Donnerstag, 4. März 2021
27.01.2021 18:52
Umfrage

Milchimport eine Gefahr für Produzenten?

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: blu

Das Gesuch der Käserei Imlig für den Import von drei Millionen Kilo Milch hat in der Branche ein Beben ausgelöst. Bauernorganisationen befürchten eine Aufweichung des Grenzschutzes. Wie denken Sie über das Gesuch? Abstimmen und mitdiskutieren

Die Milcheinlieferungen in der Schweiz lagen in den vergangenen Monaten in der Höhe des Vorjahres. Die Preise sind in dieser Zeit leicht gestiegen. So haben beispielsweise die Zentralschweizer Milchproduzenten per 1. Januar 2021den Basispreis um 1,5 Rappen auf 57 Rappen pro Kilo Milch erhöht.

Gesuch für 3 Jahre

Für einige Verarbeiter in der Schweiz sind die Preise aber zu hoch. Sie suchen nach Alternativen. Und sie wurden fündig bei Importen. So auch die Käserei Imlig aus Oberriet SG. Das Unternehmen hat bei der Eidgenössischen Zollverwaltung im Dezember ein Gesuch für den Import von drei Millionen Kilo Milch im aktiven Veredlungsverkehr eingereicht.

Die Frischmilch soll für die Produktion von Halbhartkäse für den deutschen Markt importiert werden. Wie BIG-M im jüngsten Newsletter schreibt, soll die Bewilligung für den Milchimport für drei Jahre gelten.

Aufweichung des Grenzschutzes

Das sorgt in der Milchbranche für viel Gesprächsstoff. Produzentenorganisationen sind massiv verärgert. «Eine Zulassung würde eine Aufweichung des Grenzschutzes für den Milchmarkt bedeuten», sagte Reto Burkhardt, Sprecher bei den Schweizer Milchproduzenten (SMP), gegenüber «Schweizer Bauer». Obschon der Halbhartkäse nicht das Schweizer Kreuz wird tragen dürfen, werde dieser Swissness-Produkte konkurrenzieren. 

Auch die Genossenschaft Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost (VMMO), die die Interessen der Ostschweizer Milchproduzenten vertritt, ist über das Gesuch irritiert und verärgert. «Käse ist das wichtigste Produkt der Schweizer Milchwirtschaft. 2019 sind 44,5% der Milch zu Käse verarbeitet worden, 39% der Schweizer Käseproduktion wurde exportiert», heisst es in einer Mitteilung von vergangener Woche.

Glaubwürdigkeit des Schweizer Käse in Gefahr

Gemäss VMMO will Imlig mit dieser Frischmilch Halbhartkäse für deutsche Discounter produzieren. «Es ist inakzeptabel, wenn nun eine Schweizer Käserei durch die Verarbeitung von Importmilch unsere Käseexporte direkt konkurrenziert», kritisiert die Genossenschaft.

Auch der Schweizer Bauernverband (SBV) lehnt das Gesuch ab. «Die Gesuchstellerin erhält bei der Verwendung von Schweizer Milch für die Käseherstellung die Verkäsungszulage. Damit werden die Rohstoffpreisnachteile zum Ausland ausgeglichen», schreibt der SBV. Zudem sieht der Verband die Glaubwürdigkeit des Schweizer Käse in Gefahr. Dieser müsse mit Schweizer Milch hergestellt sein. «Die Gewährung des Veredelungsverkehrs würde die Qualitätsstrategie der Käsebranche unterlaufen», warnt der SBV.

Nicht weniger Milch

SMP, VMMO und SBV weisen darauf hin, dass es in der Schweiz keinen Milchmangel gibt. Die Beschaffung sei eine Frage des Preises. «Die Motivation des Importgesuchs ist rein wirtschaftlich und zielt nur darauf ab, mit möglichst günstiger Milch in der Schweiz Käse zu produzieren», stellt VMMO klar. Solches Verhalten soll nicht belohnt werden.

Und die Aussagen der Organisationen wird gestützt durch die Statistik. Die kumulierte Milchproduktion von Januar bis November 2020 betrug 3‘128‘849 Tonnen. Sie lag damit um 7‘742 Tonnen, das sind lediglich 0.2 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Im November 2020 wurden 262‘282 Tonnen Milch. Gegenüber dem Vorjahresmonat entspricht dies einer Zunahme von 4‘217 Tonnen oder plus 1.6 Prozent.

TSM

Verarbeiter wollen Preis diktieren

Für BIG-M überschreitet die «Milchkrise» mit dem Importgesuch eine neue Schwelle. Die sei eine klare Ansage, dass die Verarbeiter die Macht im Milchmarkt um jeden Preis erhalten wollten. Für BIG-M ist klar: Die Verarbeiter und der Handel wollen den Preis diktieren.

Dass das Gesuch für drei Jahre gültig wäre, erachtet die Bauernorganisation für die Milchbauern als eine grosse Gefahr: «In jeder Milchkaufverhandlung kann Imlig damit drohen, für den Exportkäse die Milch nicht in der Schweiz einzukaufen, sondern diese zu importieren.»

