Samstag, 23. Oktober 2021
28.09.2021 07:37
Grossbritannien

Tank fast leer: Kein Ende der Engpässe in Sicht

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: awp

Mit Notfallregeln will die britische Regierung der aktuellen Krise Herr werden. Weil Lkw-Fahrer fehlen, geht den Tankstellen im Land der Sprit aus. Entspannung ist nicht in Sicht.

Es mussten die ersten Tankstellen schliessen, bis die britische Regierung tätig wurde. Weil Zehntausende Lastwagenfahrer fehlen, sind mittlerweile die Mehrheit der Zapfsäulen ausgetrocknet. Ärzte schlagen bereits Alarm, sie könnten ohne Sprit bald nicht mehr zur Arbeit kommen. Zeitlich befristete Visa für Fernfahrer und andere Ausnahmen sollen nun Abhilfe schaffen, notfalls könnte sogar das Militär einspringen. Doch auf die Schnelle bringt das alles wenig.

Seit Tagen kommt es an britischen Tankstellen zu Panikkäufen und langen Schlangen. Hintergrund ist ein gewaltiger Mangel an Lastwagenfahrern, die eigentlich den Kraftstoff von A nach B bringen müssten. Wegen der Corona-Pandemie wurden etliche Fahrstunden und -prüfungen verschoben. Zudem wanderten wegen des Brexits etwa 20’000 vor allem osteuropäische Fachkräfte ab – neue strenge Einwanderungsregeln nach dem Brexit hemmen nun aber den Zuzug.

So sehr drückt die Krise den Briten aufs Gemüt, dass sogar Olaf Scholz am Montag von britischen Journalisten in Berlin dazu befragt wurde. Auch der SPD-Kanzlerkandidat sieht einen Zusammenhang zum Brexit. «Wir haben sehr hart daran gearbeitet, die Briten davon zu überzeugen, die Union nicht zu verlassen. Am Ende haben sie sich anders entschieden», sagte Scholz auf die Frage, ob Deutschland mit Lastwagenfahrern aushelfen könne.

Neue Visa für Lastwagenfahrer sollen helfen

Nach langem und erbitterten Widerstand liess sich die britische Regierung am Wochenende darauf ein, bis zu 5000 Visa für ausländische Fahrer bereitzustellen. Boris Johnson «hat genug von den schlechten Schlagzeilen und will das geregelt haben», zitierte die «Financial Times» einen Insider kurz vor der Ankündigung. Allerdings sind die Visa zeitlich klar auf die Monate bis Weihnachten befristet. Daher ist nun die grosse Frage: Kommt überhaupt jemand?

Da auch in etlichen europäischen Ländern, darunter Deutschland, ein Mangel an Fahrern besteht, müssen britische Firmen viel bieten, um überhaupt eine attraktiver Arbeitgeber für wenige Monate zu sein. Ein Vertreter der Federation of Dutch Trade Unions, die Lastwagenfahrer aus ganz Europa vertritt, sagte der BBC am Montag: «Die Arbeitskräfte aus der EU, mit denen wir sprechen, werden nicht für kurzfristige Visa zurückkehren, um Grossbritannien aus dem Mist zu helfen, den sie selbst gebaut haben.»

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng will über die Visa hinaus Wettbewerbsregeln ausser Kraft setzen, damit die Branche gemeinsam gegen die Engpässe vorgehen kann und eine Grundversorgung an Benzin und Diesel organisieren kann. Das könnte zumindest den akuten Notstand an der Zapfsäule beheben, ist aber auch keine Lösung für andere Branchen. Dabei sind es fast alle, die dringend auf die Lkw-Fahrer angewiesen sind: Supermärkte können ohne sie ihre Regale nicht füllen, Spielzeug-Hersteller fürchten um das Weihnachtsgeschäft und einigen Pub-Ketten geht das Bier aus. «Alles, was wir in Grossbritannien haben, kommt auf der Ladefläche eines Lkws zu uns», betonte Rod McKenzie von der Road Haulage Association.

Soldaten bald am LkW-Steuer?

Dass Soldaten die Tanklaster bald durch britische Strassen steuern könnten, wird im Londoner Regierungsviertel zwar diskutiert, aber bislang noch nicht umgesetzt. Das Militär sei auch «kein Allheilmittel», sagte Brian Madderson von der Petrol Retailers Association in einem BBC-Interview. Es gehe nicht nur darum, die Tanklaster zu fahren, sondern auch zu befüllen – und dies sei keine einfache Aufgabe, sondern eine Tätigkeit, die man lernen müsse.

Nach Angaben des Branchenverbands Petrol Retailers Association, der rund 5500 unabhängige Tankstellen vertritt, haben derzeit zwei Drittel der Mitglieder keinen Kraftstoff mehr. Die Nachfrage habe am Wochenende um bis zu 500 Prozent höher gelegen, sagte Verbandschef Madderson. 50 bis 90 Prozent der Tankstellen seien leer, die anderen drohten bald auszutrocknen.

«Von der Logistik zum Gastgewerbe, von Kultur zum Bausektor fürchte ich, kann man nun sehen, wie die Regierung erntet, was sie mit einem harten Brexit gesät hat», sagte der Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan von der Labour-Partei, am Montag in Brighton. «Man kann nicht fünf Jahre lang über die EU und EU-Bürger herziehen und dann erwarten, dass sie zurückkommen und uns aushelfen.»

Die konservative Regierung in London betonte zu Wochenbeginn erneut, es gebe keinen Mangel an Kraftstoff. Alle Bürger müssten nur damit aufhören, Panikkäufe zu machen und wieder nur so viel tanken, wie sie bräuchten. Dann werde sich die Lage wieder beruhigen, hiess es aus der Downing Street.

Mehr zum Thema
Politik & Wirtschaft

Am vielversprechendsten scheint den Befragten bei der anstehenden Umstellung der Fokus auf einen Mix an erneuerbaren Energien. - kmarius 55 Prozent der Menschen in der Schweiz halten die geplante Umsetzung…

Politik & Wirtschaft

Bei der ABLA handelt es sich um die Dachorganisation der kantonalen Berufsverbände der landwirtschaftlichen Angestellten. - zvgAn der Sitzung des Zentralvorstandes der ABLA vom 19. Oktober 2021 hat die ABLA…

Politik & Wirtschaft

Equiden gehören laut Tierstatistik zu 70 Prozent Frauen. - lid Neue Datensammlungen der Identitas AG zeigen, dass bei den Wiederkäuern die Anzahl Standortwechsel pro Jahr zwar generell stabil ist, ein…

Politik & Wirtschaft

Bei rund 78 Prozent der Shops waren die Angaben mangelhaft. - Gerd Altmann In vier von fünf Onlineshops sind die Angaben zu Lebensmitteln mangelhaft oder fehlen gänzlich. Zu diesem Schluss…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE