Sonntag, 22. Mai 2022
09.01.2022 06:00
Bern

Landwirt, Gantrufer und ein scharfer Rechner

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Von: Robert Alder

Mit 50 etwas Neues beginnen! Das sagte sich Bergbauer Ferdinand Oehrli aus Reust BE als er sich entschloss, als Auktionator zu arbeiten. Als einer, der jährlich 10 bis 15 Kühe verkauft, weiss er, was am Markt gefragt ist.

Zufrieden sitzt Ferdinand Oehrli am Tisch in seinem stilvoll umgebauten Bauernhaus, in das einst sein Grossvater eingezogen ist. «Eine Hektare Land gehörte damals dazu, als mein Grossvater als eines von über zehn Kindern vom Nachbardorf Horrenbach hier heraufgezogen war. Er hatte hier eingeheiratet und begann mit einer Kuh, einem Rind und einem Kalb seine Existenz.» Heute bewirtschaften Barbara und Ferdinand Oehrli mit ihren drei Kindern Florian, Linda und Severin 32 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche im Reust, das zu Sigriswil gehört, und im Sommer eine nahegelegene Alp.

Ferdinands Mutter Elisabeth legt ebenfalls noch regelmässig Hand an. «Besonders schätzen wir, wenn sie uns an strengen Tagen ein feines Zmittag zubereitet.» Anstrengend kann es zuweilen schon werden. Denn nicht alle Flächen auf dem zwischen 1000 und 1200 Metern gelegenen Betrieb lassen sich maschinell bewirtschaften.

Wachsen und anpacken

Seit der Betriebsübernahme von Ferdinand und Barbara im Jahr 2000 wurden vier Betriebe integriert. «Dies mit allen Vor- und Nachteilen, denn nicht alles ist arrondiert», gibt der 50-Jährige zu verstehen. Barbara Oehrli arbeitet mit einem 50-Prozent- Pensum als Kauffrau bei einem Sozialdienst in der Region. 1956 wurde vom Grossvater etwas oberhalb des Wohnhauses ein neuer Stall gebaut. Sein Vater Abraham Oehrli war Nationalrat und bewirtschaftete den Betrieb 20 Jahre lang.

Die Eltern bauten 1991 eine neue Scheune für 25 GVE, welche Ferdinand und Barbara im Jahr 2012 auf 40 GVE erweiterten. «Wir sind nicht top eingerichtet, optimieren, wo wir einen Bedarf sehen und bewirtschaften alles sorgfältig. Sonst leidet plötzlich alles», so Oehrli. «Wir» heisst, dass alle anpacken, auch die Kinder, die alle auch eigene Tiere haben. Die Tochter Linda ist in der Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit und betreut ihr eigenes Pferd.

Sohn Florian ist im letzten Ausbildungsjahr zum Landmaschinenmechaniker und verbringt jede freie Minute auf dem Hof. Als Zweitausbildung möchte er noch Landwirt lernen. Auch sein Bruder Severin, der das zweitletzte Schuljahr absolviert, möchte Landwirt werden. Florian und Severin sind mit Herzblut Viehzüchter und besitzen bereits eigene Kühe, Rinder und Kälber.

Milch wird abgeliefert

Bei Oehrlis seien drei Generationen überzeugte Kälbermäster gewesen. Vater Fritz Abraham präsidierte über Jahre den Schweizer Kälbermästerverband. Doch seit September 2021 wird die Milch von ihren 30 Kühen in die Sammelstelle nach Buchen gebracht, wo sie von der Aaremilch vermarktet wird. Die Tränker verlassen mit 80 kg Gewicht den Hof.

Weshalb dieser Wechsel? Ferdinand Oehrli entpuppt sich als scharfer Rechner: «In den letzten drei Jahren realisierten wir in der Kälbermast einen Milchpreis zwischen 32 und 38 Rp», sagt der Landwirt enttäuscht. Ich will damit nicht verallgemeinern, dass sich die Kälbermast nicht lohnt. Aber für unseren Betrieb stimmte das einfach nicht mehr.» So habe man Familienrat gehalten und sich Gedanken gemacht, wie man den Betrieb umstellen könnte: Rinderaufzucht, Mutterkuhhaltung oder Milchproduktion und Viehverkauf.

Votum für die Viehzucht

Die Söhne hätten klar zu verstehen gegeben, dass auf dem Betrieb weiterhin Viehzucht betrieben werden soll. Wenn man schon Kühe habe, sollten diese gemolken werden. «So machten wir die Anfrage für ein Milchlieferrecht.» Die Aaremilch sicherte uns die gewünschte Menge innert kurzer Zeit zu.»
Im Stall stehen 80 bis 100 Tiere von allen bei Swissherdbook eingetragenen Milchrassen. Man habe auch Rückkreuzungen mit Simmental gemacht. «Das kam aber nicht immer gut.» So seien einige reine Simmentaler.

Zurzeit werde bei den übrigen Kühen der Holsteinblutanteil wieder erhöht. Oehrli setzt mit Erfolg gesextes Sperma ein. Zur Zucht nicht geeignete Tiere werden mit Mastrassen besamt. Als einer der Ersten in der Region enthornt er seit 1992. «Der Markt für behornte Tiere ist klein geworden», sagt er. Der Viehverkauf ist ein wichtiger Betriebszweig: Jedes Jahr verlassen 10 bis 15 meist zweitkälbrige Kühe den Betrieb, oft in Richtung Ostschweiz.

Der Aufzucht widmet Familie Oehrli besondere Aufmerksamkeit. Im Sommer müssen alle Tiere auf die Weide. «Wir bewirtschaften die Alp und die Rinderweide intensiv, mit Koppeln und konsequenter Nachtweide. Die Naturwiesen werden im Frühling mit Raigras übersät.» Bei der Winterfütterung investiert er auch mal in gutes Futter aus dem Unterland. Entweder füttere man die Kuh in den ersten 100 Tagen leistungsgerecht, oder man bringe dieses Geld dem Tierarzt.

2019 erstmals im Einsatz

Ferdinand Oehrli ist ein Landwirt mit Herzblut und jetzt auch Auktionator? «Als OK-Präsident der Auktion Thun musste ich mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Ära Alois Wyss irgendwann einmal zu Ende gehen wird. Am 11. Dezember 2019 sprang ich erstmals spontan als Auktionator ein, als Alois kurzfristig ins Spital musste», gibt er zu verstehen. Spätestens mit 55 müsse man sich im Klaren sein, wie man den Übergang in die nächste Lebensphase gestalten wolle. 25 Jahre habe er Kommunalpolitik gemacht. Dies sei nun vorbei. Da ihn Menschen und Tiere faszinierten, hätten ihn die ersten Erfahrungen als Auktionator darin bestärkt, sich mit dieser Herausforderung auseinanderzusetzen. Nun freut sich Ferdinand Oehrli sehr auf die neue Aufgabe.

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