Mittwoch, 21. April 2021
24.02.2021 11:52
Thurgau

«Keine Produkte importieren, die wir selber anbauen»

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: Daniel Thür

Fast unscheinbar tauchen sie neben einem Einfamilienhausquartier in Romanshorn auf, die riesigen Gewächshäuser der Familie von Stefan und Beatrice Fässler. 1988 hat Fässler die damalige Gärtnerei übernommen und zu einem erfolgreichen, über die Region hinaus bekannten Produktionsbetrieb mit Gemüsen und Früchten gemacht.

Wenn er über seine grosse Leidenschaft zu reden beginnt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er hat so viel Wissen und teilt dieses auch gerne mit interessierten Besuchern. Wir stehen mitten in einem riesigen, sehr aufgeräumten und sauberen Gewächshaus voller Kopfsalate.

80 Prozent zu Coop

«Diese werden hier mit Radiesli, Nüsslisalat und etwas Kohlrabi bei 1 bis 4 Grad angebaut. Im Sommer sind es Fruchtgemüse wie Tomaten, Gurken, Auberginen und Peperoni», erklärt Stefan Fässler. Umgesetzt wird dies in modernen Gewächshäusern mit eigenem Regenwasser, das in Wassersammelbecken gelagert wird.

«Bei extremer Hitze oder auch wie jetzt im Winter mit Kälte und Schnee ist das Gemüse wirklich geschützt und hat ideale Bedingungen zum Gedeihen. Wir können Temperatur, Sonneneinstrahlung und Feuchtigkeit regeln», erklärt er. Verkauft wird die Ernte zu 80% an Coop, der Rest kommt in den Hofladen. Für diesen baut er im Freiland 50 verschiedene Gemüsesorten an.

Sorgfältiger Umgang

Stefan Fässler wurde 1955 in Romanshorn geboren. Als Sohn eines Bodensee-Matrosen half er oft seinem Grossvater in dessen Bäckerei. Als sein Vater das Hobby-Gärtnern zum Beruf machte, kam er einige Jahre später vor die eigene Berufswahlfrage und entschied sich für die Gärtnerlehre.

1967 erstellte sein Vater die ersten Gewächshäuser, welche alle zehn Jahre erweitert wurden. «Der Boden in den Gewächshäusern ist nach all dieser Zeit noch immer sehr fruchtbar und gut, gerade weil wir ihm Sorge tragen. Wenn wir neue Gewächshäuser auf einem frischen Acker erstellt haben, musste man die Erde für den Anbau mit genügend organischer Substanz fit machen», erklärt Fässler.

Salatpreise seit 30 Jahren unverändert

Seit er vor über 30 Jahren den Betrieb übernommen hat, hat sich vieles geändert. Mit den heutigen Gewächshäusern heizt man mit der gleichen Heizung fünfmal mehr Flächen als damals. So mussten früher auch die Beschattung, der Energieschirm (Wärmeregulierung) und die Belüftung von Hand gekurbelt werden, das war viel Arbeit.

Heute regelt dies der Klimacomputer. «Was sich jedoch fast nicht verändert hat, sind die Salatpreise», gibt Fässler zu bedenken. Die Löhne der Mitarbeiter seien jedoch gestiegen. «Dass wir also trotzdem etwas daran verdienen, erreichen wir mit gutem Saatgut, rationeller Bewirtschaftung, grösseren Mengen und einer guten Kultur und Pflanzenschutzstrategie», hält er fest.

Schweizerische Qualitätsbestimmungen für Gemüse

Es brauche täglich ein gutes Management und Fachpersonal um eine optimale Qualität zu produzieren. Doch Fässler sieht das relativ gelassen: «Wir haben die Möglichkeit, Produkte, die nicht ganz der Norm entsprechen, im Hofladen zu verkaufen. So werden z.B. Salate, die äusserlich nicht schön sind, gerüstet und als Herzsalat verkauft.»

Topqualität im Aussehen ist ein Wettkampf unter Produzenten, dem Handel und dem Verkauf. Schon in den 1970er-Jahren wurden die Qualitätsnormen festgelegt. Auch Fässler weiss, dass man Kunden eher mit perfekt aussehendem Gemüse gewinnt. Die Mindestnormen müssen deshalb eingehalten werden.

Umweltschonend produzieren

Dank den modernen Gewächshäusern kann sehr energiebewusst produziert werden. So wird zu 90% fast nur Regenwasser für die Kulturen verwendet. «Einzig für das Waschen des Gemüses wird Leitungswasser benötigt, weil dieses keimfrei ist. Leitungswasser brauchen wir pro Jahr 700 bis 1000 m3, was dem Verbrauch eines Mehrfamilienhauses mit 5 Wohnungen entspricht. Wir sind auf dem Weg, das Gemüse CO2-frei zu produzieren», so Fässler.

Zwei Wärmepumpen sind bereits eingebaut, ebenso ist eine zweite Photovoltaik-Anlage im Bau. Diese liefert den Strom für die Wasserpumpe und den Kühler im Gewächshaus.

Die Familie Fässler aus Romanshorn TG ist auf Salate spezialisiert.
Daniel Thür

Nützlinge werden eingesetzt

Doch auch Tiere leben in den Gewächshäusern. So beispielsweise Bachstelzli, die mehrmals im Jahr ihre Eier ausbrüten. Auch Spatzen, Rotschwänzchen und Meisen kommen hinein und fressen beispielsweise die Raupen und Läuse. «Im Winter füttern wir die Vögel, damit sie bei uns im Sommer ihre guten Dienste leisten. Das hat zur Folge, dass wir in den Folientunnels praktisch kein Insektizid verwenden müssen», sagt Fässler.

Im Sommer arbeiten Fässlers mit vielen 100‘000 gekauften Nützlingen. Neun verschiedene Raubmilben- und Schlupfwespenarten halten die Schädlinge unter Kontrolle.  Ganz ohne Pflanzenschutzmittel geht es aber nicht. «Im Winter können wir beispielsweise beim Salat nicht mit Nützlingen arbeiten. Da in dieser Jahreszeit wenige Schädlinge vorhanden sind, brauchen wir auch wenig Insektizid. Der Salat braucht zu Beginn einen Pilzschutz für gute Startbedingungen, damit er gut anwächst und nicht abfault. Dieses Mittel ist aber bis zur Ernte wieder abgebaut», erklärt Stefan Fässler.

Für Freilandgemüse wie Bohnen, Zucchetti und Krautstiel, welches er in kleinen Mengen anpflanzt, brauche er jedoch so gut wie gar keine Pflanzenschutzmittel.

Betriebsspiegel Fässler Salate
Produktion von Gemüse in Gewächshaus und Freiland
Gemüse im Gewächshaus:
– im Sommer Tomaten, Gurken, Auberginen, Peperoni
– im Winter Kopfsalat, Radiesli, Nüsslisalat und Kohlrabi
Gemüse im Freiland:
– 30-40 verschiedene Sorten
Weiteres:
– 12 Mitarbeiter, (davon 8 Vollzeit)
– pro Jahr werden 800‘000 Einheiten Früchte und Gemüse geerntet
– pro Jahr werden 160‘000 Salate ausgesät, ca. 120‘000 können dann effektiv geerntet werden
– Verkauf des Gemüses: 80% an Coop, 20% im Hofladen
– 3 Regenwassersammelbecken, total 550‘000 Liter
– Ziel: CO2 frei zu produzieren, Umsetzung ist am Laufen.

www.faesslersalate.ch

Engagiert für AquaSan

Wenn im Sommer die Schadensgrenze bei den Schädlingen trotz allen biologischen Bemühungen überschritten ist, wendet Fässler ebenfalls ein Schutzmittel an. Dabei geht es z.B. um eine Menge von einem Milliliter auf 100 m2. Heutzutage können Rückstände aufs Milliardstel rückverfolgt werden. So wurde vor etwa fünf Jahren in den Kontrollen vom Millionstel auf das Milliardstel umgestellt. Vorstellen kann man sich dies mit dem Beispiel eines Würfelzuckers, der aufgelöst im Bodenseewasser nachgewiesen werden kann.

«Ich beschäftige mich intensiv mit dem Umgang und der Anwendung von Nützlingen und Pflanzenschutzmitteln. Deshalb engagiere ich mich auch im AquaSan-Projekt. So werden im Thurgau an zwei Bächen Messungen gemacht, um herauszufinden woher die Rückstände kommen. Einer dieser Bäche ist die Aach», sagt Fässler.

Vertrauensvoll essen

Fässler ist ein Naturmensch. Das sieht man auch daran, dass rund um die Gewächshäuser überall Asthaufen und andere natürlichen Flächen Lebensraum für Pflanzen und Wildtiere, wie Kröten und Eidechsen bieten.

Aus tiefer Überzeugung sagt er: «Schweizer Früchte und Gemüse sind gesund, egal ob Bio oder Suisse Garantie. Sie unterliegen strengen Kontrollen und können mit gutem Gewissen gegessen werden. Es ist nicht nötig, Produkte zu importieren, die wir selber anbauen können. Essen muss gut sein. Dazu möchte ich vertrauensvoll essen können. Das garantieren mir die Schweizer Nahrungsmittel.»

Mehr zum Thema
Regionen

Für die Scheune gab es keine Rettung mehr. - Kapo LUDie Brandursache ist noch unklar. - Kapo LU In Ruswil LU brach am Sonntagnachmittag in einer Scheune ein Brand aus.…

Regionen

Weshalb der Autofahrer in den Traktor donnerte, ist noch unklar. - Kapo LUDer heftige Zusammenstoss hinterliess deutliche Spuren. - Kapo LU Am frühen Dienstagmorgen ereignete sich bei Neudorf LU eine…

Regionen

Eine Waldtafel weist auf den  Aronstab hin. -zvg Hirschkäfer, Aronstab, Schwarzspecht, Lungenflechte: Auf drei Waldparcours im Kanton Luzern können sie zusammen mit weiteren Waldbewohnern entdeckt werden. Zu ihrer Lebensweise gibt…

Regionen

Neben dem starken Nordwind begünstigt auch die grosse Trockenheit Waldbrände. - Symbolbild: Kantonspolizei Nach dem Brand vom Dienstag im Malcantone hat es am Mittwoch in drei weiteren Tessiner Wäldern zu…

One Response

  1. Sehr geehrte Familie Fässler
    Ich bin auf Ihren Betrieb aufmerksam geworden und möchte sie anfragen, ob Sie in den nächsten Monaten temporär jemandem Arbeit geben könnten? Es geht um einen 30-jährigen australischen Bürger, wohnhaft in St. Gallen, mobil, von Beruf Elektriker, der im Moment noch nicht ausreisen kann, der aber gerne eine sinnvolle Arbeit machen würde.
    Ich würde mich sehr freuen über eine Rückmeldung.
    Freundliche Grüsse
    Erika Schmid-Sutter, Oberegg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE