9.09.2016 15:57
Quelle: schweizerbauer.ch - jgr
Bern
«Der Kampf hat sich für mich gelohnt»
Vor einem Jahr musste Bendicht Schlüchter seine Hirsche verkaufen, weil die Haltebewilligung nicht erneuert wurde. Mittlerweile ist er wieder stolzer Hirschbesitzer. Doch der Weg dahin war lang.

Bendicht Schlüchter macht sich auf den Weg zu seinen Hirschen. In der Hand hält er einen Plastikkorb, gefüllt mit altem Brot. Durch Pfeifen kündigt er sein Kommen an.

Doch an diesem Tag reagieren die Tiere nicht so recht auf sein Zeichen, wild rennen sie durchs Gehege. «Wir haben erst letzte Woche 15 Spiesser und Schmaltiere geschossen.» Danach seien die Tiere immer einige Tage sehr schreckhaft, erklärt der Bauer aus Huttwil.

Kragen geplatzt

Doch Schlüchter lässt sich durch die Hektik im Gehege nicht aus der Ruhe bringen. Weniger gelassen hingegen war sein Verhalten in den letzten Monaten gegenüber den Behörden. Denn der Veterinärdienst erneuerte ihm die Haltebewilligung für die Hirsche nicht mehr. Der Grund: Schlüchter hätte einen Haltekurs absolvieren müssen – was er nicht tat. So musste er nach fünf Jahren Hirschhaltung im Juni 2015 seine Tiere an einen Kollegen verkaufen. Die Hirsche blieben zwar weiterhin in ihrem Gehege, doch sie waren nicht mehr in seinem Besitz.

Ausschlaggebend für die Querelen mit den Behörden war nach Schlüchters Aussage eine unterlassene Information. Als er sich 2010 beim Jagdinspektorat telefonisch erkundigt habe, welche Voraussetzungen er für die Hirschhaltung erfüllen müsse, sei ihm nichts von einem Haltekurs gesagt worden, so der Landwirt. «Hätte ich es gewusst, hätte ich das Gehege und die Stallung nicht gebaut.»

Ein Hin und Her

Schlüchter wollte ein Eingeständnis, dass ein Fehler passiert war. Es folgte ein reger Austausch mit dem Veterinärdienst und dem Amt für Landwirtschaft und Natur (Lanat). Da Schlüchter zu diesem Zeitpunkt bereits über mehrjährige Erfahrung verfügte, weil er seit 2005 als Betriebshelfer bei einem Kollegen tätig war, lehnte er den Besuch des sechs Module beinhaltenden Haltekurses bei der Agridea strikte ab.

Mehr noch: Schlüchter gelangte mit seiner Geschichte an die Medien. Gegenüber dem «Schweizer Bauer» sagte er damals, dass er jedoch bereit wäre, einzelne Module wie beispielsweise «Krankheiten der Hirsche» zu besuchen. Der Gang zu den Medien liegt nun gut ein Jahr zurück. Seit ein paar Wochen grasen wieder Hirsche im Gehege, die im Besitz von Bendicht Schlüchter sind.

Zeigte Zeitungsartikel

Den Stein ins Rollen brachte ein Bekannter des Landwirtes. Als angehender Hirschhalter absolvierte er bei der Agridea den obligaten Kurs. Er zeigte der Kursverantwortlichen einen im Spätsommer 2015 erschienenen Zeitungsartikel über Schlüchter. Die Mitarbeiterin reagierte prompt und machte Bendicht Schlüchter schriftlich das Angebot, in den laufenden Kurs einzusteigen.

Daraufhin nahm Schlüchter Kontakt mit dem Veterinärdienst auf. Zudem belegte er, dass er seit Frühling 2005 als Betriebsaushilfe bei einem anderen Hirschhalter tätig war und demzufolge über Erfahrung verfügte.

Bewilligung bis 2026

Und dann kam die Wende: Schriftlich stellte ihm der Veterinärdienst die Hirschhaltebewilligung in Aussicht, unter der Bedingung, dass er die beiden je eintägigen Module «Abschuss» und «Zucht und Krankheit» besuchen müsse. Das hat Bendicht Schlüchter Anfang Jahr dann auch gemacht.

Am 1. Juni hat er gemeinsam mit seinem Kollegen eine Betriebszweiggemeinschaft gegründet. Die Haltebewilligung ist bis 2026 gültig. «Dann bin ich 75 Jahre alt», rechnet er vor. Und ob er dann noch Hirsche halten werde, könne er nicht sagen. Eines weiss der Landwirt hingegen mit Sicherheit: «Der Kampf mit den Behörden hat sich für mich gelohnt.» 

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