Sonntag, 29. Januar 2023
12.01.2023 07:06
Milchmarkt

Faire Milch Säuliamt: 5 Jahre später

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Von: blu

Vor fünf Jahren haben Milchproduzierende aus dem Zürcher Säuliamt eine faire Milch lanciert. Im Einzugsgebiet ist das Produkt gut verankert. Die Pläne, diese Milch schweizweit zu verankern, haben sich bisher nicht erfüllt.

Der Milchpreis ist für die Produzenten vielfach nicht kostendeckend, und das seit Jahren. Deshalb haben sich 43 Milchbauern aus dem Säuliamt 2017 zusammengeschlossen und die «Genossenschaft Faire Milch Säuliamt» gegründet.

Im Dezember 2017 kamen die ersten Produkte ins Sortiment der lokalen Detailhändler. Das Ziel war es, innert einem Jahr insgesamt 100’000 Liter regionale Milch zu einem Preis zu verkaufen, der für die Bauern kostendeckend ist. Damals wurden dafür 80 Rappen je Kilo Milch veranschlagt.

Konzept aus dem Ausland

Die Initianten des Projekts waren der heutige Nationalrat Martin Haab (SVP) und Werner Locher von der bäuerlichen Interessensgemeinschaft für einen fairen Milchmarkt Big-M. Mit die «Di fair Milch Säuliamt» vermarkten die Milchbauern ihre eigene, regional hergestellte und verarbeitete Milch. Bauern, die in diesen Kanal liefern, müssen die Tierwohlprogramme BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltung) oder Raus (regelmässiger Auslauf ins Freie) erfüllen.

Die faire Milch aus dem Kanton Zürich orientiert sich am internationalen Konzept «Faire Milch», das in mehreren europäischen Ländern umgesetzt wurde. Belgien, Luxemburg und weitere Länder haben mit dem Konzept «Faire Milch» den Verkaufspreis so angesetzt, dass der Milchbauer für seine Milch einen kostendeckenden Preis erhält.

Fulminanter Start

Im August 2018 zog Haab erstmals Bilanz. «Wir sind gut unterwegs. Im bisher besten Monat haben wir 13’000 Liter von unserer Milch verkauft; wenn es so weitergeht, werden wir bis Ende Jahr auf 150’000 Liter kommen», sagte er gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Sie hätten zahlreiche Anfragen für eine Ausdehnung des Konzepts.

Im Januar 2019 zogen die Initianten ein weiteres Mal Bilanz. «In unserem Businessplan haben wir mit 100’000 Litern fairer Vollmilch gerechnet, die wir pro Jahr absetzen können», sagte Martin Haab gegenüber dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst (lid). Tatsächlich seien es seit dem Start am 1. Dezember 2017 180’000 Liter geworden. «Dazu gehört auch ein Teil Drink-Milch, die wir auf Wunsch der Konsumenten ab September zusätzlich ins Programm aufgenommen haben», so Haab weiter.

Nationalrat Martin Haab i(SVP/ZH) gehört zu den Initianten von die «Fair Milch Säuliamt».
zvg

Initianten sahen Potenzial

Der Anteil der fairen Milch am gesamten Milchverkauf in den 13 Volg-Läden lag im Januar 2019 bei bis zu 70 Prozent. «Damit haben wir die kühnsten Erwartungen übertroffen. Ebenso erfreulich ist, dass die Leiter der Volg-Läden nach anfänglicher Skepsis ebenfalls begeistert sind», so Haab zum lid.

Mit Blick auf die gesamte Milchmenge der 43 Genossenschafts-Mitglieder im Säuliamt (13 bis 14 Millionen Kilo) sei der Anteil noch sehr klein. Doch Haab zeigte sich überzeugt, dass das Potenzial für einen Ausbau gegeben ist. «Entgegen allen Unkenrufen haben wir bewiesen, dass der Konsument sehr wohl bereit ist, für ein nachhaltiges Produkt aus der Region mehr zu bezahlen», fuhr er fort.

Immer noch 180’000 Kilo

Fünf Jahre nach der Lancierung gibt Werner Locher Auskunft über das Projekt. Die abgesetzte Menge liegt immer noch bei 180’000 Kilo. Für viele Produzenten fliesst deshalb nur ein kleiner Teil der Milch in diesen Kanal. «Die meiste Milch geht weiterhin in den Grosshandel. Aber mit der Milch, wir über ‘di fair Milch’ absetzen, haben die Produzenten einen fairen Milchpreis», sagt Locher zu Radio SRF. Der Bauer erhält über diesen Kanal rund 85 Rappen pro Kilo Milch. Jeder der 43 Produzenten erhält so jährlich 1000 Franken zusätzliches Milchgeld.

Der Zustupf sei noch nicht riesig, räumt Locher ein. Es sei aber eine Motivationsspritze. «Der Produzent weiss, dass diese Milch zu einem fairen Preis verkauft wurde. Und die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind durchwegs positiv», hält er gegenüber SRF fest.

Werner Locher hält am Ziel fest, schweizweit eine faire Milch zu lancieren.
Daniel Salzmann

«Bauer muss von Arbeit leben können»

Wenn Bauern ihre Milch an grosse Molkerei abgeben, bleiben ihnen rund 65 Rappen pro Kilo, sagt Locher weiter. Dieser Milchpreis reiche häufig nicht einmal, um die Produktionskosten zu decken, gibt er zu bedenken. Für Locher ist deshalb klar: «Der Milchproduzent muss leben können von seiner Arbeit. Ist das nicht gewährleistet, nützen alle Nachhaltigkeitsaspekte nichts.» Zur Erinnerung: Der Richtpreis für Molkereimilch liegt seit Anfang Januar 2023 bei 81 Rappen je Kilo.

Die Genossenschaft hatte sich zum Ziel gesetzt, «faire Milch» in der ganzen Schweiz zu vertreiben. Das ist bisher nicht gelungen. Die Detailhändler haben Locher (bisher) die kalte Schulter gezeigt. Er will aber weiterhin an diesem Ziel festhalten.

Faireswiss garantiert 1 Franken

Das Projekt von Locher und Haab hat aber andere Milchproduzenten motiviert, es ihnen gleich zu tun. In der Romandie haben sie im Juni 2018 die Genossenschaft «Faireswiss» gegründet. Ziel ist es, den Milchproduzenten einen Milchpreis von einem Franken zu garantieren.

Dies wird wie folgt realisiert. Der Verarbeiter kauft die Milch beispielsweise zum Preis von 65 Rappen pro Kilo ein. Die Genossenschaft überweist anschliessend ihren Mitgliedern zusätzlich 35 Rappen pro Liter, um den angestrebten Preis von 1 Franken zu erreichen. «Damit wollen wir Familienbetriebe stärken sowie die Milchproduktion in der Schweiz erhalten. Denn eines unserer Ziele ist auch die Ernährungssicherheit», sagte Präsidentin Anne Chenevard im September 2021 zu schweizerbauer.ch.

Berthe Darras (l.) und Anne Chenevard wollen mit Faireswiss die Familienbetriebe erhalten.
zvg

Gemeinsam vermarkten

Wichtig sei es, dass sich die Bauern zusammenschliessen und die Milch gemeinsam vermarkten. «Wir verhandeln direkt mit den Detailhändlern und vereinbaren den Preis. Über die Höhe von einem Franken wird aber nicht verhandelt. Die Verarbeitung und die Verpackung werden über Dritte abgewickelt», fuhr sie fort. Anders als bei anderen Produkten gibt es «Faire Milch»-Artikel nie zu Aktionspreisen zu kaufen.

Erste Produkte kamen im Herbst 2019 in die Läden. Das Sortiment umfasst nebst Trinkmilch auch Käse, Rahme oder Glace. Mitglied bei «Faireswiss» können Milchproduzenten aus der ganzen Schweiz werden. Um liefern zu können, müssen sie mindestens zwei von drei Bundesprogrammen erfüllen. Es handelt sich um GMF (graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion), Raus (regemässiger Auslauf ins Freie) oder BTS (besonders tierfreundliches Stallhaltungssystem).

Ziel: 8,7 Millionen Kilo

Mittlerweile hat das Projekt auch in der Deutschschweiz Fuss gefasst. Zu kaufen gibt es die Produkte unter anderem bei Manor, Spar, mehreren kleineren Detailhändlern oder dem Onlinehändler Farmy. Die abgesetzte Menge dürfte zwischen 2 und 2,5 Millionen Kilo pro Jahr liegen.

Welche Menge strebt die Genossenschaft an? «Unser mittelfristiges Ziel ist ein Liter pro Einwohner der Schweiz, also rund 8,7 Millionen Kilo», sagte Chenevard. In der Schweiz werden jährlich 3,4 Mrd. Kilo produziert, «Faireswiss» ist also ein kleiner Akteur. «Es geht nicht nur um die Menge, sondern auch um die Botschaft. Für die Bauern ist das ein grosser Schritt», führte sie aus.

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