30.05.2019 14:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Jonas Ingold, lid
Viehzucht
«Grosse Vorlieben für Top-Genetik»
Der Luzerner Christoph Böbner ist seit Anfang Jahr Direktor bei Swissgenetics. Das Schweizer Unternehmen für Rindviehgenetik ist Marktleader im Inland und international erfolgreich. Im Interview gibt Böbner Einblick in seine Tätigkeit, sagt, wie er helfen will, das Image der Schweizer Genetik weiter zu steigern und wo die neuen Märkte liegen.

Von der Dienststelle für Landwirtschaft und Wald (Lawa) des Kantons Luzern zu Swissgenetics. Wo sehen Sie die grössten Unterschiede?
Das Aufgabenspektrum bei der Dienststelle umfasste neben der Landwirtschaft auch den Bereich Wald, die Jagd und Fischerei sowie den Natur- und Landschaftsschutz. Obwohl die Gebiete miteinander verwandt sind, entstehen innerhalb der Dienststelle natürlich immer wieder Zielkonflikte. Zielkonflikte in dieser Form kennt die Firma Swissgenetics weniger. Zudem sind wir näher bei der Basis, näher an der Landwirtschaft und dessen Marktgeschehen also. Als privatwirtschaftlicher Dienstleistungsbetrieb erachte ich den Handlungsspielraum von Swissgenetics etwas grösser und weniger politisch gefärbt.

Sie sind auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen. Hat es Sie zurückgezogen?
Ursprünglich habe ich diesem Argument wenig Gewicht beigemessen. Aber bereits nach dem ersten "Surfen" auf der Homepage von Swissgenetics zur Vorbereitung der Bewerbung ist die etwas in den Hintergrund geratene Begeisterung für die Tierzucht wieder an die Oberfläche gekommen. Meine ersten Monate bei Swissgenetics haben diese Motivation bestätigt. Als Bauernsohn glaube ich die Anliegen der Bauern rasch zu spüren und es freut mich, mich für die Rindviehhalter und -züchter einzusetzen. Schliesslich hat der gute Ruf von Swissgenetics und die internationale Dimension unserer Tätigkeiten einen speziellen Reiz.

Stichwort international. Swissgenetics verkauft im In -und Ausland über 1 Million Samendosen pro Jahr. Wo stehen Sie im internationalen Vergleich?
Gewisse KB-Organisationen produzieren 5- bis 10-mal mehr Samendosen als wir. Wir sind demnach ein mittlerer Player, jedoch mit einem sehr guten Renommee. Dieses haben wir unserem qualitativ hochstehenden Produkte- und Dienstleistungsangebot wie auch den grossen Schauerfolgen der letzten Jahre zu verdanken. Dort hat die Schweiz geglänzt. Dadurch sind viele internationale Züchter noch stärker auf die Schweizer Genetik aufmerksam geworden.

Swissness im Zuchtbereich also?
Die Schweiz steht auf breiter Front für gute Qualität, auch bei unseren landwirtschaftlichen Produkten und Dienstleistungen. In unserem Geschäftsbereich ist dies nicht anders. Die hohe Qualität ergibt sich in erster Linie aus der hervorragenden Arbeit unserer Züchter und Rindviehhalter, dann aber auch aus den sehr guten Daten der Leistungsprüfungen, der hochstehenden Zuchtwertschätzung und letztlich dem ausgezeichneten Knowhow und der gewissenhaften Arbeit unserer Mitarbeitenden. Wir erhalten immer wieder positive Rückmeldungen, dass der Besamungserfolg mit unseren Samendosen hoch ist. Das verschafft uns zusammen mit der bekannten Genetik einen guten Ruf. Wir sind zu einem spannenden Marktakteur geworden und stossen auf steigendes Interesse. Wir sind auch seit längerem daran, das Exterieur und die funktionalen Kriterien wie Gesundheit, Fruchtbarkeit oder Langlebigkeit voranzutreiben.

Zu Swissgenetics

Beschäftigte Personen (per 30.06.2018): 367
Verkaufte Samendosen Schweiz: 875'093, davon sind rund 15% gesext
Verkaufte Samendosen International: 394'852

Verschiedene Rassen werden eingesetzt (siehe Bildergalerie), die umgangssprachlichen Bezeichnungen "rot" steht für Red Holstein, "schwarz" betitelt Holstein und "braun" bezeichnet Brown Swiss und Original Braunvieh.

 

Können Sie preislich international mithalten?
Unser Kostenumfeld ist etwas höher und daher ist der direkte Vergleich nicht ganz korrekt. Für eine gute Qualität werden aber auch im internationalen Markt gute Preise bezahlt. Bei qualitativ hochstehenden Samendosen sind wir recht konkurrenzfähig; dies zeigen die steigenden Exportzahlen. Allerdings müssen wir im Export immer bestrebt sein, auch den Umgang mit unserer Genetik zu verkaufen. Wir setzen nicht auf den kurzfristigen Erfolg, sondern auf nachhaltige Partnerschaften mit Ländern, welche unsere Genetik auch sinnvoll einsetzen können. Zudem stecken hinter unseren Produkten hochstehende Selektionsprogramme, welche Qualität garantieren.

