Dienstag, 27. Juli 2021
06.06.2021 06:00
Bern

«Jeder Alpsommer ist ein Geschenk Gottes»

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Von: Sibylle Hunziker

Seit 60 Jahren geht Peter von Känel z’Berg, 45 Jahre gemeinsam mit seiner Frau Susanna. Jetzt wurden sie vom Alpwirtschaftlichen Verband geehrt. Beide erinnern sich gern an die schöne und strenge Zeit.

Im oberen Hirzboden auf 1500 Metern über Meer ist es nach diesem langen Winter eben erst Frühling geworden. In der Küche von Susanna und Peter von Känel-Maurer stehen Schlüsselblüemli und Ankebälli auf dem Tisch. Von Känels lieben Blumen. Und sie hoffen, dass sie bald wieder ins «Furggi» zügeln können.
Seit 1986 ist die höchstgelegene Berner Alp, die als ein Stafel den ganzen Sommer genutzt wird, ihr «Familienberg».

Aktuell stecken die guten Kräuter um die Hütte auf 2100 Höhenmetern und die kargen Schafweiden, die sich zwischen Albrist und Gsür bis zum Grat hinaufziehen, noch im Schnee. «Doch wenn du ein Älpler bist, spürst du das Ziehen im Frühling wie ein Gummiband», sagt Peter von Känel. Er «möge» zwar nicht mehr wie früher. Doch er wolle wenigstens noch mit ein paar Geissen ins Furggi gehen. Einer der Söhne wird nach den Schafen schauen, die sogar noch von Luzern und Solothurn kommen.

Alle halfen einander

Die Küche ist mit Familienfotos tapeziert. Zehn Töchter und fünf Söhne haben Susanna und Peter von Känel grossgezogen. «Ob beim Käsen oder beim Windeln waschen – wir haben einander überall geholfen», berichtet Susanna von Känel.

«Nur Schöppelen konnte ich nicht», erinnert sich ihr Mann und schmunzelt. Denn jedes Mal, wenn er an einem strengen Arbeitstag ein paar Minuten habe ruhig sitzen können, sei er sofort eingeschlafen.Sobald die Kinder aus den Windeln waren, halfen sie nach Kräften mit, bis sie einen Beruf lernten und selber Familien gründeten.

Älplerehrungen

Der Verein Alpwirtschaft Bern hat nebst Susanna und Peter von Känel (siehe Text) folgende Älplerinnen und Älpler für ihre Dienstjahre ausgezeichnet: Jacqueline Bühler, St. Stephan, 20 Jahre; Berti + Marcel Gobeli, Matten, 25 und 30 Jahre; Veronika + Edwin Griessen, Matten, je 20 Jahre; Erhard Kübli, Gstaad, 20 Jahre; Margrit + Ernst Kübli, Gstaad, je 40 Jahre; Barbara + Walter Stryffeler, Boltigen, je 40 Jahre; Peter Von Bergen, Hasliberg, 40 Jahre. mgt/uru

Schon Peter von Känels Urgrossvater, Peter Oester, fuhr 53 Sommer ins Furggi z Alp. Peter von Känel ging zum ersten Mal z Berg, als er mit 19 nach der Bergbauernschule Hondrich heimkam: zwei Jahre an Hinder Bunder, elf an Metsch. Dort habe man die Kühe im oberen Teil der Alp jeweils unter freiem Himmel gemolken.

«Wenn es regnete, war ich nachher tropfnass», erzählt Peter von Känel lachend. «Regenkleider gab es zwar schon, aber fürs Melken waren sie nicht geeignet.» Nach der Heirat ging das junge Paar die ersten drei Sommer ins Aebi, dann neun auf Stierechumi an der Niesenkette.

Sorgen und Freuden

Im letzten Sommer im Stierechumi bekam ein Kind Hirnhautentzündung, und es dauerte eine Weile, bis es von der abgelegenen Alp mit schlechter Funkverbindung ins Spital gebracht werden konnte. «Sie konnten unser Töchterchen retten», sagt Susanna von Känel. Aber sie sei froh gewesen, dass sie ins Furggi hätten wechseln können.

«Dort gab es wegen der Wanderer schon länger ein Telefon, und es war besser eingerichtet.» Auch für Peter von Känel (78) ging ein alter Wunsch in Erfüllung, als er 1986 die Hälfte der Alp von einem Verwandten pachten und später kaufen konnte.

«Der Verpächter erliess mir den Hüttenzins unter der Bedingung, dass ich zu den Schafen schaue.» Angesichts der fast 300 Tiere von 20 Besetzern sei er zuerst schon erschrocken, denn er habe vorher noch nie etwas mit Schafen zu tun gehabt.

Aber der Verpächter habe zu ihm gesagt: «Du bist ein Oester, du kannst das.» Und tatsächlich habe er manchmal fast nicht laufen können, weil sich die Schafe so dicht um ihn gedrängt hätten, wenn er nach ihnen geschaut habe oder wenn er sie ins Tal geholt habe.

Der Stolz der Familie waren ihre Simmentaler Kühe, mit denen sie auch an Ausstellungen ging. Zwischen den Familienfotos an der Wand hängen etliche Auszeichnungen – zum Beispiel für Karin, die 14 Kälber, davon 12 Kuhkälber, zur Welt brachte und in ihrem Leben über 100 000 Kilo Milch gegeben hatte.

Käsen nach altem Brauch

Auf der Alp blieb die Abendmilch über Nacht jeweils in Holzgebsen stehen. Zum Käsen wurde die dicke Nydle abgenommen, in einer Pfanne geschmolzen und zur Milch ins Kessi gegeben. «Wir haben hier eine Tradition mit vollfettem Käse», erklärt Peter von Känel.

Den Alpkäse machte er im Kessi über dem Feuer bis 2019 so, wie er es 1960/61 auf dem Hondrich beim Käsermeister Hans Ruch gelernt hatte: «Er schärfte uns ein, Alpmilch nie zu kühlen, weil der Käse dann weniger aromatisch werde. Und wir kästen mit der zweitägigen Sirte, die man selber weiter zieht.»

Die Temperatur beim Käsen wurde nach altem Brauch in Réaumur gemessen. Und für die Kontrolle des Prozesses schaute Peter von Känel weniger auf die Uhr, sondern vor allem darauf, was sich im Kessi tat und wie sich der «Mältsch» (Bruch) in der Hand anfühlte.

Dessert für Tiere

Das Resultat gab ihm Recht: Bei der Taxation erreichte der Käse im Furggi stets die maximale Punktzahl. Die Wanderer und die Kunden an den Märkten in Uetendorf und Steffisburg kauften so viel Alp- und Hobelkäse, wie es hatte.

Und nicht zuletzt assen von Känels ihren Käse selber gerne. Dazu gab es auf der Alp vor allem Kartoffeln, Teigwaren, Brei – und ab und zu auch wilden Spinat oder Kräutersalat. «Die vielen Kräuter im Furggi sind wunderbar», erzählt Susanna von Känel, und Peter sagt mit einem Schmunzeln: «Dort essen die Tiere den ganzen Sommer nur Dessert.»

Beide sind sich einig: «Jeder Alpsommer ist ein Geschenk Gottes – ganz besonders im Furgg.


 

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