Montag, 28. November 2022
02.10.2022 06:01
Graubünden

Die erste mobile Geflügelschlachtanlage in der Schweiz

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Thomas Leppkes und Natalie Cavelti haben während vier Jahren am Projekt «Mobile Geflügelschlachtanlage» gearbeitet. Nun steht der lange Anhänger in Cunter, und die Bewilligung für das Pilotprojekt liegt auf dem Tisch.

 

Hoftötung, Weideschlachtung – sind heute bekannte Begriffe. Doch Hof- und Weidetötung gibt es nur für Schlachtvieh und nicht für Federvieh – bis jetzt wenigstens. Jährlich werden ca. 1,5 Millionen Hühner und Mastpoulets in speziellen Schlachtanlagen in der Schweiz gemetzget. Sie werden in Käfigen zur Endstation ihres kurzen Lebens transportiert.

Eier sind beliebt bei den Konsumenten, doch, dass das Leben eines eierlegenden Huhns sehr kurz ist, wissen die wenigsten. Dass diese Hühner dann vergast werden und in Biogasanlagen verschwinden, damit daraus Strom produziert wird, wissen wohl noch weniger. Es sind Tiere, die es nach der Nutzung verdient hätten, nicht entsorgt, sondern zu menschlicher Nahrung verarbeitet zu werden. Ein Thema, das den gelernten Metzger Thomas Leppkes schon lange beschäftigte.

Zugfahrzeug mit Anhänger in welchem die mobile Geflügelschlachtanlage ist.
Vrena Crameri-Daeppen

Lehre als Metzger

Thomas Leppkes machte nach der obligatorischen Schulzeit in der Region Niederrhein (D) die Lehre als Metzger in einer kleinen Landmetzgerei, wo alle alles machen mussten. Danach arbeitete er beim grössten Fleischproduzenten Europas, wo pro Tag 20000 Schweine geschlachtet wurden. «Das war nicht meine Welt», sagt Leppkes. So  schaute er sich weiter um und kam zur Metzgerei Peduzzi in Savognin. Hier arbeitete er fast drei Jahre, dann wollte er sich wieder neu orientieren.

Selbst Tiere halten, sie dann selbst schlachten, eigene Produkte herstellen – das war seine Vision. Hartnäckig ging er seinen Weg und konnte sich eine kleine Landwirtschaft aufbauen mit Kaninchen, Hühnern, Gänsen, Zwergziegen, Wollschweinen. Das Geflügel hätte er auswärts schlachten lassen und dann einen Verarbeitungsraum einrichten oder mieten müssen – die Kosten waren zu hoch, da kam Thomas Leppkes die Idee der mobilen Geflügelschlachtanlage.

Leppkes zeichnete selbst eine, setzte sich mit dem Fachmann für Hof- und Weidetötung, Eric Meili, in Verbindung. Meili wies Leppkes an Matthias Mayr, Österreich, der bereits für den EU-Raum mobile Schlachtungsanlagen baute. Matthias Mayr wäre gerne mit seinen Produkten auf den Schweizer Markt gestossen, doch es war zu schwierig. Da kam ihm die Anfrage von Thomas Leppkes wie gewünscht – es gab eine Zusammenarbeit.

Schwarzer Bereich: Hier wird das Geflügel betäubt, getötet und gerupft
Vrena Crameri-Daeppen

«Mut tut gut»

Natalie Cavelti, aufgewachsen in Lantsch/Lenz und Maienfeld, begann nach der Schulzeit als erste Jugendliche im Kanton Graubünden bei der Metzgerei Fritz Schiesser in Chur die Lehre «Fleischveredelung». Auch ihr Weg führte sie nach der Lehre nach Savognin zur Metzgerei Peduzzi. Nach einem Zwischenjahr im Service arbeitete sie bei der Metzgerei Spiess in Lenzerheide, wo sie noch heute arbeitet.

Thomas Leppkes und seine Lebenspartnerin Natalie Cavelti konnten im Februar 2020 an der «Tier&Technik» im Rahmen «Mut tut gut» auftreten und ihr Projekt der mobilen Geflügelschlachtanlage vorstellen. Das Interesse sei gross gewesen, so Thomas Leppkes, doch dann  sei Corona gekommen und somit der Stillstand. Während mehr als einem Jahr versuchten die beiden, Investoren zu finden: erfolglos. Per Zufall lernten sie jemanden kennen, den die Vision interessierte, er forderte die Dokumentation an, zeigte sie Kollegen, sie liessen sich von der Idee begeistern und stiegen ein. Endlich stand die Finanzierung – für Thomas Leppkes und Natalie Cavelti eine grosse Erleichterung.

Doch: Wie viel Bürokratie bewältigt werden musste, bis sie endlich die Bewilligung für das Pilotprojekt bekommen würden, ahnten sie noch nicht. Dank den Investoren konnte ein passendes Zugfahrzeug angeschafft werden, Matthias Mayr baute den sechs Meter langen Anhänger mit der mobilen Schlachterei, der Schleuse und einem hygienischen Bereich, wo das Geflügel ausgeweidet wird, und mit einem Kühlraum. «Es mussten noch einige Anpassungen gemacht werden, damit der Anhänger auch wirklich von der Motorfahrzeugkontrolle abgenommen werden konnte», so Leppkes.

Betäubungsanlage und Aufhängung für Kehlschnitt
Vrena Crameri-Daeppen

Thomas Leppkes und Natalie Cavelti fahren mit dem Zugfahrzeug und mit dem Anhänger auf dem Hof, bauen die Schlachtanlage auf. Es braucht einen Wasser- und einen Stromanschluss und die Möglichkeit, das Abwasser in die Güllegrube oder die Kanalisation zu leiten. Das Geflügel wird mit Strom betäubt, aufgehängt, es erfolgt der Kehlschnitt, es wird gerupft, gewaschen, geht durch die Schleuse in den hygienischen Bereich, wo es ausgenommen wird, und gelangt dann in den Kühlraum. Die Tiere müssen nicht mehr quer durch die Schweiz transportiert werden, sondern nur noch vom Stall zum Anhänger.

Die weitere Verarbeitung zu Pouletbrüsten, Geflügelwürsten, Fleischkäse, Schenkelsteak oder Suppenhühnern muss dann mit einem lokalen Metzger organisiert werden. So können Geflügelhalter sicherstellen, dass ihre Tiere lokal aufwachsen, dass sie ohne Transport schonend geschlachtet und zu Spezialitäten verarbeitet werden. Das Entsorgen von Nahrungsmitteln, Food Waste, wird verhindert. «Zurzeit dürfen bis zu 300 Tiere pro Tag geschlachtet werden», erklärt Leppkes. Für das Pilotprojekt werde alles fein säuberlich festgehalten und dokumentiert. Nach der definitiven Bewilligung für die ganze Schweiz können auch mehr Tiere pro Tag geschlachtet werden.

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