Sie sprechen das Zuchtprogramm an.
Genau. Unsere Zuchtprogramme bieten hohe Zuverlässigkeit bei der gezielten Anpaarung, den Leistungsprüfungen und der Zuchtwertschätzung. Es ist beeindruckend, welch vielfältige Informationen wir über unsere Stiere haben. Bei der Zuchtwertschätzung steckt ein komplexer Mechanismus dahinter. Wir überwachen gegen 60 Eigenschaften bei den Stieren und teilweise bis zu x-tausend Verwandten mit mehr oder weniger Verwandtschaftsgrad. All das trägt zu unserer guten Qualität bei. Und Qualität hat ihren Preis. Am Schluss haben wir ein Produkt, bei dem wir eine hohe Zuverlässigkeit für den Zuchterfolg haben, was für den Züchter ein grosser Vorteil ist.

In der Schweiz nimmt der Rindviehbestand ab. Müssen Sie Ihr Wohl im Ausland suchen?
Die in der Schweiz produzierte Milchmenge produzieren wir mit immer weniger Kühen. Die Milchleistung der Kühe hat sich deutlich gesteigert, auch dies ein Erfolg unserer vorzüglichen Zuchtarbeit. Ich bin überzeugt davon, dass die Rindviehhaltung eine strategische Erfolgsposition der Schweizer Landwirtschaft ist und bleiben wird. Denn wir können unsere grossflächigen Wiesen und Weiden am sinnvollsten mit Wiederkäuern veredeln, insbesondere mit Kühen natürlich. Es ist die sinnvollste Nutzungsform im voralpinen Hügelgebiet, in den Alpen und bis hinein ins Talgebiet. Zudem ist die Infrastruktur vieler Landwirtschaftsbetriebe auf die Milchproduktion ausgerichtet, und das Fachwissen der Betriebe ist sehr gross. Auch die Verarbeitung in den Käsereien ist international top und die Märkte sind bereits erschlossen. Schweizer Käse ist eine Marke, welche auch in Zukunft eine grosse Chance hat. Die rund 550'000 Milchkühe werden deshalb nicht einfach so verschwinden. Wir werden einen guten Anteil davon behalten. Und dennoch, das ist so, haben wir bei Swissgenetics weniger Kühe zu besamen. Deshalb ergibt es durchaus Sinn, dass wir uns im internationalen Markt noch weiter entwickeln wollen. Zudem können wir durch den internationalen Absatz unsere Fixkosten besser verteilen.

Wer sind die wichtigsten internationalen Abnehmer?
Bedingt durch die geographische Nähe sind dies vor allen die europäischen Länder, die auf Qualität setzen. Unsere Nachbarn wie Österreich, Deutschland, Italien oder Frankreich sind unsere wichtigsten internationalen Kunden. Sie haben ein ähnliches Qualitäts-Verständnis und schätzen unserer Arbeit. Insgesamt liefern wir unsere Produkte jedoch in rund 70 Länder.

Und wo liegen die Zukunftsmärkte?
Wir haben in Asien Märkte, die sich entwickeln, aber auch in Afrika und natürlich Nord- und Südamerika. Unsere Präsenz ist zum Teil rassenabhängig. Die Originalrassen sind zum Beispiel sehr hitzetolerant, bewähren sich aber auch in kälteren Regionen. Man findet sie in den Anden, aber auch in den Wüsten Nordbrasiliens. Von einem Dutzend Weltrassen beim Rindvieh stammen zwei aus der Schweiz - Simmentaler Fleckvieh und das Braunvieh. Das ist beachtlich für ein kleines Land.

Sie erschliessen auch in Europa neue Märkte.
Ich war kürzlich im Baltikum. Dort gibt es grosse Reserven von Grasland, das wir mit unserer Genetik sinnvoll nutzen können. Es muss nicht immer nordamerikanische Genetik sein, die man zu einem viel grösseren Teil mit Kraftfutter füttert. In den baltischen Staaten wollen wir den Markt auf- und ausbauen. Wir haben sehr erfolgsversprechende Rückmeldungen. Die Genetik ist dabei nur das eine. Wir können nicht einfach eine Dose versenden und darauf hoffen, dass sie richtig eingesetzt wird. Wir setzen auf eine nachhaltige Zusammenarbeit. Dass die Leute mit den Tieren richtig umgehen, dass sie das Vieh richtig füttern; dort bieten wir ebenfalls Unterstützung.

