Donnerstag, 8. Dezember 2022
23.11.2022 10:36
Betriebsführung

«Auf Betrieben muss sich etwas ändern»

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Von: Jürg Fatzer, Daniel Thür*

Landwirt Jürg Willi aus Pusserein GR hat in einer Diplomarbeit untersucht, weshalb viele landwirtschaftliche Lehrabgänger nicht länger in der Landwirtschaft tätig sind. Er deckte die verschiedenen Probleme auf und zeigt mögliche Lösungen auf

«Thurgauer Bauer»: Warum haben Sie sich mit diesem Thema beschäftigt?
Jürg Willi: Ich bin auf dieses Thema durch unseren Lehrgangsleiter Koni Höhener aufmerksam geworden. Er wurde von einem Kollegen beauftragt, dieses Thema an die zukünftigen Agrotechniker weiterzuleiten, und zu fragen ob jemand Interesse daran hätte, dieses zu bearbeiten. Mir war schnell klar, dass mich dieses Thema interessiert, und so führte eins zum anderen.

Was ist Ihnen während der Diplomarbeit besonders aufgefallen?
Am meisten beeindruckt hat mich der Unterschied zwischen den Arbeitsverträgen in der Landwirtschaft und den Vergleichsbranchen (Schreinergewerbe, Bauhauptgewerbe und Holzbaugewerbe). In diesem Vergleich hat sich herausgestellt, dass die Landwirtschaft bezüglich vieler Dinge in den Angestelltenverhältnissen hinterherhinkt. Auch ist mir aufgefallen, dass nicht nur der Lohn in der Landwirtschaft ein Problem ist, sondern auch die Arbeitszeit für viele Lehrabgänger ein ausschlaggebender Punkt ist, nicht weiter in der Landwirtschaft tätig zu sein. Der Arbeitskräftemangel ist auch nicht nur in der Landwirtschaft ein Problem, sondern auch in anderen Handwerksbranchen, was eine Abwanderung der Arbeitskräfte somit noch verstärkt.

Gibt es auch positive Aspekte?
Der positivste Aspekt hat sich bei der Umfrage gezeigt: Rund 70 Prozent der befragten, welche potenziell als Arbeitskraft auf Milchviehbetrieben dienen können, wären grundsätzlich nicht abgeneigt, auf einem solchen zu arbeiten. Auch haben viele der Befragten für den Beruf Landwirt wegen seiner Vielseitigkeit und den Umgang mit der Natur und den Tieren eine grosse Leidenschaft. Sie würden gerne als Angestellte weiterarbeiten, sofern sich die Bedingungen verbessern.

Zur Person

Jürg Willi (23) ist gelernter Landwirt und zur Zeit landwirtschaftlicher Angestellter auf dem elterlichen Betrieb in Pusserein GR. Die Weiterbildung zum Agrotechniker hat er im vergangenen August abgeschlossen. In diesem Rahmen hat er die Diplomarbeit «Mangelnde Attraktivität der Angestelltenverhältnisse auf Schweizer Milchviehbetrieben» geschrieben. Willi arbeitet zudem als Maurer im Stundenlohn. Auf dem elterlichen Betrieb mit rund 42 ha LN wird Bio-Mutterkuhhaltung betrieben mit durchschnittlich 36 Grossvieheinheiten in der Bergzone III. hal

Was für Lösungen bieten sich denn an oder anders gefragt, was muss anders werden auf den Milchviehbetrieben?
Als Lösung für die Milchviehbetriebe bietet sich eine frühe und intensive Suche nach Angestellten an. Der Lohn und die Arbeitszeiten sollten nach Möglichkeit verbessert werden, das ist meist sehr einfach gesagt, aber in der Umsetzung recht schwierig. Aber gerade bezüglich Arbeiten übers Wochenende müssen die Betriebe zusammen mit den Angestellten kompromissfähig sein. Auch suchen viele junge Landwirte mehr Herausforderungen bei den Tätigkeiten, dies könnte durch mehr Verantwortung verbessert werden. Auch ist zu versuchen, den Angestellten in möglichst vielen Bereichen Spielraum zu lassen und sie nicht nur zu führen, sondern auch zu fordern und zu fördern.

Können Sie auch etwas zum Kanton Thurgau sagen?
Die Diplomarbeit ist eher allgemein über die Kantone Graubünden, St.Gallen und Thurgau gehalten, die Probleme sind aber auch sehr ähnlich. Was allerdings beim Kanton Thurgau betrifft, hat dieser im Vergleich zu den beiden anderen Kantonen den ältesten Normalarbeitsvertrag für die Landwirtschaft (2006).

Ihre Diplomarbeit ist beendet, denken Sie, es wird sich was ändern?
Ich glaube nicht, dass sich von heute auf morgen etwas ändern wird. Worin ich mir allerdings sicher bin, ist, dass sich etwas ändern muss, wenn die Landwirtschaft weiterhin von qualifizierten Angestellten profitieren will. Es hat sich gezeigt, dass immer mehr Betriebe eine Grösse erreichen, bei der die familieneigenen Angestellten nicht mehr ausreichen, das heisst, es müssen Angestellte gefunden werden.

Haben Sie etwas Persönliches aus der Diplomarbeit mitnehmen können?
Aus der Diplomarbeit habe ich für mich einiges mitnehmen können, und es hat auch zu manchen spannenden Gesprächen geführt. Für die Landwirtschaft ist es viel schwieriger, beim Lohn und den Arbeitszeiten mitzuhalten als für andere handwerkliche Berufe, wo der Lohn über die geleistete Arbeit z.B. auf der Baustelle meist direkt weitergegeben werden kann. Bei der Landwirtschaft geht dies nicht und so muss immer die Frage gestellt werden, ob man es sich leisten kann, einem Angestellten mehr Lohn zu bezahlen, ohne dass es für den Betrieb finanzielle Nachteile gibt.

*Jürg Fatzer ist Geschäftsführer der Thurgauer Milchproduzenten (TMP) und des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft (VTL). Daniel Thür ist Leiter Kommunikation beim VTL. Das Interview erschien zuerst im «Thurgauer Bauer»

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3 Responses

  1. Wichtig ist gerechte Entlöhnung zu zahlen. Dabei profitieren beide Seiten. Seitens Betrieb wird man innovativer und die Leute sind da, wenn man Sie braucht. Derzeit zahle ich Fr. 25.-/h plus ganze AHV und es rechnet sich für mich.

  2. Die Erkenntnis , dass bäuerliche Arbeit tief bezahlt wird, ist nicht neu . Wir haben noch 66 Stnden im Sonner gerbeite, im Winter 60 . Vegessen darf man den Arbeitsweg nicht, lieber 10 Stunden mehr arbeiten, als 10 Arbeitsweg !

  3. Dieses Problem sollte schon länger gelöst werden. er. 42 Stunden//Woche, 5 Arbeitstage. Nicht verträglich mit den anfallenden Arbeite – Service angestellte kennen auch Zimmerstunden.
    Nicht finanzierbar – verlangt endlich mehr für die Urprodukte, seit innovativ, fordert vom der Politik bessere Rahmenbedingungen.

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