2.10.2016 06:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl, Rudolf Haudenschild
Interview
«Kein Züchter will seine Kuh massakrieren»
Die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter (ASR) will das Schaureglement verschärfen. Der Neuenburger Kantonstierarzt Pierre-François Gobat und Swiss-Expo-Präsident Jacques Rey warnen vor Hektik.

«Schweizer Bauer»: Die ASR will den Ehrenkodex für Rindviehausstellungen verschärfen. Es sind verschiedene Bestrafungssysteme, etwa mit Gelben und Roten Karten oder auch mit Punkten im Gespräch. Warum wehren Sie sich dagegen?
Pierre-François Gobat: Ich wehre mich nicht prinzipiell gegen Änderungen im System. Der Zeitpunkt ist aber falsch. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat bei Professor Adrian Steiner von der Tierklinik Bern eine Studie in Auftrag gegeben, um den Ist-Zustand zu analysieren. Nun will man seitens der Züchter die Spielregeln ändern, bevor die Resultate der Studie bekannt sind. Wenn es dann wissenschaftlich objektiv erkennbare Probleme gibt, muss man diese gezielt angehen. Schnellschüsse helfen niemandem.

Wann wird das so weit sein?
Gobat: Steiner untersucht total vier Ausstellungen: Die erste hat schon stattgefunden, nämlich die Swiss Red Night in Bern. Dann kommt die Swiss Expo, die IGBS-Ausstellung im Februar in St.Gallen und im April die Expo Bulle. Und dann braucht es noch Zeit, bis die Resultate ausgewertet sind.

Offenbar macht das BLV aber Druck für eine vorgezogene Verschärfung auf die kommende Schausaison...
Jacques Rey: Das stimmt nicht. Alle Vorschläge, welche für den neuen Ehrenkodex gemacht wurden, stammen von den Vertretern der Zuchtverbände in der ASR und nicht vom BLV. Der Druck kommt also nicht von behördlicher Seite, sondern aus den eigenen Organisationen. Leider heulen unsere Vertreter mit den Wölfen und lassen sich von Organisationen und Personen, welche eine Ballenberg-Landwirtschaft anstreben, instrumentalisieren. So können sie sich politisch profilieren.

Pierre-François Gobat, Sie sind seit Beginn der Swiss Expo vor 20 Jahren dabei und heute Mitglied der Kontrollkommission. Gibt es aus Ihrer Sicht  keine tierschützerischen Probleme?
Gobat: Sicher, es gibt immer Probleme. Auch an der Swiss Expo. Aber dort sind 1000 Tiere. Im Verhältnis zu dieser grossen Zahl sind die Probleme und Verstösse aber nicht sehr zahlreich und ganz sicher nicht zahlreicher als in jedem Durchschnittsstall. Bezüglich Euterfüllung kontrollieren wir schon seit 13 Jahren mit ständig besseren Methoden. Wir hatten vor einigen Jahren ein Problem, als die Richter oft in Rückstand gerieten. Dank dem, dass wir jetzt eine Mittagspause machen, kann man notfalls mit keiner oder einer kürzeren Pause die Zeiten einhalten. Man sieht, dass wir stetig das Konzept auch für das Tierwohl verbessern.

Rey: Kein Züchter will seine Kuh massakrieren. Im Gegenteil: Alle seine Anstrengungen laufen darauf hinaus, dass es ihr möglichst gut geht. Die Schaukühe sind ein Symbol der produzierenden Landwirtschaft. Die angestachelten Diskussionen sind vor allem auch eine Attacke auf die produzierende Landwirtschaft. Hier gibt es einen grossen Unterschied zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz. In der Westschweiz haben die Kantonstierärzte das Sagen. In der Deutschschweiz hingegen kann eine Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz (STS), medial aufgeblasen, alle herumkommandieren. Stets besserwissend, lässt sie sich gar nichts erklären.

Wie wird an der Swiss Expo die Einhaltung der offiziellen Tierschutznormen kontrolliert?
Gobat: In der Kontrollkommission sind drei Tierärzte, zwei Bauern und ein Jurist. Drei weitere Tierärzte haben die Oberaufsicht über die Ausstellung, ein Chef und zwei Stellvertreter. Sie kontrollieren und notieren allfällige medikamentöse Behandlungen (Tierjournal). Dieses wird bei Problemen und Entscheiden herangezogen.

Rey: Wir haben an der Swiss Expo auch ein System zur Kontrolle der Euter nach der Schau. Die erst- und zweitplatzierten Kühe werden systematisch mit Ultraschall auf Fremdkörper, aber auch auf den Füllzustand kontrolliert. Da aber nicht immer die bestplatzierten diejenigen sind, welche am schlechtesten vorbereitet wurden, werden auch weiter hinten rangierte Kühe bei Verdacht kontrolliert. 

Sie haben schon Julika Fitzi erwähnt. Sie hat nach der Europaschau in Colmar einen vernichtenden Bericht über die Schau verfasst. Was sagen Sie zu dem Bericht?
Rey: Julika Fitzi spricht in ihrem Pamphlet von Brutalität, ja von Folter. Allein dieses Wort «Folter» diskreditiert sie selber. Ich habe Julika Fitzi in Colmar begleitet. So habe ich sie aufgefordert, im Voraus eine Kuh auszuwählen, diese in den Ring und wieder zurück in den Stall zu begleiten, bis sie gemolken ist. Als Tierärztin hätte sie so beurteilen können, wie es der Kuh geht. Sie hat diesen Vorschlag akzeptiert. Obschon das Euter der Kuh dann nach dem Melken wunderschön zusammenfiel und die Kuh einen hervorragenden Eindruck machte, sagte sie: «Das ändert meine Meinung nicht. Ich bin bezahlt, um solche Milchviehausstellungen in der Schweiz abzuschaffen.»  

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE