3.02.2020 11:51
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Organisationen
«Noch mehr Tiere sollen auf Weide»
Die Agrarallianz hat ein Positionspapier zum Tierwohl veröffentlicht. Mutterkuh Schweiz als Mitglied der Agrarallianz nimmt Stellung zur geforderten Senkung des Tierbestands. Sie fördert ein zusätzliches Weide-Raus.

«Schweizer Bauer»: Laut dem Geschäftsführer der Agrarallianz, deren Mitglied Mutterkuh Schweiz ist, hat es in der Schweiz zu viele Nutztiere. Wo soll der Tierbestand reduziert werden? 
Daniel Flückiger: In der Vergangenheit haben wir einen erheblichen Widerstand der Umweltschutzorganisationen gegen einen Ausbau der Tierwohlbeiträge festgestellt. Wir von Mutterkuh Schweiz haben uns für einen zusätzlichen Beitrag innerhalb des Raus-Programms eingesetzt, wenn die Tiere wirklich geweidet und nicht «bloss» ganzjährig im Laufhof gehalten werden. Da haben die Umweltorganisationen bislang gesagt, das sei schlecht, denn es fördere die Tierdichte. Das jetzt vorliegende Positionspapier fasst das Ergebnis der Diskussion zusammen und zeigt: Es gibt Tierwohlbeiträge, die man ausbauen kann, ohne dass die Umwelt darunter leidet. Die Weidehaltung ist ein gutes Beispiel dafür. Das vor Ort wachsende Futter stellt schon mal eine gewisse Begrenzung des Bestandes sicher, und die Ammoniakemissionen sind bei Tieren auf der Weide tiefer als im Stall und vor allem als im Laufhof. 

Die gestellte Frage ist damit nicht beantwortet. Will auch Mutterkuh Schweiz wie Christof Dietler in der Schweiz gesamthaft weniger Nutztiere?
Die Mutterkuhhaltung, wie wir sie uns vorstellen, findet auf der Basis von betriebseigenem Futter statt. In Jahren mit schlechter Futterernte können Futterzukäufe nötig sein. Auf einer Minderheit der Betriebe kommt Ergänzungsfutter zum Einsatz. Doch die ganz grosse Mehrheit des Futters auf den Betrieben von Mutterkuh Schweiz ist Wiesen- und Weidefutter vom eigenen Hof, ergänzt durch je nach Standort anderes, betriebseigenes Futter. Für andere Produktionsrichtungen der Schweizer Landwirtschaft sind wir nicht zuständig. Für uns ist der Inhalt des Positionspapiers massgebend. Darin steht: «Der Nutztierbestand entspricht der regionalen Futtergrundlage.» Als langfristiges Ziel können alle in der Agrarallianz hinter diesem Satz stehen. 

Im Papier steht: «Reduziert werden soll der Konsum von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft, die insbesondere mit importierten Futtermitteln erzeugt worden sind.» Das zielt auf Geflügel und Schweine. Wie wollen Sie erreichen, dass die Leute weniger Schweizer Poulet,  Eier und Koteletts essen?  
Dazu macht Mutterkuh Schweiz keine Aussagen.  

Im Papier steht auch: «Die bisherigen staatlichen Fördermassnahmen im Bereich Tierzucht haben die bekannten tierschutzrelevanten Konsequenzen der einseitigen Hochleistungszucht gefördert.» Ich frage Sie: Soll es in den Augen der Agrarallianz für Holsteinkühe weiterhin Zuchtbeiträge geben, oder soll es sie bei den Milchkühen nur noch für Zweinutzungsrassen und Swiss Fleckvieh geben? 
Zur Holsteinkuh sagen wir ebenfalls nichts, für sie sind wir nicht zuständig. In der Fleischrinderzucht ist das Ziel, dass es auf Raufutterbasis ein Topqualitätsprodukt gibt, angepasst an unterschiedliche Standorte in der Schweiz, mit der entsprechenden genetischen Vielfalt. Wie es auch im Positionspapier steht: Für uns geht die Tierzuchtstrategie des Bundes in die richtige Richtung.