Leser-Meinungen

Auf schweizerbauer.ch wird das Gesuch, das in mehreren Artikeln thematisiert wurde, sehr oft kommentiert. Das Gesuch wird von der grossen Mehrheit abgelehnt. Doch es gibt auch einzelne Stimmen, die Imlig unterstützen. Einige Voten von unseren Lesern: 

«Warum will man dieser Käserei den Import für die Veredelung verbieten? Man sollte stolz sein, dass es diese Käserei schafft, mit Schweizer Löhnen diese Veredelung zu machen. Dies senkt die Anlagekosten, da diese ausgelastet werden können. Schweizer Milch ist nicht für den Export. Dies sollte verboten werden! Hingegen darf nicht ausländische Butter oder dergleichen importiert werden. Besser wäre es, die Milch auf dem hiesigen Markt zu einem guten Preis abzusetzen, als diese im Ausland zu verramschen», schreibt User Christoph Hagenbuch.

Ganz anders sieht es User Gion F: «Stopp! Jetzt sollen auch die Verarbeiter die Strukturen anpassen oder eben Anreize schaffen, damit wieder mehr produziert wird. Ein Bauer, der das Melken aufgeben hat, wird nicht mehr beginnen». Der Aufwand für die Milchproduktion sei zu gross. «Also, lieber Milchverarbeiter, trage Sorge zu den noch 19’000 Milchproduzenten, sonst hast du es künftig noch schwieriger», fährt er fort.

Hans Aschwanden kann den Frust der Bauern zwar nachvollziehen. «Es geht um die Frage, wie stark dieses Gesuch den Schweizer Milchmarkt beeinflusst. Das ist schwierig zu beantworten. Den Schwarzen Peter aber dem Käser zuzuschieben, greift einfach zu kurz», hält er fest. Rund 15% der Schweizer Milch habe eine ausländische Futterbasis hat. «Das ist im Grunde auch Milchimport, einfach auch Stufe Milchproduktion. Bitte diskutiert diesen Umstand einmal unter Milchproduzenten, wie sich das mit Swissness verträgt», fordert er.

Leser Bauer sieht beim Export von Käse an und für sich kein Problem. «Wenn Milch importiert und dann der Käse wieder exportiert wird, verliert der Schweizer Milchproduzent Marktanteile. Denn wenn vorher Schweizer Milch in den Export ging, dann sind diese Kilo Milch verloren», hält er fest. Wenn mehr exportiert werden kann, dann mit Schweizer Milch. «Ansonsten kann das Ausland die Milch auch selbst verarbeiten», hält er fest.

Ist ein Milchimport eine Gefahr für die Produzenten?
Ja, das reisst den Grenzschutz ein
86%
329
Nein, keine Gefahr für die Bauern
11%
44
Weiss nicht
3%
10

Aktiver und passiver Veredelungsverkehr

Beim aktiven Veredelungsverkehr wird ein Rohstoff, zum Beispiel Milch, Butter, Milchpulver, importiert und beispielsweise zu Backwaren weiterverarbeitet, um ihn wieder in verarbeiteter Form zu exportieren. Ein Hauptziel des aktiven Veredelungsverkehrs ist es, die Auslastung inländischer Produktionsstätten sicherzustellen, ohne sie dabei mit Zöllen oder Verbrauchssteuern zu belasten, wenn das finale Produkt ohnehin für ausländische Märkte vorgesehen ist. Dieser Verkehr ist bewilligungspflichtig. Es gilt das Informationsverfahren. Das heisst, dass die betroffenen Organisationen lediglich informiert werden und nicht in jedem Fall Stellung beziehen können. Beim passiven Veredelungsverkehr wird ein Rohstoff exportiert, verarbeitet und wieder importiert. hal

5 Responses

  1. 15% der Schweizer Milch wird mit Importfutter produziert. 39% des Schweizer Käses wird mit Unterstützung der Verkäsungszulage exportiert und liegt teilweise unter den Preisen europäischen Käses in europäischen Regalen. Ziel, Weltmarktproduktion? Milchimporte nein , nicht einmal wenn damit ein Schweizer Unternehmen seinen Betrieb auslasten und Arbeitsplätze sichern kann und das Produkt dann obendrein sofort wieder exportiert wird. Als Europäer fehlen einem da die Worte. Marcel Renz

    1. Falsch. Für die Milchproduktion beträgt der Inlandfutteranteil 92%.
      Die Zahl die du benutzt, beinhaltet vor Allem Importfutter für Geflügel und Schweine (Proteinkomponenten, Mais).
      Als Faktenfreund fehlen einem ab solcher Desinformation die Worte.

      1. M.Z. Soll mir einer erklären was im Bauernverband los ist. Milchimport ( Veredlungsverkehr) eine Gefahr für Produzenten. Freihandelsabkommen mit Indonesien keine Gefahr für Oelsaatproduzenten.

  2. Wieso diese aufregung? Imlig machte das schon vor einigen Jahren. Habe extra den damaligen SMP Präsidenten Albert Rösti informiert. Zuerst hat er mir nicht geglaubt, aber ich konnte es ihm beweisen. Leider hat es nichts gebracht,wurde einfach totgeschwiegen. So läufts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE