4.12.2014 07:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Doris Grossenbacher
Fleisch
Fleisch verursacht nicht unbedingt Hunger
Ein häufiges Argument von Vegetariern ist: Weltweit hungern Menschen, weil Getreide an Tiere verfüttert wird. Sind wir also mitverantwortlich für den Hunger auf der Welt, wenn wir Fleisch essen? Nicht in jedem Fall.

Oft und meist recht undifferenziert wird postuliert, Fleischkonsum bewirke globalen Hunger. So einfach ist es nicht. An einer Tagung an der Hafl in Zollikofen wurde diskutiert, ob und wie ein verantwortungsvoller Fleischkonsum möglich ist. Organisatorin war die Organisation «Allianz share for food» (ASFF). Deren Ziel ist die Hungerbekämpfung auf der Welt. Aber auch Organisationen wie die IP-Suisse, die OGG des Kt. Bern oder Mutterkuh Schweiz unterstützten die Tagung.

Bedeutung der Nutztiere

«Wer sich global ernährt, muss sich die Frage des Hungers stellen», stellte Wendy Peter, Biobäuerin und Co-Präsidentin der ASFF, einleitend zur Tagung klar. Verschiedene Referenten beleuchteten anschliessend das Thema verantwortungsvoller Fleischkonsum aus ihrer Sichtweise.

Fritz Schneider, Leiter Agronomie der Hafl und Präsident des Schweizerischen Komitees der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), zeigte auf, dass 70% der Nutzfläche der Erde durch Nutztiere beansprucht werden. «15% der Treibhausgasemissionen  stammen aus der Tierhaltung, und sie ist der grösste Wasserverschmutzer», so seine schonungslose Darstellung. Aber: «Über 500 Mio. arme Bauern sind für ihre Ernährung und ihr  Einkommen vollständig auf Nutztiere angewiesen.»

Fleischnachfrage steigt

Gemäss FAO steigt die Nachfrage nach tierischen Produkten bis 2050 weltweit um 70%, vor allem in den Entwicklungsländern. «Ich frage mich, wie das mit der zunehmenden Verknappung der Ressourcen erreicht werden soll», stellte Schneider in den Raum.
Seiner Meinung nach ist ein Gleichgewicht von Nachfrage und Angebot nur möglich, wenn wir die Nahrungsmittelverluste reduzieren, gemischte Betriebe fördern, Kraftfutter vernünftiger einsetzen (nicht an Wiederkäuer) und die landwirtschaftliche Produktion nachhaltig intensivieren. Zudem sollten in reichen Ländern die Nahrungsmittelpreise im Verhältnis zum Einkommen steigen. «Es führt aber kein Weg an der Reduktion des Fleischkonsums vorbei», betonte der Agronom.

«Es braucht Weidetiere»

Anita Idel, Tierärztin und Autorin des Buches «Die Kuh ist kein Klima-Killer», hielt ein Plädoyer für die Weidetiere. «Gras nimmt weltweit am meisten Landfläche ein und besiedelt Gebiete, die sonst nicht nachhaltig bewirtschaftet werden können», erklärte sie. «Damit Gras auf Dauer erhalten bleibt, braucht es Weidetiere.»

Zudem seien die Graswurzeln von heute der Humus von morgen. Durch die Grasnutzung werden die Pflanzen zum Wachstum angeregt und lagern CO2 im Boden ein. Dieser Eintrag von Klimagasen sei viel bedeutender als der Methan-Ausstoss der Nutztiere.
«Die heute fruchtbarsten Gebiete der Erde sind alles ehemalige Steppen», so Idel. Infolge des Graslandumbruchs gehe aber die Bodenfruchtbarkeit zunehmend verloren.

Fleischkonsum halbieren

Ein konkretes Rezept zum verantwortungsvollen Fleischessen lieferte Andrea Hüsser von der Organisation «Erklärung von Bern»: «Wenn wir unseren Fleischkonsum halbieren, müssen wir weder Futtermittel noch Fleisch importieren. Denn unser heutiger Konsum beeinflusst Land und Leute in anderen Regionen der Erde.»

Im Workshop «Was der Bauer tun kann» diskutierten anschliessend Weidebeef- und Mutterkuhproduzenten. Fazit daraus: Die Züchtung muss bessere Weiderinder liefern, und die Bauern sollten wo immer möglich die Konsumenten zum Thema sensibilisieren (z.B. bei der Direktvermarktung).

Wichtige Fakten

Einige interessante Aussagen der Tagung:

  • Fleischkonsum pro Kopf und Jahr: USA 115 kg, Westafrika ca. 7 kg, Schweiz 52 kg.
  • Steigende Einkommen, sinkende Lebensmittelpreise, Verstädterung, Bevölkerungswachstum, Werbung usw. fördern den Fleischkonsum.
  • 37% des Fleisches weltweit stammt aus industrieller Produktion (v.a. Hühner und Schweine), 54% aus gemischten Systemen und  nur 9% aus Weidehaltung. 
  • Heute gibt es 1,5 Mrd. Rinder und Büffel. Die Hälfte steht in Feedlots und konkurrenziert mit ihrem Futter die menschliche Ernährung.
SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE