Sonntag, 14. August 2022
12.08.2011 14:25
Milchmarkt

Schwarzer Milchherbst steht bevor

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Von: Samuel Krähenbühl

Starker Schweizer Franken, anhaltende Überproduktion, steigender Butterberg, leere «Schoggigesetz»-Kasse und Blockade der Branchenorganisation Milch (BOM): Dem Milchmarkt steht ein schwarzer Herbst bevor.

Für einmal kann zwar die BOM einen Erfolg verbuchen. Emmi und Cremo haben offenbar 1200 Tonnen Butter mit Geld, welches noch von einer früheren Marktsanierung aus dem letzten Jahr vorhanden war, exportiert. «Ich habe von einer der beiden Firmen die Exportpapiere. Ich gehe davon aus, dass auch bei der anderen die Exporte getätigt worden sind», sagt BOM-Geschäftsführer Daniel Gerber. Doch es scheint sich nur um einen Tropfen auf den sprichwörtlich heissen Stein gehandelt zu haben. Denn die Butterlager stiegen in der letzten Woche sogar wieder an und zwar von 10’002 Tonnen in der Woche 30 auf 10’251 Tonnen in der Woche 31. Auf die Frage, warum denn am Butterlager die Marktentlastung nicht sichtbar sei, meint Gerber: «Das ausgewiesene Butterlager wäre wohl noch höher, wenn die Exporte nicht getätigt worden wären.»

Keine Marktentlastung

Nach wie vor sitzen also die beiden grössten Milchverarbeiter Emmi und Cremo auf einem Butterlager von je rund 5000 Tonnen. Und weitere Marktentlastungen durch die BOM sind t nicht in Sicht, da die bereits gefällten Beschlüsse für eine Butterabräumung durch eine Klage von vier Mitgliedsorganisationen blockiert sind.

Atypische Entwicklung

Offenbar verläuft die Situation im Milchmarkt dieses Jahr sehr atypisch. Denn nach Beginn der Sömmerung wurden die Butterlager früher im Sommer jeweils kleiner. Nun steigen diese an, und dies trotz offenbar erfolgten Exporten von 1200 Tonnen Butter. Der Grund ist aber nicht nur in der hohen Milchproduktion zu suchen, sondern auch im schleppenden Absatz. Die Käseexporte gingen im ersten Halbjahr 2011 um 2,4 Prozent auf  28’530 Tonnen zurück, während die Käseimporte aus dem Ausland auch im ersten  Halbjahr 2011 um über 6 Prozent auf 24727 Tonnen anstiegen. Insbesondere Emmentaler-Käsereien, welche aus der Käseproduktion aussteigen, vergrössern wiederum die Schwemme bei der Industriemilch.

Aufwertung des Franken

Ein Grund für die Misere am Käsemarkt ist die rasante Aufwertung des Schweizer Frankens. Am 12. April kostete 1 Euro noch 1.30 Franken. Seither verlor der Euro massiv an Wert und erreichte am Dienstag vorübergehend fast Parität zum Franken. Damit sind Exporte aus der Schweiz um rund 30 Prozent verteuert worden. Das hat aber nicht nur im Käsemarkt Folgen. In anderer Form gefährdet der starke Franken auch die Exporte beispielsweise von Milch, welche in Form von Schokolade exportiert wird.

Das «Schoggigesetz» regelt Ausgleichsbeiträge für landwirtschaftliche Grundstoffe wie eben beispielsweise Milchpulver, die in verarbeiteter Form exportiert werden. Für die Verbilligung von verarbeiteten landwirtschaftlichen Produkten über das sogenannte Schoggigesetz stehen jährlich insgesamt 70 Mio. Franken Bundesgelder zur Verfügung. Bereits jetzt gibt es nicht mehr den vollen Ausgleich, sondern nur noch 90 Prozent. «Dies, weil wir gesehen haben, dass die Mittel nicht bis Ende Jahr reichen», erklärt Arlette Marolf von der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV).  Die Branche bezahle zum Teil selber den Ausgleich. «Der Eurokurs hat einen grossen Einfluss, auch wenn sich die realen Preise nicht verändern. Wir brauchen immer mehr Geld, und entsprechend wird es immer enger», erklärt Marolf. Wenn absehbar sei, dass das Geld nicht mehr bis Ende Jahr ausreiche, werde die EZV noch weniger bezahlen können.

Touristen bleiben aus

Nicht zuletzt bleiben wegen der Währungsturbulenzen die ausländischen Touristen weg, was noch einmal auf den Absatz drückt. «Die Frankenstärke und der rasante Wertzerfall des Euro sowie die bereits bekannt hohen Beschaffungskosten setzen dem Gastgewerbe schwer zu», schreibt Gastrosuisse in einer Medienmitteilung. Und tatsächlich ist aus Kreisen der Milchindustrie zu hören, dass der Verkauf von Milchprodukten im Inland diesen Sommer schleppend verlaufe. Bleibt schliesslich das altbekannte Problem des Einkaufstourismus. Denn während beim früher stärkeren Euro-Kurs zumindest das Milcheiweiss in der Schweiz preislich konkurrenzfähig war, hat sich dies mit dem Absacken des Euro auch geändert.

Die Konsequenz all dieser Faktoren dürfte wohl bald zu neuem Druck auf den Milchpreis führen. Bereits wird von Industrievertretern deshalb hinter vorgehaltener Hand von einer Milchpreissenkung von mehreren Rappen auf den Oktober hin gesprochen.

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