Sonntag, 29. Januar 2023
04.12.2022 06:01
Europa

Wolfsschutz: EU-Kommission prüft Datenlage

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Von: AgE

EU-Kommissionspräsidentin Dr. Ursula von der Leyen weist eingehende Analyse der Daten betreffend Wolfsschutz an. Mitgliedstaaten verfügen aber bereits über Möglichkeiten um Problemen mit der Wolfspopulation zu begegnen.  Der ständige Ausschuss der Berner Konvention lehnt Lockerung des Wolfsschutzes jedoch ab

Die Europäische Kommission wird den aktuellen Schutzstatus des Wolfes in der EU überprüfen. Das hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einem Brief an die CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament angekündigt.

Ausnahmen erlaubt

Demnach sind die Dienststellen der Behörde angewiesen worden, eine «eingehende Analyse» der Daten vorzunehmen. Die Kommissionspräsidentin betont zugleich, dass die Mitgliedstaaten im Rahmen der Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie bereits beträchtliche Möglichkeiten haben, von der strengen Schutzregelung abzuweichen.

Die Richtlinie erlaube Ausnahmen, wenn zwingende Gründe des öffentlichen Interesses überwögen. Die Mitgliedstaaten könnten geeignete Massnahmen ergreifen, um Problemen im Zusammenhang mit wachsenden Wolfsbeständen zu begegnen und lokale Konflikte im Einklang mit dem Subsidiaritätsprinzip angehen, heisst es in dem Schreiben.

«Starkes Signal»

Die umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Anja Weisgerber, wertete den Brief als «starkes Signal» der Unterstützung. Der Ball liege nun im Feld der Bundesregierung. Auch Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Sven Schulze begrüsste das Schreiben der Kommissionspräsidentin. Er kündigte an, in den nächsten Tagen zu dem Thema weitere Gespräche in Brüssel zu führen.

«Mit der Initiative der Europäischen Kommission können wir uns für eine potentiell steigende Zahl von Konflikten zwischen Artenschutz und Weidetierhaltung besser wappnen», so der Minister. Wichtig sei jetzt, dass sich die zuständigen Ausschüsse im Landtag von Sachsen-Anhalt erneut mit dem Thema befassten und es neu priorisierten.

Lockerung abgelehnt

Vorerst nicht gelockert werden dürfte indes die Einstufung des Wolfes im Rahmen der Berner Konvention. Der Ständige Ausschuss entschied in der vergangenen Woche über einen Antrag der Schweiz, den Status des Wolfes von «streng geschützt» auf «geschützt» runterzustufen.

Medienberichten zufolge haben von den 30 stimmberechtigten Mitgliedern nur sechs den Antrag unterstützt. Zu den Vertragspartnern des «Übereinkommens über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume» zählt auch die EU.

Das Verbreitungsgebiet des Wolfes hat sich in den letzten zehn Jahren um 25 Prozent vergrössert. 
Amt für Wald beider Basel

«Hochdynamische» Population

Laut einer dem Ausschuss vorliegenden Stellungnahme zum Schutzstatus des Wolfes in Europa hat sich dessen Verbreitungsgebiet auf dem Kontinent in den letzten zehn Jahren um 25 % vergrössert. Unterschieden werden neun Populationen, unter anderem im Norden der iberischen Halbinsel, im Grenzgebiet von Frankreich und Italien, auf der Apenninenhalbinsel und in Skandinavien.

Die deutschen Wölfe werden zur mitteleuropäischen Population gezählt, die etwa in der Mitte von Polen auf den baltischen Bestand trifft; dabei soll es aber nur in begrenztem Umfang zur Vermischung kommen. Diese Population ist gemäss dem Bericht seit dem Jahr 2000 rasant gewachsen und wird als «hochdynamisch» beschrieben. Es wird damit gerechnet, dass bald der Kontakt zum Vorkommen in den Alpen hergestellt wird.

