22.01.2019 11:28
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Deutschland
Kein Viehtransport mit «Extrawurst»
In Deutschland wurde mit finanzieller Unterstützung der EU eine neue Schlachtmethode entwickelt. Die Tiere werden auf dem Bauernhof in für sie gewohnter Umgebung getötet. Die neue Methode dürfte aber nur für wenige Höfe infrage kommen.

Die neue Methode soll den Tieren vor allem Stress ersparen, den sie auf dem Weg in den Schlachthof und beim Abladen erleiden können. Stress kann zu gefährlichen Situationen für Mensch und Tier führen und die Fleischqualität beeinflussen. 

Kopf fixiert

Die Projektverantwortlichen von «Extrawurst» wollen dagegen etwas tun. Sie haben ihre Methode am Montag in der nordhessischen Witzenhausen (D) vorgestellt, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Die Tiere werden in vertrauter Umgebung getötet. Mit einer mobilen Einheit, bestehend aus Durchlauffalle und Schlachtanhänger, werden die Tiere auf dem Bauernhof fixiert, betäubt und getötet. Verarbeitet werden die Schlachtkörper in einer Metzgerei. «Das Projekt ist ein enormer Fortschritt für eine tiergerechtere, schonendere Schlachtung und mehr Arbeitsschutz», sagte die Kreisveterinärin Veronika Ibrahim.

Demonstriert wurde die neue Methode auf dem Biobauernhof von Landwirt Sven Lindauer. Seine Angusrinder tun sich mit der Durchlauffalle gemäss dem Bericht der dpa noch ein wenig schwer, denn die mobile Einheit ist für sie Neuland. Doch dann traut sich das erste Rind in die Falle. Zwei Türen fixieren den Kopf. Für die Tiere bedeute die Fixierung kein Stress, so der Landwirt. Dies würden sie beispielsweise von der medizinischen Behandlung her kennen.

Innerhalb 60 Minuten ins Schlachthaus

Nach der Fixierung kommt das Bolzenschussgerät zum Einsatz. Das Tier wird bewusstlos und soll so relativ stressfrei in den Tod gehen, erklären die Projektverantwortlichen. Anschliessend wird das Tier innerhalb von 60 Sekunden mit einer Seilwinde in den Schlachtanhänger gezogen. Dort werden die tödlichen Schnitte durchgeführt und das Tier entblutet.

Nun muss es weiter schnell gehen. Innerhalb von 60 Minuten muss der Schlachtkörper in eine Metzgerei gelangen. Geht das nicht, ist eine solche Schlachtung nicht möglich. Laut EU-Hygieneverordnung müssen die Tiere lebend in den Schlachthof gebracht werden. Die Vorschriften zu erfüllen war die eigentliche Herausforderung. Ein Verbund aus Landwirten, Veterinären, Unternehmen und Behörden fand die Lösung. Der Anhänger zähle als Erweiterung des Betriebs, sagte Dezernatsleiter Ingo Franz vom Bundesland Kassel. 

Schlachtung doppelt so teuer

Massentauglich dürfte das neue Verfahren aber wohl nicht werden. Gemäss ersten Berechnungen verdoppelt sich der Schlachtpreis. Für Landwirt Sven Lindauer lohnt sich der Aufwand trotzdem. Es erlaube direktvermarktenden Landwirten, sich von der Konkurrenz abzuheben und das Tierwohl auch bei der Schlachtung im Blick zu haben, sagt der Landwirt zur Nachrichtenagentur dpa.

Die Entwicklung des Schlachtanhängers kostete gemäss der «Hessische Niedersächsische Allgemein» rund 30'000 Euro (34'000 Franken). Getragen werden die Aufwände durch eine Stiftung. Den Fixierstand, in dem das Rind betäubt wird, stellte die Stalltechnik-Firma Patura aus Bayern her.

Auch die Behörden sehen das Projekt eher als Stärkung der regionalen Strukturen. «Die Fleischerzeugung ist für den Erhalt der wertvollen grünlandreichen Mittelgebirgslagen Hessens von grosser Bedeutung. Die regionale Vermarktung bietet diesen Betrieben die Chance, die steigende Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln zu bedienen», schreibt die Regierung des Bundeslandes Hessen.

Das Projekt «Extrawurst – Entflechtung der Schlachtverfahren für Rinder und kleine Wiederkäuer»  wurde 2017 als Europäisches Innovationspartnerschaftsprojekt (EIP) gestartet. Es wird mit insgesamt 170’000 Euro (194'000 Franken) von der EU und dem Bundesland Hessen finanziert.

Weideschlachtung in der Schweiz

Das Zürcher Landwirtepaar Claudia Wanger und Nils Müller vom Hof "Zur Chalte Hose" haben Anfang Dezember 2018 die gesetzliche Bewilligung für die Weideschlachtung auf ihrem Hof erhalten. Die Bewilligung ist zehn Jahre gültig. Bei der Weideschlachtung wird jeweils ein einzelnes Rind im Beisein der Herde draussen geschossen. Der Rest der Herde bleibt gemäss FiBL auch nach dem Schuss ruhig stehen. Das Rind wird vor Ort entblutet, bevor es in einem nahen Schlachtlokal ausgenommen und zerlegt wird. 

Bei der Weideschlachtung entfalle der enorme Stress durch das Separieren aus der Herde, den Transport, die fremde Umgebung und schliesslich die Fixierung für den Bolzenschuss, hält das FiBL fest. Weniger Stress unmittelbar vor und während dem Schlachtprozess bedeute immer auch eine verbesserte Fleischqualität.

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