Montag, 17. Mai 2021
03.05.2021 18:33
Graubünden

«Regionale Versorgung geht verloren»

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Von: blu

Am 13. Juni wird in der Schweiz über die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative abgestimmt. Der Bündner Bauernverband lehnt die beiden Agrarinitiativen ab. Die regionale Versorgung werde durch die Begehren gefährdet. Die Landwirtschaft habe sich in den letzten Jahren bereits stark in Richtung Ökologie und Bio entwickelt.

Der Abstimmungskampf rund um die beiden Agrarinitiativen ist im vollen Gange. Zahlreiche Komitee in verschiedenen Kantonen warnen vor den Folgen der Annahme. Ein Ja hätte für die meisten Schweizer Landwirtschaftsbetriebe einschneidende Auswirkungen.

Der Bündner Bauernverband trat am Montag in Chur vor die Medien. Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Bauern Direktzahlungen erhalten, die auf Pflanzenschutzmittel, vorbeugend oder systematisch verabreichte Antibiotika und zugekauftes Futter verzichten.

Bedroht Existenz der Betriebe

Für Thomas Roffler, Präsident des Bündner Bauernverbandes, ist das Begehren eine grosse Gefahr für die Landwirtinnen und Landwirte im Kanton. Die Initiative bedrohe die Versorgung mit regionalen Produkten, baue Arbeitsplätze ab und gefährde die Investitionen sowie die Existenz vieler Bauernhöfe. «Sie nimmt in Kauf, dass grosser volkswirtschaftlicher Schaden angerichtet werde», warnte Roffler. 

Die Haltung von Schweinen und Hühnern werde praktisch unmöglich, da zu wenig Flächen für die betriebseigene Produktion zur Verfügung stünden. Er sieht aber auch Gefahren für die Alpung. «Der Austausch von Raufutter unter den Landwirten würde verhindert. Heu vom Heimbetrieb auf die Alp zu führen, wäre verboten», führte Roffler aus.

Zwei Volksinitiativen

Die Pestizid-Initiative fordert ein Verbot synthetischer Pflanzenschutzmittel in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege. Verboten werden soll auch der Import von Lebensmitteln, die mit synthetischen Pflanzenschutzmittel hergestellt wurden oder die solche enthalten.

Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Bauern Direktzahlungen erhalten, die auf Pflanzenschutzmittel, vorbeugend oder systematisch verabreichte Antibiotika und zugekauftes Futter verzichten. Auch die landwirtschaftliche Forschung, Beratung und Ausbildung soll nur unter diesen Bedingungen Geld vom Bund erhalten.

«Gigantische Lebensmittelverschwendung»

Eine Annahme würde zudem eine «gigantischen» Lebensmittelverschwendung zu Folge habe, fuhr er fort. Dies deshalb, weil die Verwertung von 350’000 Tonnen Nebenprodukte aus der Lebensmittelindustrie an die Nutztiere nicht mehr möglich wäre. Roffler wies weiter darauf hin, dass sich der Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft in den letzten zehn Jahren halbiert hat. «Trotzdem ist es ab und zu unumgängliche, prophylaktisch einzugreifen. Mit der Trinkwasserinitiative wäre nicht mehr möglich», sagte Roffler.

Astrid Derungs, Präsidentin der Bündner Bäuerinnen und Landfrauen, geht von einschneidenden Folgen aus, sollte die Trinkwasserinitiative angenommen werden. Für die Selbstversorgung und für den Hofladen möchten die Bauernbetriebe weiterhin Eier produzieren. «Die Bäuerinnen und Bauern tragen mit der Haltung von Hühnern und anderen Kleintieren wesentlich zur Vielfältigkeit der Landwirtschaftsbetriebe bei», führte sie aus.

Astrid Derungs erläuterte die Bedenken der Frauen zu den beiden Initiativen.
BBV

Mehr Einkaufstourismus

Viele Bauernbetriebe hätten gar nicht die Möglichkeit, das Futter selber zu produzieren, da dazu das ackerfähige Land fehle und Getreide und Mais ab einer gewissen Höhenlage nicht mehr angebaut werden könne, stellte Derungs klar. «Mit der Annahme der Initiative würde diese regionale Versorgung faktisch aufgelöst», warnte sie.

Grosse Auswirkungen für die Bündner Bäuerinnen und Bauern befürchtet Astrid Derungs auch bei einer Annahme der Pestizid-Initiative. Schweizerische und ausländische Lebensmittel würden dadurch deutlich teurer. Zudem würde die Auswahl kleiner. Dies befeuert aus Sicht von Derungs den Einkaufstourismus. Vor allem für Personen mit geringem Budget wäre der Einkauf ennet der Grenze eine unausweichliche Option», mahnte sie.

Biozide braucht es für die Hygiene

Fadri Stricker, Vizepräsident des Bündner Bauernverbandes, brachte auch das Stichwort Hygiene ins Spiel. «Der Begriff Pestizide beinhaltet sowohl den ganzen Pflanzenschutz wie auch alle Biozide. Synthetischen Biozide sind aber in der Lebensmittelverarbeitung wie Metzgereien, Käsereien, Reinigung der Melkmaschinen von grösster Bedeutung. Ohne den Einsatz von Keimhemmern ist die Hygiene nicht mehr gewährleistet», erklärte er von den Medien.

Das Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln ist für Stricker sehr problematisch. «Damit eine gute Produktion möglich ist, brauchen die Pflanzen Schutz. Gibt es diesen nicht, fällt je nach Krankheit und Befall die Ernte aus», warnt er. Bei den Ernteausfällen oder einer schlechteren Haltbarkeit würde der Foodwaste zunehmen.

Die Auswirkungen bei einer Annahme sind aus seiner Sicht fatal. Lebensmittel würden teurer, dies wiederum fördere den Einkaufstourismus. Stricker befürchtet gar, dass die Lebensmittelproduktion ins Ausland verlagert würde. Er weist darauf hin, dass in den letzten zehn Jahren der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um über 40 Prozent zurückgegangen ist.

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2 Responses

  1. Regionale Versorgung geht verloren?
    Im Bündnerland die meisten Betriebe bereits Bio.
    Weil der Futterzukauf limitiert ist, können sie etwas weniger Milch und Alpschweine-Fleisch ins Unterland verkaufen.
    Sonst sind sie von den Initiativen nicht betroffen.

    1. Leider sind die Biobetriebe, vor allem bei der TWI , stark betroffen. Der Futterzukauf wird nicht limitiert sondern untersagt wenn man die Direktzahlungen weiterhin will ( braucht).
      Bündner Bio Eier müssten, Eiern aus Bodenhalten von den Niederlanden ersetzt werden…, ich will das auf jedenfall nicht!

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