Freitag, 20. Mai 2022
22.01.2022 13:55
Deutschland

«Kampf den Ramschpreisen»

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Von: Jonas Ingold/LID

In Deutschland gibt es eine neue Regierung, Landwirtschaftsminister ist der Grüne Cem Özdemir. Wohin die deutsche Landwirtschaft künftig steuert, wurde am Talk der Internationalen Grünen Woche Berlin diskutiert.

Deutschland stehe vor einem grossen Transformationsprozess in der Gesellschaft und in der Landwirtschaft, sagte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) an einem Talk der Grünen Woche in Berlin. «Wir sagen dazu ja, gehen diesen Prozess mit», so der Baden-Württemberger. Der DBV habe klare Vorstellungen in Richtung Weiterentwicklung der Landwirtschaft und der Tierhaltung.

Die Türen beim DBV seien offen, es müsse aber auch die Finanzierung etwa im Bereich Umbau der Tierhaltung geklärt werden. «Beim Klima sind wir Betroffene und auch Teil der Lösung. Das müssen wir schnell angehen», stellt Rukwied zu Beginn klar.

Kampf den «Ramschpreisen»

Ein grosses Anliegen von Agrarminister Cem Özdemir ist der Kampf gegen «Ramschpreise». «Unsere Schweineproduzenten müssen davon menschenwürdig leben können und ein vernünftiges Einkommen erzielen. Und das kriegen sie nicht von den 22 Cent, die sie vom Konsumenteneuro aktuell erhalten», so Özdemir. Was man einkaufe und was man esse, müsse er nicht vorschreiben, so Özdemir, der vegetarisch lebt. «Wir sind ein freies Land, die Leute treffen ihre Konsumentenentscheidung selbst.»

Auch den DBV beschäftigen die Tiefstpreise im deutschen Handel. Es sei eine Kernforderung des Verbandes, dass der Anteil der Landwirte am Konsumenteneuro höher sein müsse und das sei nicht nur beim Fleisch so, erklärte Joachim Rukwied. «Aus unserer Sicht ist sehr wichtig, dass sich unsere höheren Standards auch in einem höheren Einkommen für die Betriebe niederschlagen.» Man brauche dabei die Unterstützung der Politik, die vorhanden sei, aber auch der Verarbeiter und des Handels.

Für Joachim Rukwied ist klar, dass die Finanzierung für mehr Tierwohl geklärt werden muss.
Messe Berlin

«Niemand fragt, woher Schrauben kommen»

Christian von Boetticher, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, spielte den Ball an den Handel weiter. Dieser mache die Preise. Von Boetticher wies aber darauf hin, dass der Druck der Konsumentinnen und Konsumenten immer noch sehr hoch sei. Diese reagierten zuverlässig auf Schnäppchenangebote. Allerdings werde die Gruppe jener grösser, die bereit sei, höhere Preise zu bezahlen – wenn sie es sich denn leisten könne.

Es gebe aber schon jetzt keine andere Industrie, die sich so sehr mit Nachhaltigkeit beschäftige wie die Ernährungsindustrie. Das liege auch an diesem Druck von aussen. «Noch nie hat sich ein Konsument gefragt, woher eigentlich die Schraube kommt, die seinen Toaster zusammenhält», so von Boetticher.

Bei den Nahrungsmitteln werde aber sehr genau auf die Inhalt geschaut, dies auch zurecht. Es sei ein sehr grosser Spagat zwischen den Anforderungen bezüglich Nachhaltigkeit und dem Verlangen nach möglichst tiefen Preisen. «Je bewusster den Konsumenten die Thematik wird, desto eher verändert sich auch das Verhalten der Wertschöpfungskette», so von Boetticher.

Grüne Woche digital und abgespeckt

Die Grüne Woche musste dieses Jahr aufgrund der Pandemie abgesagt werden. Zunächst war geplant gewesen, sie unter Auflagen durchzuführen. Wer aber in der Land- und Ernährungswirtschaft arbeite, müsse ohnehin einen starken Rücken haben, sagte Martin Ecknig, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin GmbH. «Den Kopf in den Sand stecken, sowas kenne ich gar nicht», so Ecknig. Aber natürlich freue er sich, bald wieder Veranstaltungen live durchführen zu können. Im Moment habe man halt das Beste, was gehe. Mehr Infos unter www.gruenewoche.de.

Mehr Regio und Bio für Kantinen

Man sei darauf angewiesen, dass nachhaltige Bio- und andere Regio-Produkte auch verkauft würden, so Cem Özdemir. Sonst produziere man am Markt vorbei. Er denke da an Mensen, Kantinen oder Fussballstadien, die auf solche Produkte setzen könnten. Ein solches Produkte laufe derzeit beim VfB Stuttgart: «Wenn dereinst wieder 50’000 Menschen regionale Produkte im Stadion konsumieren, so wäre das eine tolle Sache». Es habe auch mit Wertschätzung gegenüber den Menschen zu tun, diesen gute Lebensmittel zu bieten, so Özdemir.

«Wir haben eine Tendenz hin zu regionalen und nachhaltigen Lebensmitteln», sagte Rukwied. Die Konsumentinnen und Konsumenten müssten diese Produkte aber auch erkennen können, indem die Herkunft transparent gekennzeichnet werde.

Kennzeichnungen will auch Özdemir, unter anderem bezüglich Tierhaltung: «Die Leute wollen den Produkten ansehen, wie die Tiere gehalten wurden», so der Landwirtschaftsminister. Er will deshalb verpflichtende Tierhaltungskennzeichnungen einführen. Noch dieses Jahr sollen sie kommen. «Was man für solche Produkte mehr zahlt, das muss bei den Produzenten ankommen», erklärte Özdemir. Er sehe da grundsätzlich grossen Rückhalt, bei der Finanzierung könne es dann wieder schwer werden.

Wer bezahlt die bessere Tierhaltung?

Um die Tierhaltung Richtung mehr Tierwohl umzubauen, brauche es jährlich 4 Milliarden Euro, verwies Joachim Rukwied auf Studien. Diese Mittel müssten der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden. «Unsere Bauern brauchen auch Planungssicherheit. Wenn sie jetzt in einen Tierwohlstall investieren sind das Beträge im siebenstelligen Bereich. Das braucht mindestens 20 Jahre zur Amortisierung», so Rukwied.

Da brauche es die Verlässlichkeit, dass die Bauern diesen Stall dann auch mindestens die 20 Jahre nutzen könnten und nicht wieder neue Vorschriften kämen. «Es braucht diese Planungs- und Investitionssicherheit», stimmt Özdemir klar zu. Und versprach: Mit ihm werde es diese auch geben. Er sehe aus seiner Heimat in Baden-Württemberg sehr gut, wie wichtig eine solche Sicherheit für mittelständische Unternehmen sei.

Der Dialog soll helfen

Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe geht in Deutschland zurück. Das Prinzip «Wachse oder Weiche» komme nicht aus seiner Partei, so Özdemir. Im Bereich der Landwirtschaft überlegten sich die Jungen natürlich, wie es finanziell aussehe und wie gross der Zeitaufwand sei. Man müsse auch sehen, dass der psychologische Druck auf die Bäuerinnen und Bauern gross sei.

Sie würden für alle Versäumnisse der Politik und der Wirtschaft der letzten Jahre verantwortlich gemacht. «Wir brauchen Wertschöpfung und Wertschätzung. Es geht um den Respekt, den wir unseren Landwirtinnen und Landwirten entgegenbringen müssen.» Nur so könne die Zukunft der Betriebe gesichert werden.

«Schwätza muss ma mit de Leit», sagte Cem Özdemir zum Abschluss. Diese Dialogbereitschaft wusste Joachim Rukwied zu schätzen. Er freue sich auf die kommenden Gespräche.

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3 Responses

    1. Hast du ein Problem mit dem türkischen Namen oder der Partei? Müsstest aber voll dahinter stehen, denn er will ja, dass in der Landwirtschaft kostendeckende Preise bezahlt werden und dass die Landwirte einen angemessenen Verdienst erwirtschaften. Und da bist du schockiert? Produzierst du gerne defizitär während 7/24?

      1. Es wird in der Landwirtschaft alles teuer und unrentabel, weil die Grünen und Linken derart viele Regulierungen verursachen. Diese Regulierungen bringen weder für Umwelt noch für Menschen irgendetwas. Ausser, dass alles teurer wird. Özdemir will sich beliebt machen mit „kostendeckenden“ Preisen. Dabei muss er zugeben, dass sich viele Menschen das Essen kaum mehr leisten können. Eine weitere Folge der linken Politik.

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