Noch ein Satz aus dem Positionspapier: «Die Agrarallianz hat sich auch dort einzubringen, wo die Gesetzgebung und Anreizsysteme des Bundes angepasst werden müssen (z.B. öffentliche Beschaffung für Gemeinschaftsverpflegung).» Will die Agrarallianz den Konsum von Bio-, IP-Produkten oder Mutterkuh-Fleisch in Kantinenvon Verwaltung, Schulen und in Kitas staatlich verordnen? 
Die Situation ist die, dass beim Fleisch in 50% der Fälle der Endkunde keinen grossen Einfluss darauf hat, was für Fleisch auf den Teller kommt. Das ist teilweise in der gehobenen Gastronomie der Fall, aber vor allem in der schnellen Ausserhausverpflegung und in der Systemgastronomie, das heisst in Spitälern, Schulen und  Kantinen grosser Arbeitgeber. Personen, die bereit wären, für ein Menü mit Fleisch mit einem Tierwohllabel etwas mehr zu bezahlen, haben dort dazu gar keine Möglichkeit. In der Systemgastronomie gibt es heute fast kein Labelfleisch. Dieser Anteil könnte erhöht werden, wenn sich die Auftraggeber – die öffentliche Hand oder grosse Arbeitgeber –  entschliessen würden, in ihren Beschaffungsaufträgen Tierwohlkriterien aufzunehmen. 

Sie haben gesagt, «entschliessen würden», das wäre ein freiwilliger Akt. Der obige Satz enthält  aber das Wort Gesetz, das tönt nach staatlichem Zwang zu Bio, IPS und Mutterkuh-Fleisch.
Bereits heute ist es so, dass öffentlich-rechtliche Auftraggeber ihre Beschaffung nach gesetzlichen Kriterien richten müssen. Dabei ist der Preis wichtig. Anstelle des oft einseitigen Fokus auf den Preis könnte das Tierwohl höher gewichtet werden und dafür ein Mehrpreis zugelassen werden. Aktuell gibt es einen Trend zur Fleischreduktion. Das könnte insofern eine Chance sein, dass das Fleisch, das noch angeboten wird, aus tierfreundlicher Haltung stammt. 

Noch ein anderer Aspekt zur Umwelt. Agronom Peter Thomet hat öffentlich dargelegt, dass mit Mutterkuhhaltung im Tal vergleichsweise nur  ganz wenige Kalorien pro Hektaren produziert werden. Milchkühe und Ackerbau geben mehr Kalorien. Was sagen Sie zu dieser Ineffizienz pro Fläche?
Das Positionspapier enthält den Grundsatz, dass die tierische Produktion die direkte Lebensmittelproduktion nicht konkurrenzierenr soll. Auf Ackerflächen sollen möglichst Lebensmittel produziert werden, das ist am effizientesten, das ist richtig. Im Talgebiet ist die Mutterkuhhaltung innerhalb der Fruchtfolge auf Kunstwiesen durchaus sinnvoll, auch mit Blick auf die Humusbilanz. Und auch im Talgebiet sind nicht alle Flächen beackerbar. Unser Fokus liegt auf dem Hügel- und Berggebiet. Und unsere Mitgliederstatistik zeigt, dass wir dort verhältnismässig mehr Betriebe haben als im Talgebiet. 

Was ist für Mutterkuh Schweiz das wichtigste Anliegen im Positionspapier zum Tierwohl?
Dass es in der Agrarallianz einen breiten Konsens dafür gibt, die konsequente Weidehaltung mit einem zusätzlichen Raus-Beitrag zu unterstützen. Für dieses Anliegen engagieren wir uns seit Jahren. Auch bemerkenswert ist, dass sich mit dem Positionspapier die Umweltorganisationen hinter den Grundsatz stellen, dass die Tierproduktion ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Landwirtschaft sein kann. 

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