Kritisch wird die zunehmende Zahl an Sperrzäunen zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) gesehen – die Fragmentierung der Population könnte sich zu einem ernstzunehmenden Problem ausweiten, heisst es.

Mehr als 300 Rudel in Spanien

Für Deutschland weist der Bericht für das Jahr 2020/21 einen Bestand von mindestens 158 Rudeln und 27 Paaren aus. In Frankreich waren es im vergangenen Jahr zwischen 640 und 978 Wölfe; in Spanien wurden mindestens 304 Rudel registriert. In Italien gehen die Fachleute von zwei getrennten Populationen aus, die es zusammen auf mehr als 3 300 Individuen bringen sollen.

In der Schweiz wurde der Bestand 2021 auf mindestens 153 Wölfe geschätzt, in Österreich waren es 56. Für Tschechien weist der Bericht 100 Individuen aus. In Polen wurden 2019 mehr als 1’880 Wölfe gezählt, die sich auf drei Populationen verteilten. Vergleichsweise klein sind die Wolfsvorkommen in Deutschlands übrigen Nachbarländern. In Dänemark waren im vergangenen Jahr lediglich 14 Wölfe aktiv, in den Niederlanden 15 und in Belgien neun.

Hybridisierung im Süden

Unter rein numerischen Gesichtspunkten könnten die meisten Wolfspopulationen in den biogeografischen Regionen Europas laut dem Bericht als nicht gefährdet eingestuft werden. Betont wird, dass ein Management zur Erhaltung dieses Zustands von allen beteiligten Staaten getragen werden müsste.

Zu den wichtigsten Problemen für die Erhaltung der Wolfsbestände wird die Zunahme von sozialen Konflikten gezählt. Diese würden zunehmend in breiteren politischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert, was die Akzeptanz der Bevölkerung verringern und die wissenschaftliche Basis des Managements beschädigen könnte, so die Fachleute.

Nach ihrer Einschätzung werden die Wolfspopulationen in der EU künftig auch durch immer mehr Zäune bedroht, die neben der ASP auch die unkontrollierte Migration eindämmen sollen. Auch die Hybridisierung mit Hunden, die insbesondere die südlichen und östlichen Populationen betrifft, bereitet den Wolfsschützern sorgen.

Auf dem Balkan werden zudem das fehlende Monitoring, ein unzureichendes Management und verbreitete illegale Abschüsse als problematisch eingestuft.

Der Deutsche Jagdverband begrüsst eine Lockerung des Wolfsschutzes. 
Kanton Wallis

DJV begrüsst Entschliessung

Unterdessen begrüsste der Deutsche Jagdverband (DJV) die in der vorvergangenen Woche gefasste Entschliessung des Europaparlaments zur Lockerung des Wolfsschutzes als «richtungsweisend». «Die EU-Kommission muss jetzt entsprechend handeln und den Mehrheitsbeschluss der gewählten Vertreter aus den Mitgliedstaaten berücksichtigen», erklärte DJV-Vizepräsident Helmut Dammann-Tamke.

Der Verband sieht nun die Bundesregierung in der Pflicht, das Signal aufzunehmen und wie im Koalitionsvertrag vorgesehen die Weichen für ein regional differenziertes Bestandsmanagement zu stellen. Dies sei schon jetzt europarechtskonform möglich.

Darüber hinaus fordert der DJV eine Herabstufung des Schutzstatus. Grundlage müssten die «dramatisch angewachsenen» Bestände sein. Deutschland brauche eine ökologische Raumplanung für den Wolf. Die Ansiedlung von Rudeln müsse im urbanen Bereich, entlang von Deichen oder in alpinen Regionen unterbunden werden.

Sollten Sorgen und Ängste der betroffenen Bevölkerung weiter ignoriert werden, gehe die Akzeptanz für den Wolf weiter verloren, warnt der Verband. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Einstufung der Weltnaturschutzunion (IUCN), derzufolge der Wolfsbestand in Europa mit rund 19’000 Tieren als ungefährdet gilt. 

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