenschaft, Energie und Arbeit von den Landwirten komplett gemanagt und umgesetzt werden, sind neben der politischen Arbeit der EMB-Mitglieder ein wichtiger Pfeiler in der Vertretung der Interessen der Milchbäuerinnen und Milchbauern in der EU. Diese Vertretungsarbeit mit dem Fokus auf die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit auf den Höfen – so waren sich die Teilnehmer der Mitgliederversammlung einig – setzen die Bäuerinnen und Bauern des EMB mit viel Elan weiter fort. Sie laden alle Akteure des Agrarsystems – seien es Verbände, politische Vertreter sowie Verarbeiter und Handel – dazu ein, sich an dieser Arbeit für ein faires und stabiles EU-Produktionssystem zu beteiligen.

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