Zurück in die Schweiz. Sie haben ein Angebot von über 2000 Stieren. Wie weiss der Landwirt, was er braucht?
Das ist eine echte Herausforderung. Wir haben auf der einen Seite den Bauern, auf der anderen den Besamungstechniker. Stellen Sie sich den Techniker vor, der in einem Rasse-gemischten Gebiet unterwegs ist. Der muss rot, braun und schwarz einsetzen, hinzu kommen Fleischrassen. Da ist eine logistische Leistung erforderlich. Der Besamer muss zudem kompetent auf Fragen der Züchter antworten können, also das grosse Sortiment gut kennen. Und der Züchter muss sich gut informieren können. Er findet in unserem grossen Produktkatalog, in den fünfmal jährlich zugestellten Katalog-Updates und auf unserer Website sämtliche züchterisch relevanten Angaben zu jedem im Markt angebotenen Stier. Zudem entwickeln wir elektronische Tools zur Unterstützung.

Trotz grosser Auswahl werden knapp 40 Prozent der Besamungen mit 13 Stieren gemacht. Wieso braucht es dennoch das breite Angebot?
Im letzten Geschäftsjahr haben wir mit rund 2'000 Stieren Besamungen durchgeführt. 13 Stiere hingegen machten knapp 39 Prozent der künstlichen Besamung in der Schweiz aus. Dies zeigt, dass es grosse Vorlieben für Top-Genetik gibt. Wir sind über die restliche Breite aber sehr glücklich, weil dies einer Einengung bei den Blutlinien entgegenwirkt.  Der Markt ist aber sehr schnell geworden und die Zuchtprogramm drehen schneller. Es kommen immer wieder neue Stiere hinzu, was das Angebot erweitert. Wir sind wegen der Inzuchtproblematik auch daran interessiert, dass nicht mit sehr wenigen Stieren gearbeitet wird. Bei einer zu einseitigen Entwicklung auf ein paar wenige Stiere erweitern wir das Angebot ganz bewusst. Kommt hinzu, dass unsere Rindviehhalter sehr unterschiedliche Ansprüche und Produktionsbedingungen haben. Wir können aus den rund 25'000 rindviehhaltenden Betrieben in der Schweiz mindestens 20 bis 30 unterschiedliche Betriebsstrategien herauskristallisieren. Die alle haben unterschiedliche Anforderungen an die Stiere. Das bedingt, dass wir ein sehr breites Sortiment führen.

Wo führt die Zukunft von Swissgenetics hin?
In der Schweiz wollen wir unsere Qualitätsstrategie halten und weiterentwickeln. Zudem wollen wir unsere Marktposition stärken und ausbauen. Als genossenschaftliches Dienstleistungsunternehmen der Landwirtschaft wollen wir keine Gewinnmaximierung, sondern einen möglichst grossen Nutzen für unsere Rindviehhalter und Kunden. Wir sind in erster Linie für unsere Kunden da und nicht umgekehrt. Zudem sind wir überzeugt, dass wir für unsere Rindviehhalter nachhaltige Produkte und Dienstleistungen entwickeln und dass diese auch weltweit eingesetzt werden. Wir wollen daher unsere internationalen Aktivitäten ausbauen und stärken. Schliesslich bin ich überzeugt, dass wir an die Schweiz angepasste Zuchtprogramme brauchen. Aufgrund der speziellen agrarpolitischen und topographischen Rahmenbedingungen brauchen wir eine Kuh, die mit einem guten Raufutter möglichst viel Fleisch oder Milch produziert. Unsere Kühe verarbeiten Rohstoffe, die wir hier in Hülle und Fülle haben, in hervorragende Produkte. Deshalb glaube ich an Swissgenetics.

Wie sieht das aktuelle Geschäftsjahr aus?
Das aktuelle Geschäftsjahr ist beeinflusst durch die Trockenheit des letzten Sommers. Wir haben rund 10'000 Milchkühe weniger, normal sind es 3'000 bis 5'000 jährlich weniger. Grund sind die knappen Futtervorräte. Es wird deshalb eher ein durchschnittliches Jahr werden. Wenn unsere Bauern ein schwieriges Jahr haben, dann geht es uns ähnlich. Das ist auch der Reiz an dieser Aufgabe, wieder näher bei der Landwirtschaft zu sein. Näher an der Viehzucht. Wenn man mal als Viehzüchter unterwegs war, wird man das nicht so schnell wieder los.

Zur Person

Christoph Böbner ist auf einem Viehzuchtbetrieb im Entlebuch aufgewachsen. Er schloss an der ETH Zürich als Ing. Agronom mit Schwerpunkt Nutztierwissenschaften ab. Nach seinem Doktortitel arbeitete er beim Schweizerischen Braunviehzuchtverband (heute Braunvieh Schweiz), bevor er während sechs Jahren das Landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum Schüpfheim-Willisau leitete.

Danach war er während fünf Jahren als Vizedirektor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) tätig, wo er die Abteilung Direktzahlungen und ländliche Entwicklung leitete. Bis zu seinem Wechsel zu Swissgenetics auf Anfang 2019 leitete er die Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) des Kantons Luzern.

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