4.06.2019 15:07
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Viehschau
«Züchter-Ehrgeiz höher als Tierwohl»
Die übervollen Euter an Viehausstellungen haben die Politik erreicht. Nationalrätin Irène Kälin fordert ein Verbot des Zitzen-Versiegelns. Dieser Forderung schliesst sich auch der Schweizer Tierschutz an. An den Viehausstellungen habe sich nichts geändert.

«Der Bundesrat wird ersucht, die Tierschutzverordnung dahingehend anzupassen, dass bei Rindern das Verschliessen von Zitzen jeglicher Art zu Schau- und Präsentationszwecken verboten wird.» Das ist der Text der Motion, welche Nationalrätin Irène Kälin (Grüne, AG) eingereicht hat.

Sie schreibt in der Begründung für ihren Vorstoss: «Die beliebte Tradition der Viehschauen gerät durch fragwürdige und oft tierschutzrelevante Manipulationen überehrgeiziger Züchter an Ausstellungskühen zunehmend in Verruf.» Der Bundesrat hat sich bereits bereit erklärt, die Motion anzunehmen. Der Nationalrat wird die Motion am Mittwoch behandeln.

Viehausstellungen: Nicht Neues

Und just vor der Diskusson in der grossen Kammer liefert der Schweizer Tierschutz (STS) den Befürwortern der Motion neue Argumente. Die Tierschützer haben im März die Expo Bulle besucht. Man habe dort übervolle, schmerzhafte, hochempfindliche und «extrem manipulierte» Euter mit tropfdicht verklebten Zitzen mit Collodium beobachtet, teilt der STS am Dienstag mit.

Gemäss dem Ausstellungsreglement der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Rinderzüchter (ASR) ist Collodium weiterhin erlaubt: «Das äusserliche Versiegeln der Zitzen ist mit zugelassenen Produkten erlaubt, solange das Wohlbefinden der Kuh nicht negativ beeinflusst wird.» Laut Anhang ist dafür einzig «Collodium 8%» erlaubt.

Ebenso wenig hätten sich die Praktiken beim Fitting geändert. «Während die Tiere für das Styling im Fixierstand angebunden sind, werden durchblutungsfördende Salben und Emulsionen auf die glattrasierten Euter aufgetragen», hält der STS fest. Verärgert sind die Tierschützer über die Organisatoren der Expo Bulle. Diese hätten dem Tierwohl Priorität zugewiesen. Der STS ist aber enttäuscht. «Das Leid der vorgeführten und prämierten Kühe scheint im Hinblick auf die öffentliche Auslobung der «erfolgreichen» Züchter und Aussteller unverändert unbedeutend», so die deutlichen Worte.

Kontrollen von Organisatoren nicht ausreichend

Die von Viehschau-Organisatoren eingeführten Kontrollen möglicher Euterödeme (Ultraschalluntersuchungen) würden nicht ausreichen. «Wurde «nur» ein leichtes Ödem diagnostiziert, erhielten die Tiere in Bulle, trotz nachweislicher Belastung durch die überladenen Euter, keine sofortige Entlastung und wurden weiter in den Wettkampf gezogen», kritisiert der Tierschutz. Erst bei weit fortgeschrittener Belastung seien die Massnahmen wie komplettes Ausmelken und Wettbewerbsausschluss umgesetzt worden. «Ein solches Vorgehen macht den Tierschutz zur Farce und stellt den grenzenlosen Ehrgeiz der Züchter und Aussteller über das Tierwohl», so der STS unmissverständlich.

Deshalb verwundert es nicht, dass der Schweizer Tierschutz die Motion Kälin unterstützt. «Stress, Schmerz, Lärm, Medikamente, Klebstoffe, Sprays, Gels und Lacke gehören definitiv nicht ins natürliche Umfeld von Milchkühen - auch nicht ausnahmsweise an Ausstellungen», betont der Tierschutz. Weiter fordern die Tierschützer, dass Zwischenmelkzeiten von maximal 12 Stunden festgelegt werden, innerhalb derer die Kühe zwingend zum Melken gebracht werden müssen.

ASR gegen Verbot

SVP-Nationalrat Andreas Aebi, Präsident der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Rinderzüchter (ASR), sagt auf Anfrage: «Die ASR lehnt die Motion Kälin ab. Die ASR hat mit verschiedensten Massnahmen alles gemacht, damit wir in dieser Frage in eine gute Linie kommen.» An der Holstein-Europameisterschaft seien Kühe aufgrund der Euterfülle hinausgeschickt worden.

An der Expo Bulle seien fünf Tierärzte anwesend gewesen. Ein Totalverbot des Zitzenverschliessens sei nicht sinnvoll, da es für diese Massnahme auch hygienische und gesundheitliche Gründe gebe. Bauernverbandspräsident und CVP-Nationalrat Markus Ritter lehnt die Motion ebenfalls ab. Er wolle keine weiteren gesetzlichen Vorschriften für die Bauern. Das sei auch die Position des Bauernverbands. Ritter sagt, er sehe aber die Problematik des Themas für die Landwirtschaft. sal

Sollte die Motion im Parlament auf Zustimmung stossen, wollen sich die Verbände nicht dagegen stemmen. «Führt ein politischer Entscheid zu einem Verbot, wird er akzeptiert», sagte Michel Geinoz, Direktor von Holstein Switzerland, Anfang 2019 zu «Schweizer Bauer». 

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