Sonntag, 22. Mai 2022
10.01.2022 06:01
Zürich

«Ich hätte gerne eine Ziege»

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Von: ssi

Im Appenzell geboren, die halbe Welt bereist und nun am Zürichsee zuhause: Die Malerin Irene Hofstetter spielt auf ihren naturalistischen Tierbildern immer wieder mal mit den Gegensätzen Heimat und Ferne.

Menschen gibt es, die bleiben ein Leben lang an dem Ort, wo sie geboren wurden. Andere brechen auf und lassen ihre Wurzeln hinter sich. Irene Hofstetter macht den Spagat. «Eben erst hat mir mein Vater Holzbretter aus Gais gebracht, damit ich wieder malen kann», lächelt sie. Tannenholz aus Appenzell Ausserroden, von einem kleinen, abgelegenen Hof, wo sie aufgewachsen ist. Nun wohnt sie in einer Mietwohnung hoch über dem Zürichsee, welcher unter ihr glitzert und blendet.

Am Boden neben dem Eingang liegt ein Brett, 48×126 Zentimeter gross, darauf die Köpfe von sechs Tieren, die neugierig über den Rand der Stalltüre gucken. Ein Esel, ein Schwein, eine Ziege, ein Kalb, eine Kuh und zuvorderst ein Huhn. Drei Wochen hat sie für das Bild gebraucht, und morgen wird sie es der Kundin bringen. Sie freut sich schon jetzt auf die Reaktion, denn das Werk ist gelungen und die Auftraggeberin hat es bis jetzt noch nicht gesehen. «Es passiert mir immer wieder, dass die Leute extremes Vertrauen in mich haben und mich einfach malen lassen», sagt sie. «Obwohl – ich bin keine Künstlerin, ich bin eine Kunsthandwerkerin».

Sujets wirken lebendig

Darüber zu diskutieren, ist müssig, denn ihr Handwerk versteht sie ohne Zweifel. Die Sujets – in der Regel Bauernhoftiere – sind naturgetreu dargestellt und wirken lebendig, ob sie nun auf Holz, Jute oder Leinwand gemalt werden. «Für mich ist am wichtigsten, dass die Proportionen stimmen», stellt Irene Hofstetter klar. «Das ist bei der klassischen Bauernmalerei nicht von Bedeutung, aber bei mir schon.» Sie malt ihre eigenen, freien und verspielten Ideen, gelegentlich verziert sie auch Pfeffermühlen oder andere Gegenstände. Anspruchsvoll wird es, wenn eine komplexe Bestellung eingeht: Da werden zum Beispiel persönliche Sujets gewünscht oder Gruppen, welche die Gesichter der Kunden tragen. Diese kleinen Menschenporträts sind für sie Herausforderung und Freude zugleich, und wenn die Kunden mit dem Resultat zufrieden sind, freut es sie doppelt. Mit Befriedigung schaut sie auch auf das Kinderbuch, das sie gezeichnet und geschrieben hat: «Laura, eine Geiss aus Gais, reist» heisst ihr Alter ego und soll bald eine Fortsetzung bekommen. Aber noch hat sie neben den vielen Aufträgen nicht die nötige Ruhe und Zeit.

Als gelernte Modedesignerin war sie während vielen Jahren für Textilfirmen in der Ostschweiz tätig, gestaltete Entwürfe und reiste um die Welt. Als die Corona-Krise begann, wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit, ein Entschluss, den sie nicht eine Sekunde bereut hat. «Klar, mir fehlen die Arbeitskollegen, ich habe immer gerne Menschen um mich. Und es braucht Disziplin, wenn man selbstständig ist. Ich arbeite meist an sieben Tagen pro Woche, aber das passt für mich», erklärt sie. Jeden Tag geht sie eine Stunde joggen, dann kommen die Ideen. Anschliessend macht sie sich an die Arbeit, entweder am Tisch im Atelier oder für die grossen Bilder auf dem Wohnzimmerboden.

Es sind nicht nur Tiere, die von ihr gezeichnet werden. Auch Traktoren, Lastwagen und immer wieder Menschen. In anderen Bildern ist ihr Fernweh zu spüren, wenn sie Appenzeller Ziegen und Männer in ihrer farbigen Tracht durch die Strassen von Manhattan spazieren lasst.

«Ich vermisse New York»

«Ach, ich vermisse New York und das Reisen», seufzt sie. «Ich darf gar nicht daran denken…» Als sie in den USA war, vermisste sie die Schweizer Berge, jetzt, wo sie hier ist, fehlt ihr die Stadt. Doch sie mag nicht klagen, ist zufrieden. Ein sehr gutes erstes Jahr liegt hinter ihr. Zwei Ausstellungen laufen und die Arbeit geht ihr nicht aus. Nebenbei absolviert sie in Zürich die letzten Monate des Studiengangs Produktedesign. Und jeden Monat fährt sie zwei oder drei Mal in die Ostschweiz zu den Eltern und den Freunden, die sie dort gelassen hat. Und wenn sie dort geblieben wäre, vielleicht einen Bauern geheiratet hätte? Dann könnte sie ihre eigenen Tiere abzeichnen und müsste keine Fotos als Vorlagen nehmen, oder? «Nein, es ist gut so», lächelt sie. «Wobei», sagt sie «eine Ziege hätte ich gern, das wäre schön.»

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