Freitag, 5. März 2021
19.12.2020 08:23
Bern

85’000 Kühe gemolken

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Von: ral

Die Berner und Zentralschweizer Fleckviehzüchter kennen Ueli Berger. 30’000 Betriebe hat er besucht und die Melkbarkeit der Kühe geprüft. Dabei hat er allerlei Veränderungen erlebt und weiss Anekdoten zu erzählen.

Die Augen leuchten und können einen gewissen Schalk nicht verbergen. Ueli Berger sitzt im Wohnzimmer, umgeben von Auszeichnungen und Glocken der Zuchterfolge seiner Swiss-Fleckvieh-Kühe. Draussen schneit es, der nahe Niesen ist heute nicht zu sehen.

«Ein Traumjob»

«Ja, ja, auch bei solchem Wetter musste ich frühmorgens ausrücken, meist bevor der Schneepflug durch war», weiss er zu erzählen. Denn neben seinem Beruf als Landwirt hatte er einen Zuerwerb, den er 43 Jahre lang versah.

«Ein Traumjob», wie er sagt. Keinen Tag habe er dies bereut, seit er sich mit 22 Jahren beim damaligen Fleckviehzuchtverband meldete als Melkbarkeitsexperte. Aufstiegschancen habe er nicht begehrt. Er könne den Melkstuhl ja ein Loch höher stellen, sagte er, als er vor ein paar Jahren danach gefragt wurde.

Handmelkkühe

Doch, ein Allradfahrzeug habe er immer gehabt, einen Land-Rover. Aber noch lange Jahre hätten längst nicht alle Viehhalter ein Milchzimmer gehabt, wo man die Gerätschaften hätte waschen können. Die Hälfte der Kühe, die er in den ersten Jahren geprüft habe, seien noch Handmelkkühe gewesen. Wenn er dann angefahren kam und seine Anlage in der Stallgang gestellt habe, hätten die Kühe, manchmal auch die Bauern, kritisch geschaut, was das werden solle.

In Stationen für Munimütter habe man die Handmelkkühe zusammengezogen, um sie ein paar Tage ans Maschinenmelken zu gewöhnen. Schliesslich war man erpicht, dass das Resultat möglichst gut und mit wenig Nachgemelk ausfiel. Man unterschied in eine A-, B- und C-Prüfung. Zu Beginn wurde ein Schalmtest gemacht, anfänglich noch mit Indikatorpapier, dann mit der Viertelsgemelkschale. Stark positive Kühe wurden abgelehnt.

Topper und Pickel

Damals waren viele Simmentalkühe eher zäh zu melken. Das änderte schlagartig mit der Einkreuzung mit Red Holstein. Berger nennt zwei Stiere, die ihm nachhaltig in Erinnerung bleiben: Topper und Pickel. Ja, viel habe sich verändert. Als er am 12. Dezember 1977 angefangen habe, habe das Team aus acht Leuten bestanden. 1990 seien es dann 24 Mitarbeitende gewesen, die jährlich 50’000 Kühe geprüft hätten.

Als dann 1998 Bund und Kantone die Beiträge für die Tierzuchtförderung kürzten, habe ihn der damalige Direktor Emanuel Germann nach Zollikofen zitiert. Er müsse allen kündigen, die zu Hause einen Landwirtschaftsbetrieb bewirtschafteten, liess er ihn wissen. «Ich nahm es zur Kenntnis, was wollte ich. Ein paar Kollegen meinten, ich solle jetzt zuerst einmal warten. Mit dem nächsten Winter kam auch die Anfrage aus Zollikofen, ob ich nicht noch weitermachen würde. Klar, wollte ich.»

3 Direktoren und 9 Präsidenten

So ging der 70-Prozent-Job weiter, bis unlängst das Pensionsalter an die Türe klopfte. «Ich wurde kürzlich gebührend verabschiedet, ein emotionaler Moment. Ich erlebte in diesen 43 Jahren 3 Direktoren, 9 Präsidenten und arbeitete mit 25 MBK-Kollegen zusammen.» Die Augen leuchten wieder: «Und jetzt kann ich noch als Springer bei Arbeitsspitzen im Berner Oberland unterwegs sein.»

Heute sind noch vier Experten unterwegs und prüfen jährlich etwa 7’000 Kühe. Vor allem Munimütter von Simmental- und Swiss-Fleckvieh-Stieren sowie die ersten 20 Prüfstiertöchter müssten eine Prüfung ausweisen können sowie Kühe, die an den Beständeschauen das Maximum erreichen wollen.

Ueli Berger wird von Swissherdbook für 43 Jahre Mitarbeit geehrt.
Rahel Wyss

Viel gelernt

«Ich konnte in all den Betrieben vom Saanenland bis in den Aargau lernen, was mir keine Schule hätte vermitteln können», sagt Ueli Berger bestimmt und überzeugt. Viele Betriebssysteme, Dinge, die er auch ausprobieren wollte, und anderes, was ihm klarmachte, wie man es nicht machen sollte. Und als Viehzuchtbegeisterter sah er, welche Stiere gut züchteten und marktfähige Tiere machten.

Zu Hause im Stall setzte er dies um. Mit Erfolg, denn die Sammlung von Schleifen und Fotos verrät, dass er auch im Schauring sein Können zeigte. «Den grössten Erfolg hatte ich mit Gitane, einer Pickel-Tochter, was denn sonst. Als Höhepunkt wurde sie Miss BEA. Ich bekomme heute noch Hühnerhaut, wenn ich daran denke», gibt er zu verstehen.

840’000 Kilometer

Ja, und vier folgende Generationen hätten wiederum einen Titel gewonnen, zuletzt an der Swiss Expo. Viel könnte Berger noch erzählen. Die Zahlen sind eindrücklich: 840’000 Kilometer ist er gefahren, um in 30’000 Betrieben 85’000 Kühe zu melken, die an diesem Tag 765’000 kg Milch gegeben haben.

Eines ist ihm indes noch enorm wichtig: «Ein grosser Dank gehört meiner Frau Brigitte und meinen Kindern, die während meiner Abwesenheiten daheim zu den Tieren geschaut hatten, den Züchtern und Swissherdbook für ihr Vertrauen.» Eine schöne Zeit sei es gewesen, und nie sei es ihm verleidet.

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