Montag, 8. März 2021
20.01.2021 19:11
Graubünden

Mistkran statt Rucksack

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Von: Vrena Crameri-Daeppen

Gina Orsatti musste ihre Afrika-Reise wegen der Coronapandemie abbrechen. Zurück in der Schweiz findet sie keinen Job. Doch statt Daumen zu drehen, macht sich die Kauffrau auf einem Bauernhof nützlich.

Die Corona-Krise hat das Leben der meisten Menschen auf den Kopf gestellt. Viele mussten neue Wege und Möglichkeiten suchen und sich neu orientieren. So erging es auch Gina Orsatti aus Lenzerheide im Kanton Graubünden.

Lebte bei den Massai

Die 25-Jährige hatte ihre KV-Lehre als Kanzlistin in der Tasche und wollte sich nach einer Stelle im Unterland ihren Traum von einer Reise nach Afrika erfüllen. Alles lief in geordneten Bahnen. Orsatti war bereits im Land, lernte Leute kennen und lebte bei den Massai, als in der Schweiz die Corona-Krise ausbrach. Irgendwann blieb ihr nichts anderes übrig, als eine der letzten Möglichkeiten zu packen, um heimzureisen, bevor der Flugverkehr stillstand.

Zurück in der Schweiz, die Leere. Während der Coronakrise eine Arbeit finden, ist kein leichtes Unterfangen, das wissen alle. Aber nur untätig rumzusitzen und spazieren zu gehen, das ist nicht Gina Orsattis Art. Orsatti wollte etwas tun, etwas erleben, etwas lernen. Schon immer war sie gerne draussen und bei Tieren. Also besuchte sie mit ihrer Mutter einen Landwirtschaftsbetrieb in Surava GR.

Neue Welt entdecken

Mutter und Tochter kamen zu Besuch und packten gleich mit an. Sie halfen, wo es zu helfen gab und wollten alles Mögliche über die Tiere wissen. Am nächsten Morgen stand Gina Orsatti wieder im Stall und fragte, ob sie mithelfen dürfe. Seither ist Gina Orsatti regelmässig auf dem Landwirtschaftsbetrieb anzutreffen.

Für sie geht auf dem Hof eine neue Welt auf. Denn auch wenn sie nicht in der Stadt aufgewachsen ist, waren das Landleben, die Arbeiten auf dem Bauernhof und die Herkunft der Lebensmittel, ihr weitgehend unbekannt.

Begeisterung für Tiere

Anfangs schätze Orsatti vor allem den Kontakt zu den Kühen, zum Jungvieh und zu den Kälbern. Das Streicheln der beiden Pferde, der Katzen und das Beobachten der Hühner. Doch sie wollte mehr wissen und erleben. So war sie erstmals in ihrem Leben bei der Besamung einer Kuh dabei und sah zu, wie Vieh Blut entnommen wurde.

Sie lernte die einzelnen Tiere kennen und staunte nicht schlecht über deren verschiedene Charakteren und «Mödeli». Aber sie musste auch traurige Momente erleben, als Kuh Esthi und ihr Jährling Claudia zum Schlachter gebracht wurden. Erstmals befasste sich Orsatti mit der Fleischproduktion. Das Fleisch des Jerseyhofs vermarktet der Hof nämlich selbst. «Wenn ich daran denke, dass das hier Venus ist, dass ich sie sehr gerne gehabt habe, dass ich sie geputzt habe, dann ist das schon ein komisches Gefühl.»

Jerseyhof

Auf dem Jerseyhof spazieren die Hühner tagsüber überall rum, suchen sich ihre Nahrung, baden im Staub und legen auch noch Eier. Was Orsatti nicht wusste: Hühner leben meistens nicht so. Hühner werden heute in der Schweiz zwar nicht mehr in «Batterien» gehalten, sondern in Freilauf- oder Bodenhaltung, aber wenn die erste Mauser eintritt, die Eierproduktion sinkt, dann ist auch das kurze Leben der Legehennen fertig.

Flair für Maschinen

Auch Maschinen faszinieren Gina Orsatti. Auf dem Betrieb in Surava lernte sie nicht nur das Handling mit dem Mistkran, sondern auch den Mistzetter richtig zu beladen. Dank des trockenen Wetters konnte der Mist heuer mit der Wiesenegge eingerieben werden. Doch Mist einreiben, das heisst auch Traktor fahren. Für Orsatti kein Problem. Sie lernte im Handumdrehen mit dem ihr völlig unbekannten Gefährt umzugehen.

Gina Orsatti, Büroangestellte, begeisterte Tänzerin, Reiselustige. Sie hätte sich nie vorstellen können, dass sie sich einmal für die Landwirtschaft so interessieren würde. Es sei spannend, lehrreich, interessant, anstrengend, und meistens sei sie nach ein paar Stunden auf dem Bauernhof an der frischen Luft todmüde – aber glücklich und zufrieden.

One Response

  1. Zuweilen hat die sog Pandemie auch Ihre überraschenden Seiten. Auch in Italien kehren erstaunlich viele Junge und jüngere zurück in den Süden. Ganz unten gibts ja verlassene Häuser für wenige Euros!

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