10.12.2017 08:56
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Doris Bigler
Digitalisierung
«App kann Handel nicht ersetzen»
Die Micarna will eine App lancieren, mit der die Landwirte zu Direktlieferanten der Fleischverarbeiterin werden können. Der Viehhandel werde dadurch keineswegs überflüssig, sagt der Viehhändlerverband.

«Schweizer Bauer»: Micarna will Anfang 2018 eine App lancieren, mit der  Tierhalter ihre Schlachttiere direkt bei Micarna zur Schlachtung anmelden und wahlweise auch selber transportieren können. Wird dadurch der Viehhandel überflüssig?
Peter Bosshard, Geschäftsführer des Schweizerischen Viehhändlerverbandes (SVV): Die Digitalisierung ist in aller Munde, doch der Viehhandel wird auch diese Epoche annehmen und überleben. Der Viehhandel wird nicht überflüssig, da er Wettbewerb garantiert, den Marktausgleich vornimmt und für marktgerechte Preise sorgt.

Falls der Landwirt die Tiere nicht selber transportiert, koordiniert die Micarna den Transport. Geschieht dies mit Hilfe ausgewählter Viehhändler?

Tiertransporteure kann jedermann beauftragen. Die Kosten der heutigen Viehvermarktung sind nicht zu unterschätzen, und es vermarktet niemand effizienter und kostengünstiger Tiere als der Viehhandel. Jeder, der eine Vollkostenrechnung macht, wird dies erfahren.

Viehhändlern wird ab und zu mangelnde Transparenz vorgeworfen. Nur wenige geben eine Kopie der Schlachthof-Abrechnung an den Landwirt weiter und verrechnen für sich einen klar ersichtlichen Händler- und Transportbeitrag. Was schlagen Sie zur Verbesserung dieser Situation vor?
Die Frage ist richtig gestellt, ab und zu. Der Verband nimmt die Signale solcher Apps und der immer geforderten Transparenz sehr ernst und beschäftigt sich mit dieser Problematik. Wir müssen uns in dieser Sache bewegen. Die Herausforderung wird sein, den besten Mittelweg zwischen Digitalisierung und dem traditionellen Viehhandel zu finden. Der SVV führt zur Zeit einen Test mit einer Vermarktungs-App durch und wird diese zu gegebener Zeit im Markt einführen.

Wie hoch liegt Ihrer Meinung nach eine vernünftige Marge (Händlerbeitrag plus Transportentschädigung) für eine Schlachtkuh, einen Schlachtmuni, ein Schlachtschwein oder ein Kalb?

Der Verband handelt ja selber nicht, darum kann ich auch nicht Stellung zu den Margen beziehen. Die heutige Viehvermarktung ist mit zahlreichen zusätzlichen Kosten und Dienstleistungen  bei abnehmenden Margen verbunden (ISO-Zertifizierung, Aus- und Weiterbildungen, Waaggebühren, Labelprüfungen, etc.) und die Marge ist immer mehr Verhandlungssache. Gerade diese Eigenschaft macht den Viehhandel interessant.

Wieso soll der Bauer weiterhin mit dem Viehhändler zusammenarbeiten anstatt direkt mit der Micarna?

Wie bereits erwähnt, ist der freie Viehhandel Garant für Wettbewerb und marktgerechte Preise. Beim Einsatz von Apps muss immer bedacht werden, dass diese Daten abspeichern und Einsicht in die Bestandszahlen eines Betriebes geben, der Landwirt «gläsern» wird und dadurch der Wettbewerb auf der Stufe Produktion ausgeschaltet wird. Will der Landwirt ein solches Abhängigkeitsverhältnis eingehen? Unternehmer sollen um den Preis feilschen, dass kann nur mit dem Viehhändler gemacht werden und mit keiner App.

Wie will der Schweizerische Viehhändlerverband auf die Micarna-App reagieren?
Der SVV kann der Micarna nicht vorschreiben, was diese zu machen hat. Man ist aber mit den Abnehmern in laufendem Kontakt, um deren Ansprüche an den Viehhandel aufzunehmen, aber auch, um die Besonderheiten des Viehhandels zu erläutern. Schlussendlich werden der Markt und die Qualität der Vermarktung entscheiden. Der Viehhandel muss die Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort in der gewünschten Menge und Qualität anbieten können. Dieses Handwerk wird nie durch eine App ersetzt werden können.


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